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Schulstart/Schüler

Psychische Gesundheit: Wieder stark werden im (Schul-)Alltag

Wenn die Schüler wieder in die Schule kommen, ist der Lernstoff nicht das einzige Problem. Viele hat die die Quarantänezeit psychisch sehr belastet. Ein Grund mehr, auch das zu einem Unterrichtsthema zu machen, um sie emotional zu stärken.

Schulstart/Schüler: Psychische Gesundheit: Wieder stark werden im (Schul-)Alltag Für viele Schülerinnen und Schüler eine ungewohnte Situation: eine Schutzmaske in der Schule tragen zu müssen © Toey Toey/Shutterstock.com

Die Corona-Krise lässt vermutlich auch traurige, verunsicherte oder gar misshandelte Kinder und Jugendliche zurück. Diese Situation besitzt Konfliktpotenzial: Ängstliche oder psychisch instabile Kinder haben Probleme, die Krisenerfahrung zu überwinden. Schwieriger wird es zudem, wenn das Elternhaus keinen Rückhalt bietet oder zu einem Ort der Gewalt oder Vernachlässigung wird. Diese Kinder und Jugendlichen haben nicht nur Unterrichtsstoff verpasst, sondern ihnen fehlt auch die Schule als ein sicherer Ort, an dem sie Freunde und Vertrauen finden können. Eine gewohnte Tagesstruktur und adäquate Lernumgebungen fallen ebenso weg. Der Kinderschutz ist nahezu aufgehoben.

Das heißt, dass durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise für alle – sowohl für Schüler als auch für Lehrer – möglicherweise psychosoziale Effekte eintreten und die psychische Gesundheit beeinträchtigt ist. Die Schüler sind verunsichert, wie es weitergehen soll. Jeder von ihnen hat die Zeit der Krise anders erlebt. Die Kinder und Jugendlichen müssen Ängste und Erfahrungen durchstehen und kommen mit vielen eigenen Problemen in die veränderte Schulsituation zurück. Auch die Lehrer stehen unter enormer Anspannung. Sie müssen selbst mit der für sie bedrohlichen Situation fertig werden und dafür sorgen, dass nach und nach die Schüler zurück in den Schulalltag finden.

Gut geplante Programme geben Rückhalt

Besonders wichtig ist nun, sich auf die nächste Zeit vorzubereiten, da niemand sagen kann, wie lange die Schutzbestimmungen noch anhalten. Die Schüler werden schrittweise in die Schule zurückkehren. Lehrer müssen sich auf Krisen- und Gewaltprävention im Zusammenhang mit der Klassensituation einstellen. Sachliche Informationen müssen vorbereitet und situationsbezogene schulinterne Programme zusammengestellt werden. Das Lernen auf Distanz und mit Schutzmaßnahmen will organisiert sein. 

Die Schüler wollen auch von der Schule über die allgemeine Lage in der Gesellschaft informiert werden. Allerdings sollte dies in einem sachlich informativen Rahmen stattfinden, damit der Schulalltag langsam wieder zur Normalität zurückfinden kann – sofern das überhaupt möglich ist. Projekte und fächerübergreifende Vorhaben können dabei helfen, an den Unterricht wieder anzuknüpfen.

Im Folgenden wird ein Projekt für den Sek1-Bereich vorgestellt, das sich auf die psychosozialen Probleme bezieht und sich mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als Prävention und Intervention beschäftigt. (vgl. A. Hentschel in „Psychische Erkrankungen bei Schülern – Symptome erkennen und sensibel handeln. Erscheint im Juli 2020)

Projekt für psychische Gesundheit der Schüler

Um die Schüler für dieses Projekt zu motivieren, ist es möglicherweise ratsam, nicht die Überschrift „Psychische Gesundheit“ zu wählen, sondern die Projektwoche zum Beispiel mit dem Thema: „Fit durch Gesundheitsförderung von Körper, Geist und Seele“ oder „Stark im Alltag“ anzukündigen. Hier ist es auch angezeigt, vor dem Start die Eltern mit einem Elternbrief zu informieren.

