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Hilfsangebote

Kinder suchtkranker Eltern erkennen und unterstützen

Kinder und Jugendliche suchtkranker Eltern sind nur schwer zu erkennen – und dennoch leiden sie massiv. Hier ist qualifizierte, einfühlsame Hilfe gefragt, sobald die Betroffenen sich in Gesprächen oder durch ihr Verhalten offenbaren.

Hilfsangebote: Kinder suchtkranker Eltern erkennen und unterstützen Kinder leiden, wenn Eltern suchtkrank sind, und versuchen, das Problem zu verbergen © VGstockstudio/Shutterstock.com

Nach der Trennung der Eltern hat es Sandra bei ihrer Mutter nicht mehr ausgehalten und ist zu ihrem Vater gezogen. Die Mutter war oft betrunken und die 13-Jährige fühlte sich hilflos und allein gelassen. Obwohl sie gerade den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen hat, erlebt sie „oft Gefühlschaos“, wie sie in der ARD-Dokumentation „Suchtkranke Eltern“ sagt: „Manchmal wünsch‘ ich mir, dass Mama (...) überhaupt keinen Kontakt zu mir hat, (...) aber manchmal fehlt schon auch die Mama in manchen Situationen.“ Einmal pro Woche besucht Sandra die Kindergruppe „Aufwind“. Beim gemeinsamen Kochen und Essen mit den Therapeuten erzählen die Kinder von ihren Problemen und Erfahrungen: Da ist zum Beispiel Ami, deren Opa sie im alkoholisierten Zustand als „dick und blöd“ beschimpft hat. „Ich hab halt ein bisschen geweint“, erzählt das Mädchen, es habe sie „traurig gemacht“. – Den Kindern tut es sichtlich gut, über die schlimmen Erlebnisse zu sprechen, doch Projekte wie Aufwind sind kostenintensiv und dünn gesät. 

Dabei lebt jedes sechste Kind mit Eltern zusammen, „die alkoholkrank oder von anderen Suchtmitteln abhängig sind“, erfährt der Besucher der Website von NACOA Deutschland, der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien. – Das bedeutet, dass etwa 3–4 Schüler in jeder Klasse betroffen sind. 

Inwiefern beeinträchtigt die Sucht der Eltern das Lernen und den Unterricht? Wie erkennen Sie diese Schüler/-innen überhaupt und wie können Lehrkräfte sie am besten unterstützen? Der folgende Beitrag beantwortet diese Fragen.

Süchtige Eltern – Risiken für Kinder

Die elterliche Sucht ist für die Kinder oft mit extremen emotionalen Belastungen verbunden, zum Beispiel mit Ängsten, dass dem alkoholabhängigen Elternteil im Suff etwas zustößt, dass die schwierigen häuslichen Verhältnisse auffliegen oder dass die Kinder aus der Familie genommen werden. Oft müssen die Kinder Verantwortung für ihre Geschwister oder für die Eltern übernehmen (Parentifizierung). Viele erleben Vernachlässigung, soziale Ausgrenzung, unsichere Bindungen, Konflikte, Aggressivität und Gewalt in der Familie (vgl. dazu die im Kasten verlinkte Broschüre „Kinder aus suchtbelasteten Familien“, S. 12). Ihre Eltern sind nicht zu einem stabilen „Erziehungsverhalten“ in der Lage, auch fehlt es oft an Verlässlichkeit.

Allgemein zeigen Kinder aus alkohol- und drogenbelasteten Familien „ein ungünstigeres Gesundheitsverhalten“ (ebd., S. 16): Sie ernähren sich ungesünder, bewegen sich weniger und verbringen mehr Zeit mit Fernsehen und digitalen Medien. Besonders aber gelten sie als eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung (ebd.). Auch das Risiko für psychische Störungen ist extrem hoch. So treten etwa Störungen des Sozialverhaltens, ADHS, Depressionen und Angststörungen bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen gehäuft auf.

Schüler/-innen mit suchtkranken Eltern erkennen

Schüler/-innen mit suchtkranken Eltern zu erkennen, das ist aus mehreren Gründen gar nicht so einfach: So ist die elterliche Sucht oft ein „Familiengeheimnis“, über das die Kinder nicht sprechen (dürfen). Tun Sie es doch, haben sie Gewissensbisse, weil sie die Eltern „verraten“. Viele Schüler mit suchtkranken Eltern zeigen sich „überangepasst“, schreiben die Experten von NACOA (Link s. o.). Sie verhielten sich „so unauffällig oder so betont vorbildlich“, dass oft gar nicht bemerkt werde, „in welch tiefer Not“ sie sind. 

Eindeutige Indikatoren, die auf eine mögliche Substanzabhängigkeit der Eltern hinweisen, gibt es nicht. Die Betroffenen entwickeln zwar häufiger Verhaltensauffälligkeiten, diese sind jedoch „vielfältig und nicht selten schwierig zu interpretieren“, schreibt Prof. Dr. Michael Klein in seinem Beitrag „Sucht in der Familie: Symptome erkennen – Kinder stärken“ auf der Website der Zeitschrift „nds“. Möglich seien etwa:

  • ein verstärkter Rückzug,
  • früher Substanzmissbrauch (Alkohol, Tabak, Canabis),
  • gestörtes Essverhalten,
  • Selbstwertprobleme,
  • Aggressivität, 
  • Persönlichkeitsentwicklungsstörungen,
  • Vernachlässigungssymptome seitens der Eltern („Ernährung, Kleidung, Pflege und Zuwendung“).

