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Lärmbelastung

Das akustisch optimierte Klassenzimmer

Was tun gegen den akustischen Notstand in vielen Klassenzimmern? Am besten hilft da eine professionelle Sanierung. Was damit erreicht werden kann und mit welchen Sofort-Maßnahmen Sie die Akustik in Ihrer Klasse verbessern können, erfahren Sie hier.

Lärmbelastung: Das akustisch optimierte Klassenzimmer Kahle Wände und große Fensterfronten ohne Vorhänge sind nicht gerade geeignet, Schall zu absorbieren © iStockphoto.com/Gloda

Wer selbst die Initiative ergreifen möchte, um den Lärmpegel bzw. die Nachhalldauer im Klassenzimmer zu senken, kann schon mit einfachen Mitteln einiges erreichen: Die Süddeutsche Zeitung empfiehlt in ihrem Dossier „Lärm in deutschen Klassenzimmern“ etwa „Filzgleiter an Tischen und Stühlen (...), Korkpinnwände und Vorhänge“ sowie „das Aufstellen von Regalen“. Letztere sollten übrigens „möglichst unaufgeräumt“ sein, rät Akustiker Markus Bertram in einem kurzen Video zur Schalloptimierung von Tonstudios, sodass man keine glatte, sondern eine etwas zerklüftete Oberfläche bekommt. Damit erreiche man eine „diffuse Wirkung“.

Natürlich gibt es auch akustisch optimierte Schallabsorber in Form von Raumteilern, Flächen- und Fenstervorhängen, Wandbildern, Tapeten et cetera. Doch diese Raum-Elemente sind kostspielig. Filz als Meterware hingegen ist bezahlbar und lässt sich mit wenig Aufwand und etwas Kreativität — zum Beispiel im Kunstunterricht — zur großflächigen Gestaltung glatter Oberflächen verwenden. Auch sonst hat das natürliche Material herausragende Eigenschaften.

Die Redaktion der Rubrik „Fragen & Antworten“ des Wissenschaftsmagazins PM schlägt als kostengünstige Maßnahme vor, „Schall absorbierende Platten (z. B. aus Melaninharzschaum) an Decken und Wänden“ zu montieren. Eine Anleitung inklusive Kostenkalkulation (zwischen 600—800 €) liefern die Unfallkasse Hessen. All diese einfachen „Selbsthilfe-Maßnahmen“ können jedoch eine professionelle akustische Sanierung nicht ersetzen.

Worauf Akustiker in Unterrichtsräumen achten

Im Unterricht gibt es Nutz- und Störsignale (vgl. dazu: Tiesler, Oberdörster, Lärm in Bildungsstätten, Berlin, 2010, im Folgenden „LiB“, S. 11): Nutzsignale, etwa der Lehrervortrag oder die Schülermeldung, sollten für alle hörbar und verständlich sein. Die Hintergrundgeräusche wie Papierrascheln, Stühle-Rücken oder Verkehrslärm von draußen hingegen sind Störsignale. Für eine fehlerfreie Verständigung unter Erwachsenen sollte das Nutzsignal etwa 10 dB lauter sein als die Störgeräusche. Sind Kinder in die Kommunikation involviert, ist sogar ein Signal-Rausch-Abstand von 15 dB erforderlich. Die normale Sprechlautstärke beträgt etwa 50 bis 55 dB, wodurch in der Schule ein Störgeräuschpegel von unter 40 dB erforderlich wäre. Doch Messungen zeigen, dass der Wert sogar in Stillarbeitsphasen selten 50 dB unterschreitet. Zudem muss die Lehrerstimme auch zu weiter entfernten Schülern vordringen, während die Störgeräusche gleichmäßig im Raum verteilt sind.