Die Schüler sollen in verschiedenen Themenfeldern unterrichtet werden und durch die Förderung von Bewegung, Wertschätzung von sich und anderen, Ressourcenorientierung und Softkills zu einer psychisch stabileren Haltung finden. Dadurch werden sie wieder aufnahmebereiter und konzentrierter. Die Themenbereiche können ebenso den Fächern Deutsch, Sport, Gesellschaftslehre, Kunst und Hauswirtschaft zugeordnet werden.

Die aufgeführten Themenfelder werden von den Lehrern stufenweise angeboten, zu denen sich die entsprechenden Schüler eintragen können (z. B. alle Schüler der Jahrgangsstufe 10 verteilen sich auf die Angebote). Wenn es möglich ist, können Fachkräfte (z. B. aus den Bereichen Ernährung, Medizin und Sport) eingeladen werden, die – mit dem nötigen Abstand – zusätzliche Informationen weitergeben oder Vorträge halten. Die Ergebnisse werden nach der Projektwoche, sichtbar für alle, auf langen Papierbahnen im Schulflur präsentiert, damit sich jede Lerngruppe separat darüber austauschen kann. 

Folgende Themenfelder werden von den Lehrern angeboten:

Schüler mit ihren Sorgen ernst nehmen

Die Schüler haben ein Recht auf Information bezüglich der Corona-Krise und ihre Auswirkungen. Dabei geht es nicht nur um das Fachwissen bzw. die Bedeutung des Virus. Die gesellschaftliche Belastung, die Folgen und psychischen Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen sollten Inhalt von Gesprächen mit den Schülern sein. 

Möglicherweise wollen einige auch über eigene Situationen berichten. Fragebögen über Erfahrungen, Stress oder familiäre Belastungen geben Auskunft. Zum Beispiel mit folgendem Inhalt:

  1. Was ist der Unterschied zwischen psychischer (seelischer) und physischer (körperlicher) Gesundheit?
  2. Was kann dazu führen, dass man sich psychisch schlecht fühlt?
  3. Welche Folgen kann eine psychische Belastung für den Betroffenen oder die Familie haben?
  4. Wie kannst du dich verhalten, wenn du einen Mitschüler hast, der sichtlich psychische Probleme hat?
  5. Was kannst du tun, wenn es dir seelisch nicht gut geht?
  6. Welche wichtigen Faktoren/Punkte gehören zur psychischen Gesundheit?
  7. Was macht dich stark?

Zurzeit gibt es noch eine Verordnung zur Maskenpflicht in allen Bundesländern (bitte Hygienevorschriften einzelner Länder beachten). Das bedeutet für viele auch eine persönliche Einschränkung. Dennoch sollten die Schüler über die Notwendigkeit informiert werden. Ein Informationsblatt mit folgendem Inhalt (je nach Jahrgangsstufe) wird besprochen:

Die Masken müssen getragen werden:
•    in der Schule,
•    beim Einkaufen,
•    beim Fahren mit Bahn oder Bus und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln.
Darauf muss geachtet werden:
•    die Maske muss eng anliegen und Mund und Nase komplett bedecken,
•    vor dem An- und Ausziehen gründlich die Hände waschen,
•    in der Schule und anderen öffentlichen Gebäuden Desinfektionsmittel benutzen,
•    die Maske beim Tragen möglichst nicht berühren.
•    die Maske mindesten bei 60 Grad waschen.

Die Schüler tauschen sich im Gespräch über ihre Erfahrungen oder ihr Wissen aus oder schreiben darüber.

Achtsames Verhalten sich und anderen gegenüber trainieren

Denken und Fühlen sind wichtige Komponenten der Psyche und stehen im Zusammenhang mit der Wahrnehmung. Bildbetrachtungen von bestimmten Situationen (z. B. Gewaltszenen, Bilder über sichtbare Abhängigkeit oder Freundschaft) können dazu anregen, sich darüber auszutauschen, welche Gefühle, Gedanken diese womöglich bei den einzelnen Schülern auslösen, um in einem zweiten Schritt diese Situation und die ausgelösten Gefühle zu analysieren. Wichtig ist dabei ist, dass das Wahrnehmen ohne Bewertung registriert wird, als achtsames Verhalten im Alltag. Folgende Übungen dienen als Anregung.

