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Resilienzforschung

Was macht unsere Seele stark?

Manchen Menschen gelingt es, Krisen oder schwere Herausforderungen ohne langfristige Beeinträchtigung zu meistern. Woher kommt diese sogenannte Resilienz? Ist sie vielleicht genetisch bedingt? Gibt es bestimmte Erfahrungen und Eigenschaften, die uns seelisch stark machen? Das sind nur zwei der spannenden Fragen, die die Resilienzforschung beantwortet.

Resilienzforschung: Was macht unsere Seele stark? Stress belastet nicht alle Lehrer gleichermaßen. Es gibt Faktoren, die vor Belastungen schützen © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Januar 1944 in Bordeaux: Lastwagen halten vor der Synagoge, um jüdische Männer, Frauen und Kinder abzuholen. Ein kleiner jüdischer Junge, dessen Eltern bereits deportiert worden sind, versteckt sich in der Toilette.

Fast 70 Jahre später erinnert sich Boris Cyrulnik, wie er die Wände hochkletterte. Als „dann die Gestapo die Tür öffnete, dachte niemand daran, den Kopf zu heben und nach oben zu schauen“, erzählt er, „ich war direkt unter der Decke und dort bin ich sehr lang geblieben.“ (nachzuhören in: Scobel, „Was die Seele stark macht“, 16.01.2013, 3sat-Mediathek). Von den 1700 Menschen, die in dieser Nacht mit ihm in der Synagoge waren, überlebte außer ihm nur noch eine Frau. Auch seine Eltern sind in den letzten Kriegsmonaten in Auschwitz ermordet worden. — Wie lassen sich solche traumatischen Erlebnisse verkraften? Und was macht Menschen in extrem belastenden Situationen stark? Diese Fragen beschäftigten Boris Cyrulnik lebenslang, denn er wurde später einer der renommiertesten Resilienzforscher in Frankreich.

In seiner Biografie mit dem bezeichnenden Titel „Rette dich, das Leben ruft“ beschreibt Cyrulnik, wie ihm die „Schönheit von Paris, diese Heiterkeit“ dabei geholfen hat, die schrecklichen Ereignisse zu bewältigen: „Wir waren überzeugt, dass es eine Zukunft für uns gibt. Ich denke, die Kultur dieses Viertels hat die Resilienz gefördert durch zwei Schlüsselfaktoren: Alles hatte Sinn und Bedeutung und wir haben uns gegenseitig viel Halt gegeben.“ — Die Solidarität der Straße und zudem die Erfahrung, aus eigener Kraft dem Tod entronnen zu sein, beides stärkte Cyrulniks seelische Widerstandskraft.

Resilienz und Vulnerabilität

Der Begriff „Resilienz“ (englisch „resilience“  = „Spannkraft“, „Widerstandsfähigkeit“ oder „Elastizität“) bezeichnete im Deutschen ursprünglich eine Materialeigenschaft: die Fähigkeit, nach einer Verformung durch äußere Einwirkung (Druck o. ä.) wieder in die ursprüngliche Gestalt zurückzukehren.

Quellen und weiterführende Hinweise:

„Rette dich, das Leben ruft!“ – eine Buchbesprechung der Biografie des Resilienzforschers Boris Cyrulnik findet sich auf der Website von Deutschlandradio.de.

Wustmann, Corina: Resilienz: Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Beiträge zur Bildungsqualität. Berlin, 2011. (In diesem Beitrag zitiert nach Wurz, 2012)

Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und Neurotizismus – Wie hängen diese grundlegenden fünf Persönlichkeitsdimensionen („Big 5“) mit Resilienz zusammen? Dies ergründete eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2012. Es zeigte sich „ein starker negativer Zusammenhang zwischen dem RQ [Resilienz-Quotient] einer Person und den Werten auf der Dimension Neurotizismus“, während der Faktor Extraversion für den Resilienzfaktor RQ relativ unerheblich ist. (Studienergebnisse, S. 11) — Das heißt, neurotische Personen sind eher weniger resilient, während es für die Entwicklung von Resilienz unerheblich ist, ob man extra- oder introvertiert ist.

Seit etwa 50 Jahren erforschen Wissenschaftler auch, wie Personen oder soziale Systeme „erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umgehen“ (Wustmann, 2011, S. 18). Wer aus Krisen unbeschadet oder gar gestärkt hervorgeht, gilt als resilient. Und wer dadurch aus der Bahn geworfen wird und zum Beispiel psychische Erkrankungen entwickelt, erlebt eine „vulnerable“ (= verletzlich, verwundbar, empfindlich) Phase.

Wichtig ist dabei: Wir sind nicht entweder das eine oder das andere. „Resilienz ist (…) eine veränderliche Größe: Sie kann sich über einen Zeitraum und verschiedene Situationen wandeln, neue stressige Lebensereignisse können sowohl neue Vulnerabilitäten als auch neue Ressourcen hervorbringen.“ (Wurz, 2012, S. 27 mit Bezug auf Wustmann, 2011, S. 30 f.)

Welche Faktoren schützen vor Belastungen?

Bei Kindern ist ein tragfähiges soziales Netz ein wichtiger äußerer Faktor bei der Erholung von traumatischen Erfahrungen. Das gilt auch für Erwachsene. Zudem brauchen auch sie wie Kinder „wenigstens eine gute Beziehung“ zu einer wertschätzenden, liebevoll-unterstützenden Person, „um gesunden zu können“, betont Prof. Dr. Luise Reddemann bei einem Vortrag zum Thema „Trauma und Resilienz“. 

