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Infektionsschutz

Risiko Aerosole: Lüften allein reicht nicht!

Der Mund-Nasen-Schutz und die Abstandsregeln fallen während des Unterrichts im Klassenraum fast überall weg. Problematisch, meinen Experten, denn Lüften allein genügt nicht, um infektiöse Aerosole aus dem Klassenraum zu vertreiben.

Infektionsschutz: Risiko Aerosole: Lüften allein reicht nicht! Ohne Mund-Nasen-Schutz können sich infektiöse Aerosole ungehindert verbreiten © bluecrayola/Shutterstock.com

Viele Lehrkräfte und Eltern sind beunruhigt: Nach den Sommerferien startet in allen Bundesländern wieder der Unterricht – meist mit wesentlich größeren Lerngruppen als bei den stufenweisen Schulöffnungen nach dem Lockdown. Nachdem auch NRW die Maskenpflicht im Unterricht zum 1.09.2020 aufhebt, ist nirgendwo mehr für Schüler ein Mund-Nasen-Schutz während des Unterrichts vorgeschrieben (Stand 30.08.20), obwohl die Abstandsregeln aufgrund der räumlichen Enge in den wenigsten Unterrichtsräumen eingehalten werden können. 

Dabei steigen derzeit deutschlandweit die Infektionszahlen. Zudem gibt es beunruhigende neuere Erkenntnisse über die Infektionswege des Virus, die in den Hygienekonzepten der Länder bisher nur unzureichend oder gar nicht berücksichtigt sind: Immer stärker kristallisiert sich bei Studien die Ansteckungsgefahr durch Aerosole heraus. 

Dieser Beitrag informiert Sie über die winzigen Schwebeteilchen, die sich in geschlossenen Räumen ohne Luftaustausch minuten-, oft auch stundenlang in der Luft halten. Und Sie erfahren, welche Maßnahmen Sie und Ihre Schüler/-innen in den kommenden Herbst- und Winterwochen am besten vor einer Ansteckung durch infektiöse Aerosole im Klassenzimmer schützen können – wenn sie denn in Ihrer Schule ermöglicht werden. 

Die Gefahr durch Aerosole

Was macht Aerosole so gefährlich? Und warum sind diese kleinsten Tröpfchen drinnen gefährlicher als draußen? Diese Fragen beantwortet ein Video auf der Website ZEIT-ONLINE in viereinhalb Minuten. Hier erfährt der Betrachter, dass wir alle die nur millionstel Millimeter großen Partikel permanent schon beim Atmen abgeben, aber auch beim Niesen und Husten, Singen, Schlafen und Bewegen. 

Besonders viele Aerosole entstehen beim Sprechen, noch mehr, wenn wir laut reden. Auch bestimmte Konsonanten (z. B. s, sch, p, f) und Vokale (a, i) bedingen einen erhöhten Ausstoß. Wie sich die Aerosole im Raum verteilen, hängt von vielen Faktoren ab. Selbst wenn wir voneinander Abstand halten, können Sie auf unsere Schleimhäute und in unsere Atemwege gelangen, wie das ZEIT-Video anschaulich zeigt. 

Je mehr und je länger Schüler/-innen in einem Raum sind, desto mehr Aerosole kursieren. Auch die Temperatur und Luftfeuchtigkeit ist ein wichtiger Faktor, denn infektiöse Aerosole halten sich besonders lange in kühler und feuchter Luft. Und weil Kinder und Jugendliche oft asymptomatisch sind, können sie Lehrkräfte und Mitschüler allein beim Sprechen und Atmen „möglicherweise tagelang“ unbemerkt infizieren.

Stoß- und Querlüften genügt nicht

Reicht es denn aus, wie z. B. im Rahmenhygieneplan der Kultusministerkonferenz vorgesehen, „mindestens alle 45 min (...) eine Stoßlüftung bzw. Querlüftung durch vollständig geöffnete Fenster über mehrere Minuten“ vorzunehmen? Das verneint Prof. Martin Kriegel von der TU Berlin, der die Verteilung von Aerosolen in geschlossenen Räumen erforscht. Im Gespräch mit der taz erklärt er, es sei „überhaupt nicht kontrollierbar, wie viel frische Luft durch ein geöffnetes Fenster hereinkommt“. Das hänge von der Windgeschwindigkeit und von den Außen- und Innentemperaturen ab. Zudem verbinden „Laien“ in der kalten Jahreszeit „die Menge an Frischluft mit der gefühlten Temperatur“: Wenn es „angenehm kalt“ ist, glauben wir, dass genug Frischluft im Raum ist. Doch gerade im Winter reiche „das meist (...) nicht aus, um die Aerosole aus dem Raum hinauszutransportieren [sic!]“. 

Klassenzimmer richtig lüften und CO2-Gehalt messen

Wie lüftet man nun am besten einen Klassenraum? Am besten dauerhaft, mindestens aber 10 bis 15 Minuten nach einer Schulstunde, empfiehlt Martin Kriegel (ebd.), und zwar „mit voll aufgerissenen Fenstern und leerem Klassenzimmer!“ In einem Nachrichtenportal für Lehrer rät er außerdem zum Einsatz von CO2-Messgeräten. Mit 30 bis 200 Euro sind diese Geräte relativ kostengünstig. Wie bei einer Ampel warnen Anzeigen mit den Farben gelb und rot, wenn der CO2-Gehalt, und damit auch der Aerosolanteil in der Luft, zu hoch ist. 

Abstand und Maskenpflicht im Unterricht wäre ratsam

Die Entscheidung, auf Masken und Abstand im Unterricht zu verzichten, kann Martin Kriegel nicht nachvollziehen. „Ich bin für eine Maskenpflicht auch im Unterricht“, sagt er im Interview mit dem rbb und erklärt auch gleich, warum: Immer, wenn wir ausatmen oder sprechen, kommt „eine Aerosol-Wolke aus dem Mund“, wenn wir keine Maske tragen, „in einer hochkonzentrierten Form“. Diese Wolke bekommen Personen voll ab, die direkt gegenüber oder neben uns sitzen. Und das ist riskant, denn je mehr Viren wir aufnehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir uns anstecken. Ein Mund-Nasenschutz hingegen verhindert, „dass die Aerosole unkontrolliert nach vorne ausströmen“. 

Auch Abstand verringert das Ansteckungsrisiko durch Aerosole: „Je weiter die Personen voneinander entfernt sind, desto geringer ist das Risiko, weil diese Tröpfchen dann schon zu Boden fallen“, erläutert Kriegel.

Fazit: Mund-Nasen-Schutz im Unterricht, möglichst viel Abstand, Stundenpläne, die lange Lüftungspausen (und wenn möglich für Lehrer/-innen und Schüler/-innen auch Maskenpausen im Freien) berücksichtigen und CO2-Messgeräte in jedem Unterrichtsraum – diese Maßnahmen schützen vor vermehrten Infektionen und Schulschließungen im Herbst und Winter. Alles andere ist „Russisches Roulette“.

Martina Niekrawietz

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