  • Laufe einmal allein durch die Schule und beobachte genau, was du siehst. Warst du mit deinen Gedanken ausschließlich bei dem Rundgang? Hast du das, was du wahrgenommen hast, nur beobachtet oder auch bewertet? Schildere sachlich, ohne zu bewerten, was du gesehen hast.
  • Jeder denkt sich eine Handlung an seinem Platz aus und führt sie konzentriert durch: z. B. aufstehen und den Stuhl zurechtrücken, wieder hinsetzen, etwas aus der Tasche nehmen, auf den Tisch legen und wieder zurückpacken etc. Jede Handlung wird konzentriert ausgeführt und möglichst verbal beschrieben. Beispiel: „Jetzt drehe ich meinen Stuhl um“ usw. Im anschließenden Lerngruppengespräch berichten alle darüber, wie diese Übung für sie war. Hierbei spielen auch Gefühle und Gedanken eine Rolle, die man dabei hatte – oder auch, ob man einfach gar nichts dabei dachte und nur die Tätigkeit konzentriert ausgeführt hat.
  • Alle sitzen an ihrem Platz und schließen ihre Augen. Jeder konzentriert sich nun auf seine Atmung, die Stille und die eigene Wahrnehmung. Nach einiger Zeit können die Augen geöffnet werden. Jeder berichtet, was er wahrgenommen, gefühlt oder gar auch gerochen hat.

Hilfsangebote

Sollte die Situation in einer Klasse zunehmend erschwert sein, durch Kinder und Jugendliche, die traumatisiert oder schwer depressiv sind, können Sie Hilfe holen. In den verschiedenen Bundesländern, auf kommunaler oder Kreisebene, gibt es ein schulpsychologisches Krisenmanagement, dass im Bedarfsfall hinzugezogen werden kann.

Auch das Thema Freundschaft spielt jetzt eine große Rolle, denn viele Kinder und Jugendlichen habe ihre „Best Friends“ lange nicht gesehen. Dieses sensible Thema können Sie einkreisen mit Fragen wie: Was bedeutet Freundschaft? Wie gehe ich mit Freundschaft in Corona-Zeiten um? Was ist wichtig? Lassen Sie Ihre Schüler kreative Ideen entwickeln, wie man sich auch über die erzwungene Distanz nahe sein kann. Möglicherweise haben Schüler ein starkes Bedürfnis, ihrem Freund oder ihrer Freundin etwas Nettes zu sagen. „Briefe an einen Freund“ könnten ein Thema sein.

Das Thema Ernährung ist für diese Projektwoche ein wichtiger Baustein. Dabei geht es darum, den Schülern zu vermitteln, wie wichtig eine gute Ernährung für die psychische Gesundheit ist. In der Lerngruppe können die Schüler erzählen, wie sie sich ernähren. Sie erhalten Informationen verbal oder durch Bilder, welche Nahrungsmittel zu den gesunden gehören und welche nicht. Jeder Schüler kann auflisten, wie er sich während der Krise ernährt hat. Anschließend erstellt jeder einen Wochenplan, wie seine eigene gesunde Ernährung in einer Woche aussehen könnte.

Schüler in Selbstwert und Selbstwirksamkeit bestärken

Schüler mit einer psychischen Beeinträchtigung zeigen ihre Probleme oftmals, in dem sie den Unterricht stören, in Konfliktsituationen geraten, gewaltbereit oder nicht ansprechbar sind. Häufig geht dieses Verhalten zusammen mit einem geringen Selbstwertgefühl,  Unsicherheit und Selbstzweifeln einher. Daher ist es äußerst wichtig, die eigenen Ressourcen zu erkennen und ausleben zu können. Mit Ressourcen sind in diesem Zusammenhang die Fähigkeiten, Kompetenzen und Handlungsmöglichkeiten gemeint, die ein Schüler braucht, um schwierige Situationen zu überstehen. Das Nutzen oder Erkennen dieser Fähigkeiten tragen zu seiner psychischen Gesundheit bei. Dazu gehören Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit, ebenso der Mut, sich zu behaupten, Lernerfolge selbst wahrzunehmen und Stressregulierung zu üben.