Die Bedeutung einer haltgebenden, stützenden und sicheren Beziehung sieht auch Klaus Fröhlich-Gildhoff als „ganz zentralen Schutzfaktor“, der sich von der Säuglingsforschung bis zur Psychotherapieforschung zieht: Speziell die frühkindliche Erfahrung von sehr guten, stabilen Beziehungen, die psychisch verinnerlicht wurden, führe dazu, dass wir Repräsentanzen bilden, auf die wir immer zurückgreifen und an die wir im späteren Leben „andocken“ können, betont der Kinder- und Jugendpsychologe im Gesprächskreis bei scobel (Link s. o.).

Bezüglich der inneren oder personalen Ressourcen, die die seelische Widerstandskraft stärken, finden sich in der Resilienzforschung relativ übereinstimmende Resultate. In einem kurzen Forschungsüberblick benennt C. Wurz (2012, a. a. O. S. 30) demnach als förderlich:

  • ein ruhiges und ausgeglichenes Temperament,
  • offenes Kontaktverhalten,
  • niedrige Neurotizismuswerte
  • starke interne Kontrollüberzeugungen (das heißt, die Person nimmt Ereignisse, positive oder negative, als Konsequenz des eigenen Verhaltens wahr),
  • eine realistische Einschätzung des eigenen Vermögens und
  • die Fähigkeit, Krisen und Schicksalsschläge schnell verarbeiten zu können.

Wenn auch innerhalb der wissenschaftlichen Literatur die Begriffe für resilienzfördernde Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale differieren, so zeigen sich doch grundlegende Übereinstimmungen mit den sieben Resilienzfaktoren, die für Dr. Karen Reivich und Dr. Andrew Shatté von der University of Pennsylvania einen hoch-resilienten Menschen beschreiben:

  1. Emotionsteuerung (Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben)
  2. Impulskontrolle (Fähigkeit, sein eigenes Verhalten unter Druck zu steuern und sich zu disziplinieren)
  3. Kausalanalyse (Bereitschaft, ein Problem gründlich und treffend zu durchleuchten)
  4. Selbstwirksamkeitsüberzeugung (Überzeugung, dass unser Handeln Dinge verändern kann, Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen)
  5. Empathie
  6. realistischer Optimismus (Überzeugung, dass sich die Dinge zum Guten wenden und die Fähigkeit, auch sehr schwierigen Situationen etwas Positives abzugewinnen) und
  7. Zielorientierung/Reaching-Out (sich unabhängig von anderen Ziele setzen und umsetzen) (vgl. dazu: Denis Mourlane: „Was einen resilienten Menschen ausmacht.“

Auf der Basis dieser Faktoren haben die beiden US-Forscher das RFI (Resilience Factor Inventory) entwickelt, einen Fragebogen mit 60 Items, um Resilienz zu messen und in einem Resilienzquotienten abzubilden.

Ist Resilienz erblich?

Etwa ein Drittel der Opfer von Extrem-Katastrophen wie Hurricane Katrina in den USA entwickelten psychische Probleme. Warum ist das bei den einen so und bei anderen nicht? Gibt es womöglich eine genetische Disposition für Resilienz?

Tatsächlich entdeckten Molekulargenetiker einen Erbfaktor namens 5-HttlPR, der den Serotoninstoffwechsel im Gehirn reguliert. (vgl. dazu: Scobel, „Gibt es das Glücks-Gen?“, 16.01.2013, 3sat-Mediathek). Es kommt in zwei Varianten vor: einer langen und einer kurzen. Erstaunlich: „Menschen mit der langen Variante des Gens sind seelisch stabiler und können mit Schicksalsschlägen besser umgehen“, wohingegen Menschen mit der kurzen Variante schneller auf Furcht und Stress reagieren und eher zu Depressionen neigen. (ebd.)

Zudem können traumatische Erlebnisse durch eine hohe Konzentration von Stresshormonen eine epigenetische Veränderung bewirken. Wie stabil solche Veränderungen allerdings sind und ob sie vererbt werden können, wird derzeit noch erforscht. Für Mäuse konnte jedoch bereits „ganz klar gezeigt werden, dass traumatische Erlebnisse wahrscheinlich direkt über die Spermien des Vaters an die Kinder weitervererbt werden.“

Was ist genetisch determiniert und was nicht? Der Neurowissenschaftler Raffael Kalisch, ebenfalls zu Gast in der Gesprächsrunde bei scobel (Link s. o.), hält die genetische Komponente nur für einen von vielen Faktoren. „Wir sind vermutlich so lernfähig (…), dass man letztendlich auf der Basis der Genetik allein nur ganz wenig erklären kann“, betont er. Dennoch falle bei den Persönlichkeitseigenschaften, die für Resilienz maßgeblich sind, der Faktor Vererbung mit mit 40 bis 50 Prozent ins Gewicht.

Resilienz macht Mut zur Veränderung

Die Resilienzforschung fragt nicht etwa, welche Faktoren uns krank machen, sondern kommt aus der genau entgegengesetzten, der salutogenetischen Richtung. Ihre Fragestellung lautet, „was macht uns stark?“, und sie beinhaltet auch zugleich einen Wachstumsaspekt: „Wie bewältigen wir belastende Ereignisse besser?“ — Das sind die beiden Schlüsselfragen, wenn es darum geht, bereits vorhandene Ressourcen neu zu mobilisieren und eingefahrene Muster über Bord zu werfen.

Martina Niekrawietz

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