Die beiden wichtigsten akustischen Kenngrößen sind Nachhallzeit und Sprachverständlichkeit (LiB, S. 14 f.). Die Nachhallzeit (Reverberation Time, RT) bezeichnet „die Zeitspanne, in der der Schallpegel eines Testtones im Raum nach dem Abschalten um 60 dB abgesunken ist“. Dabei gilt: Je kürzer die Nachhallzeit, desto geringer der Schallpegel und desto höher die Sprachverständlichkeit („Hörsamkeit“). Zur messtechnischen Bestimmung der Sprachverständlichkeit erfassen Akustiker den „STI“ (Speech Transmission Index) und den sogenannten „Alcons“ (Articulation Loss of Consonants), der auf die für das inhaltliche Verstehen zentralen Konsonanten (Wurst – Durst) abzielt. Bei hoher Nachhallzeit überdecken abklingende Silben nachfolgende, wodurch die Sprachverständlichkeit sinkt. Hinzu kommt der Lombard-Effekt, der entsteht, wenn mehrere Sprecher im Raum immer lauter werden, um die jeweils anderen zu übertönen, wodurch der Schallpegel steigt. Deshalb sollten gemäß der aktuellen DIN 18041 Nachhallzeiten in Klassenräumen möglichst unter 0,5 s liegen. Die Sprachverständlichkeit sollte auf einer Skala von 0 (unbefriedigend) bis 1 (sehr gut) höher als 0,75 liegen (LiB, S. 20).

Literatur zum Thema:

Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie (Hrsg.): Lärmminderung in Schulen. Wiesbaden 2007.

P. Leistner, J. Hellbrück, M. Klatte, J. Seidel, L. Weber: Lärm in der schulischen Umwelt und kognitive Leistungen bei Grundschulkindern. Stuttgart, Eichstätt, Oldenburg, 2006.

Akustische Ergonomie im Klassenzimmer

Zeitgemäße akustische Veränderungen in Unterrichtsräumen verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz: Ziel ist dabei ein optimales „Zusammenspiel von raumakustischen Faktoren, pädagogischen Trends und Lehrergesundheit“ (LiB, S. 16). Eine Studie der Universität Bremen untersuchte in diesem Kontext, wie sich akustische Gegebenheiten auf die unterschiedlichen Arbeitsformen modernen Unterrichts (Frontalunterricht vs. differenzierte Unterrichtsformen) und auf die physiologisch messbare Belastung der Lehrkräfte auswirken (LiB, S. 16 f.). Ergebnis: Bei Nachhallzeiten über 0,5 s lag der Anteil der „leisen“ Unterrichtsabschnitte nur bei 67 %, bei einem RT von unter 0,5 s jedoch bei 80 %. Bei differenzierten Unterrichtsformen verdoppelte sich der Anteil der „leisen“ Phasen in akustisch optimierten Räumen: „Ein deutlicher Hinweis auf den ausbleibenden Lombard-Effekt bei Partner-, Gruppen-oder Projektarbeit“, schlussfolgerten die Wissenschaftler. Auch blieb bei akustisch guten Bedingungen der „übliche Anstieg des Grundgeräuschpegels über den Schultag hinweg“ aus (LiB, S. 17). Zudem sank die messbare Arbeitsbelastung (Herzfrequenz) der Lehrerin beträchtlich, hinzu kam noch „eine geringere Empfindlichkeit der Lehrerin auf den Stressor ‚Lärm’, und damit ein deutlich entspannteres Arbeiten“.

Auch die Schüler verhalten sich in akustisch optimierten Räumen anders, wie das Beispiel einer 5. Realschulklasse zeigt: Durch Decken- und Wandverkleidung „wurde die Nachhallzeit auf etwa 0,4 s deutlich gesenkt und die Sprachverständlichkeit stark verbessert (STI = 0,85)“ (LiB, S. 19). Zu erwarteten war von der baulichen Sanierung eine verbesserte Schallabsorption von 3 bis 4 dB. Doch der Geräuschpegel sank um das Doppelte, um 8 dB! Die ohnehin schon ungewöhnlich leise und disziplinierte Klasse hatte „in ihrem Verhalten unmittelbar auf die veränderte Lernumgebung reagiert, was zu einer weiteren deutlichen Pegelminderung um durchschnittlich 4 – 5 dB führte“ (ebd.), wie sich überraschenderweise zeigte.

Diese enormen positiven Effekte einer akustisch optimalen Umgebung lassen die Kosten für die Sanierung hallender Räume vergleichsweise gering erscheinen: „Etwa 3000 € kostet die Sanierung eines üblichen Klassenraumes“ schätzt Akustiker Bernd Lehming in einem lesenswerten Artikel der Berliner TAZ: „Baut die Schulen leiser“!

Martina Niekrawietz

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