Auch fehlende Hausaufgaben, häufiges Schwänzen und Unkonzentriert-Sein können auf eine familiäre Suchtproblematik hinweisen. Doch für all diese Symptome kann es natürlich sehr unterschiedliche Ursachen geben, deshalb sollte man mit vorschnellen Schlüssen vorsichtig sein. „Auf jeden Fall“, rät Prof. Klein, solche „Wahrnehmungen hinsichtlich möglicherweise gefährdeter Kinder“ im Kollegium zu besprechen und „Hypothesen durch Beobachtung und Befragung zu validieren“. 

Beziehung und Vertrauen aufbauen

Auch sollten Pädagogen „nicht in Aktionismus (...) verfallen, sobald ein Verdacht auf ein familiäres Suchtproblem besteht“, betonen die Autoren der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (BAJ) in ihrem Dossier „Kinder suchtkranker Eltern“ (Link auf der NACOA-Website). Das Wichtigste sei, „zunächst eine vertrauensvolle Beziehung zu dem Kind oder Jugendlichen herzustellen und zu pflegen“ (ebd., S. 2 f.): Aufmerksam zuhören, den Schüler/die Schülerin in seinen/ihren Gefühlen ernst nehmen und ihm/ihr vermitteln, „dass [diese] Gefühle ganz normal sind und dass es in Ordnung ist, traurig, verwirrt oder wütend zu sein“, das führe womöglich dazu, dass er/sie „das Suchtproblem von sich aus anspricht“.

Weiterführende Hinweise

Die aktuelle Forschungslage fasst die Broschüre „Kinder aus suchtbelasteten Familien“ zusammen. Hier finden sich auch Hinweise auf die wichtigsten regionalen und überregionalen Hilfeangebote und auf Beratungs-Websites für Kinder und Jugendliche. 

„Wir wollen als Ansprechpartner für dich da sein und dir das Gefühl geben, nicht alleine zu sein!“ – so fassen die qualifizierten Mitarbeiterinnen von KIDKIT ihren Ansatz zusammen. Das Online-Beratungsangebot richtet sich an Kinder in schwierigen Familiensituationen aller Art (Sucht, sexueller Missbrauch und Eltern mit psychischen Erkrankungen).

Held, Sündenbock, verlorenes Kind, Clown – Kinder in alkoholkranken Familien entwickeln Überlebensstrategien und übernehmen bestimmte Rollenmuster, die Henning Mielke in diesem lesenswerten Beitrag erläutert.

Etwa ein Drittel der Kinder suchtkranker Eltern „geht aus der belastenden Situation mehr oder weniger unbeschädigt hervor“, so das BAJ-Dossier (S. 1). Die Frage ist: Welche Schutzfaktoren schaffen gute Voraussetzungen für den Aufbau solcher Resilienzen? Studien zeigten, dass „das Vorhandensein einer tragenden Beziehung zu einer erwachsenen Vertrauensperson außerhalb der Kernfamilie“ dafür am wichtigsten ist. Ob Großeltern, Onkel oder Tante, Eltern von Freunden oder eine Lehrkraft – Hauptsache, die Person ist zuverlässig präsent, hört dem Kind zu und gibt ihm das Gefühl, „ein liebenswerter und wertvoller Mensch zu sein“ (ebd., S. 2). 

Ein stärkendes Lehrer-Schüler-Gespräch

„In den meisten Fällen“ suchen die Kinder „die Ursache für die Sucht und das Unglück der Eltern“ bei sich. Deshalb ist der zweitwichtigste Schutzfaktor „die Einsicht, dass die Eltern an einer Krankheit leiden“. (ebd.) Dies könnten Sie dem Betroffenen in einem Gespräch unter vier Augen vermitteln. Was Sie darüber hinaus ansprechen sollten, um den Schüler/die Schülerin zu entlasten, fasst das BAJ-Dossier (S. 2) in einem kurzen Gesprächsleitfaden zusammen: „Deine Eltern sind wegen ihrer Sucht keine schlechten Menschen“ – mit dieser Aussage wertschätzen Sie die Eltern – und auch die Kinder, die „sehr loyal gegenüber ihren Eltern“ sind und sie schützen wollen. 

Weitere entlastende Informationen über die Sucht der Eltern/des Elternteils: „Du hast keine Schuld am Suchtproblem.“ Und: „Du kannst deinen Eltern nicht helfen und es ist auch nicht deine Aufgabe, ihre Sucht zu kontrollieren oder zu heilen.“ 

Im Leben einer Suchtfamilie ist alles auf die Sucht ausgerichtet: „Der Alkoholiker schaut auf die Flasche, die Angehörigen schauen auf den Alkoholiker. Die Kinder werden oft nicht wahrgenommen“, weil ihre Eltern viel zu sehr „mit sich und dem Suchtproblem beschäftigt sind“, so fasst Doris Friedrich die Situation in suchtbelasteten Familien zusammen (vgl. Fachbrief Suchtprophylaxe Nr.5 – 3/10, S. 2, Link auf der oben verlinkten NACOA-Seite). Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder auch erkennen, dass sie das Recht haben, Kind zu sein, zu spielen, auf sich zu achten und für sich zu sorgen. 

Natürlich ist ein solches Gespräch nur ein Anfang. Als Lehrkraft haben Sie nur sehr begrenzte Kapazitäten, um Kinder aus suchtbelasteten Familien zu begleiten. „Machen Sie sich bewusst, dass Sie Verantwortung übernehmen und stellen Sie sicher, dass Sie die nötige Zeit und Kraft haben, dem Kind über einen längeren Zeitraum beizustehen“, empfiehlt Doris Friedrich deshalb. Am besten überlegen Sie bereits im Vorfeld, welche Angebote in Ihrem Rahmen liegen und welche weiteren Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Die NACOA-Website informiert Sie ausführlich über Hilfsangebote unter der gleichnamigen Rubrik.

Martina Niekrawietz

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