Fach/Thema/Bereich wählen
Meditationsübung

Schwierige Klassen und ich — eine Lösungsstrategie

Schwierige Schüler und Klassen sind eine Herausforderung für Lehrer, die nur zu meistern ist, wenn man als Lehrer in sich ruht. Eine Meditationsübung kann helfen, das Geschehen klarer zu sehen – und danach entsprechend zu handeln.

Meditationsübung: Schwierige Klassen und ich — eine Lösungsstrategie Wer helfen will, braucht gute Nerven. Meditation kann helfen, immer wieder die eigene Mitte zu finden © Maridav - Fotolia.com

Eine Lehrkraft betritt als Vertretung eine Schulklasse. Die Schüler sind aufmerksam, gespannt was geschieht, neugierig. Sie lassen sich auf die Vertretungslehrkraft ein und hören, was diese ihnen mitteilt. Oder: Eine Lehrkraft betritt als Vertretung eine Schulklasse. Die Schüler toben, schreien herum, werfen mit Gegenständen. Sie nehmen kaum Notiz von der Vertretungslehrkraft, erwarten offensichtlich, dass diese durch „Brüllen“ und disziplinarische Maßnahmen für Ruhe sorgt.

Ist der Zustand, in dem sich eine Klasse einer Vertretungslehrkraft präsentiert, Zufall? Hängt er vom Alter der Schüler, von ihrer Tagesform oder vom Wetter ab? Warum entwickeln sich Klassen in die eine oder in die andere Richtung? Wie gehe ich als Lehrer mit schwierigen Schülern und Situationen um und das möglichst nervenschonend?

Das soziale Gefüge einer Klasse genau beobachten

Jede Klasse hat Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Biografien und auch unterschiedlichen sozialen und kommunikativen Kompetenzen. Im Miteinander entsteht eine „soziale Plastik“, eine formbare Gestalt, die sich entwickelt. Diese Gestalt kann in unterschiedlichen Phasen sehr unterschiedlich sein. Die sozialen Elemente können eine ausgewogene „schöne Gestalt“ anstreben oder die Gestalt kann diffundieren, in Auflösung begriffen sein. Die Elemente können sich isolieren, gegeneinander arbeiten oder sie können sich aufeinander beziehen und Gemeinschaft entwickeln.

Die Faktoren, die die eine oder andere Entwicklung einleiten und forcieren, sind vielfältig. Eine wesentliche Ursache für Fehlentwicklungen in Klassen besteht darin, dass auf die entstehende soziale Plastik von den Lehrkräften zu wenig geachtet wird, bzw. dass sie eine positive soziale Plastik voraussetzen, die eben häufig erst entwickelt werden müsste. Wer nur Schülerzahlen sieht und die Schüler lediglich als Flaschen betrachtet, die mit unterschiedlichen Lehrplaninhalten im Dreiviertelstundenrhythmus abzufüllen sind, muss sich über die sozialen Fehlentwicklungen vieler Klassen nicht wundern.

Konflikte sind Lernfelder für Lehrkräfte und die Schüler

Die Lehrkräfte in einer Klasse haben die Chance, in Kooperation und im gemeinsamen Wirken die soziale Plastik einer Klasse zu einer „schönen Gestalt“ zu entwickeln. Dazu müssen sie allerdings das soziale Miteinander der Schüler und der Lehrkräfte als eine gemeinsam zu bewältigende Aufgabe begreifen und hierfür angemessen Zeit einräumen. „Einzelkämpfertum“ der Lehrkräfte in einer Klasse oder gar Konkurrenz und Zwist sind kaum Erfolg beschieden. Häufig gelingt die Entwicklung einer positiven sozialen Plastik in Grundschulklassen in vorbildlicher Weise. Doch die frühe Selektion und die Leistungsvergleiche durch Noten behindern auch hier das soziale Lernen der Kinder. Denn nicht dem Entdecken von Interessen, Fähigkeiten und Talenten und ihrer Förderung können sich die Lehrkräfte ausschließlich widmen, sondern sie müssen auch eine juristisch möglichst unanfechtbare Selektion betreiben.

Übernimmt man als Lehrkraft eine „schwierige“ Klasse, so sollte man vor der Orientierung an den Unterrichtsinhalten und dem sogenannte „Stoff“ das Augenmerk auf den Zustand der Gruppe richten und versuchen, jeden Schüler in seiner Persönlichkeit wahrzunehmen und kennenzulernen. Konflikte sind Lernfelder für die Lehrkräfte und die Schüler. Viele Möglichkeiten zur Teamentwicklung sind hier denkbar: Hochseilgarten, Klassenrat, Streitschlichterausbildung, Übungen zum Sozialtraining, bis hin zur Unterrichtsbegleitung durch Sozialpädagogen. Doch leider wird in vielen Schulen meist erst gehandelt, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen ist“. Und dann kann man nur akzeptieren, dass der Weg aus einer Sackgasse ebenso lang ist, wie der Weg in die Sackgasse war.