Kreative Fächer wie Kunst, Musik, Theater und auch Literatur können diese Ressourcen hervorheben und fördern. Innerhalb dieser Projektwoche können unterschiedliche Themen von verschiedenen Lehrern angeboten werden.

  • Kunst: Die Schüler malen nach eigenen Vorstellungen, wie sie die Zeit der Krise erlebt haben. Sie erstellen Werbeplakate, was in der Krisenzeit angeboten werden könnte. Sie malen frei und intuitiv nach musikalischer Begleitung.
  • Musik: Eigene Texte schreiben, die sich auf die jetzige Zeit beziehen und einen Rap erstellen. Sich freitrommeln nach Trommelrhythmus. Vorgegebene Kunstwerke (als Kopie) mit Instrumenten musikalisch interpretieren. Für beliebte Musikstücke einen neuen, aktuellen Text schreiben – das dann auch in Verbindung mit dem Deutschunterricht.
  • Theater: Szenisches Spiel durch Bewegungstheater am Platz. Themen, die die Schüler interessieren, durch Körperarbeit, wie Mimik, Gestik, Bewegung, erarbeiten. Kleine Szenen mit Text spielen bzw. lesen, zu Themen, die Schüler bewegen. Eventuell auch den Text selbst schreiben lassen. Kleine Szenen erarbeiten zu den Sätzen: „Ich bin gut, so wie ich bin“, „Ich lasse mich nicht unterkriegen“, „Ich kann stolz auf mich sein“.
  • Deutsch: Die Schüler schreiben eigene Texte oder Gedichte selbst, die sich mit dem augenblicklichen Thema beschäftigen. Bücher lesen und besprechen, die ein ähnliches Thema wie Corona behandeln: z. B „Die Pest“ von Albert Camus. Dazu interessante Textstellen heraussuchen, zusammenstellen und in einer kleinen Lesung vortragen.

Das Einüben von Soft Skills, also sozialer Schlüsselqualifikationen, schafft die Basis dafür, sich konstruktiv und auch emotional mit einer Situation auseinandersetzen zu können und sich somit letztendlich gut zu fühlen. Das geht auch mit körperlichem Abstand. Dazu gehört das Trainieren von Fähigkeiten wie: Nein sagen zu können, verbale Angriffe zu ignorieren, Fairness, verhandeln, Gefühle einordnen, sich zurücknehmen, sich etwas sagen zu lassen, ruhig zuhören, Hilfsbereitschaft, Kooperationsfähigkeit. Spiele, Gespräche und Rollenspiele bieten vielfältige Möglichkeiten, diese Fähigkeiten auszubauen.

Fazit: Denken Sie daran, dass alle Lehrer und Schüler in allen Bundesländern gleichermaßen von Schule in Corona-Zeiten betroffen sind. Umso wichtiger ist es, achtsam miteinander umzugehen und Lösungen für Probleme gemeinsam, durch Austausch und Gespräche, anzugehen. Der verpasste Lehrstoff ist nicht das Einzige, was den Schülern während oder nach der Pandemie-Krise fehlt. Um so wichtiger ist ein Unterricht, der Spaß macht und darauf ausgerichtet ist, nicht nur die geistigen Fähigkeiten zu fördern, sondern auch die psychosozialen Kompetenzen zu stärken und den Schülern wieder ein Stück Vertrauen, Sicherheit und Zuversicht zurückzugeben – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die aus bildungsfernen Schichten oder vernachlässigten Elternhäusern kommen.

Angela Hentschel

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