Wer helfen will, muss sich selbst stärken — eine Meditation

Neben all den Handlungsanleitungen, wie man mit schwierigen Schülern und Situationen umgehen kann, benötigt man als Lehrer aber auch eine innere Stärkung, um Anfeindungen und Situationen zu meistern. Im Interesse der eigenen Gesundheit und auch seelischen Widerstandsfähigkeit, kann eine Meditation helfen, sich den täglichen Herausforderungen zu stellen. Natürlich wird eine Meditation die Konflikte nicht lösen, aber vielleicht den Umgang mit ihnen. Denn: Nur wer in sich ruht, kann auch anderen helfen.

Eine Meditation — allein oder in der Gruppe — könnte folgendermaßen aussehen:

  • Wir vergegenwärtigen uns die letzte Unterrichtsstunde in der „schwierigen“ Klasse, die wir wegen permanenter Unaufmerksamkeit und Unterrichtsstörungen abbrechen mussten. Unser Ärger, unsere Enttäuschung und unsere Verzweiflung und Wut steigen auf. Wir nehmen sie als persönliche Gefühle wahr, lassen sie kommen und gehen, ohne ihnen „Nahrung“ zu geben.
  • Wir erkennen, dass dieses Ereignis vergangen ist, dass es das Resultat des Zusammenwirkens verschiedener ungünstiger Faktoren war. Es hatte z. B. Streit unter den Schülern der Klasse gegeben, die Klasse hatte in der Stunde vorher eine Probearbeit mit schlechten Ergebnissen zurückbekommen, man selbst war aufgehalten worden und hat den Unterricht zu spät begonnen usw. Wir erkennen, dass auch wir in schwierigen Situationen an unsere Grenzen stoßen, dass auch uns gelassenes und souveränes Agieren manchmal nicht gelingt.
  • Dann betrachten wir die Konfliktsituation mit den Augen der Schüler. Wie haben sie mich als Lehrkraft erlebt? Wirkte ich hilflos, ängstlich, unangemessen streng? Heizte ich in den Augen der Schüler den Konflikt durch überzogenes Reagieren an? Oder wirkte ich in den Augen der Schüler beruhigend, kompromissbereit?
  • Wie zeigten sich einzelne Schüler im Konflikt? Wer hatte besonderen Einfluss auf die Gruppe? Wer provozierte? Wer versuchte zu vermitteln? Welche Schüler waren Meinungsführer? Wir denken nun an unauffällige und randständige Schüler der Klasse. Wie präsentieren sie sich im Unterricht? Wie zeigen sie sich bei anderen schulischen Aktivitäten? Wir vergegenwärtigen uns die soziale Plastik der Klasse und ziehen Schlussfolgerungen für unsere weitere Arbeit.
  • Dann richten wir unseren Blick auf einzelne Schüler, denken an positiv erlebte Situationen, gute Gespräche, schöne Unterrichtsmomente. Wir verweilen einige Zeit in diesen Gedanken.
  • Abschließend entwickeln wir einen Wunsch für die Klasse. Mögen die positiven Kräfte im Miteinander der Schüler zunehmend stärker werden und die Klasse zu einer Gemeinschaft machen, in der Respekt, Achtsamkeit, Fürsorge und Toleranz die tragenden Säulen werden. Wir lassen unsere Gedanken und Empfindungen von bedingungslosem Wohlwollen für die Schüler dieser Klasse durchdringen..

Schwierige Schüler benötigen Aufmerksamkeit und Hilfe

Auch eine Möglichkeit positiv in „schwierigen“ Klassen zu wirken ist es, sich „schwierigen“ Schülern besonders zu widmen. Sehr überzeugend hat Daniel Pennac in seinem Buch „Schulkummer“ beschrieben, wie ein einzelner Lehrer durch sein pädagogisches Geschick ihm half. Pennac war ein Schulversager, der, ohne ersichtliche Gründe, in der Schule nur scheiterte.

Ich war also ein schlechter Schüler. Die ganze Kindheit hindurch verfolgte mich die Schule noch bis in die Abende hinein. Meine Hefte waren voll vom Tadel meiner Lehrer. Wenn ich einmal nicht der Klassenletzte war, dann war ich der Vorletzte (Champagner!). […] ich galt als faul […] und brachte jämmerliche Noten nach Hause, die weder Musik oder Sport noch irgendeine außerschulische Aktivität wettmachen konnten.“ (Daniel Pennac: Schulkummer. Köln 2009, S.15)

Ein Lehrer bemerkte, dass Pennac Fantasie hatte und gern erzählte. Dieser Lehrer animierte ihn, Geschichten zu schreiben. So konnte Pennac durch erlebte Anerkennung Mut fassen und langsam lernen, sich und seinen Fähigkeiten zu vertrauen. Nach mehreren Versuchen schaffte Pennac schließlich das Abitur, wurde Lehrer, arbeitete in diesem Beruf zwanzig Jahre und ist heute ein in Frankreich sehr bekannter Schriftsteller. Für sein Buch über seine Leiden als Schüler erhielt er 2007 den Prix Renaudot.

Klaus Vogel

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Gesundheit
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×