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Präventionsprogramme

Wenn psychische Gesundheit auf dem Stundenplan steht

Schüler sind zunehmend gestresst, manche gar leiden unter Depressionen. Um ihnen den Druck im (Schul-)Alltag zu nehmen, helfen Präventionsprogramme für psychische Gesundheit, die in den Stundenplan integriert werden können.

Präventionsprogramme: Wenn psychische Gesundheit auf dem Stundenplan steht Die Schüler erarbeiten sich gemeinsam Fähigkeiten, um die Belastungen des Alltags besser bewältigen zu können © highwaystarz - stock.adobe.com

„Wie war es heute in der Schule?“ Das fragen normalerweise Eltern ihre Kinder nach der Schule. Bei der 16-jährigen Juli übernimmt diese Aufgabe der Messengerdienst „MySoul“. Jeden Tag gegen 14:30 Uhr erkundigt sich „MySoul“ per Handy-Message nach Julis Befinden, die sofort offenherzig von ihren Erlebnissen in der Schule erzählt. Obwohl Juli weiß, dass sie nur mit einem Rechner kommuniziert, hat sie „das gute Gefühl“, dass jemand auf sie aufpasst. 

Juli leidet unter Depressionen und wartet auf einen Therapieplatz. In Hamburg dauert das sechs bis neun Monate, schreibt Vanessa Seifert im Hamburger Abendblatt. Das ist eine lange Zeit. Um sie zu überbrücken, hat der Mediziner Professor Michael Schulte-Markwort die App „MySoul“ entwickelt. „Wir wollen so verhindern, dass in dieser Zeit irgendwas passiert“, sagt der ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätskrankenhaus Eppendorf. Drei Monate lang begleitet „MySoul“ die Kids von Montag bis Freitag mit „Nachfragen und Aufgabenstellungen“ — eine „digitale Nabelschnur“, die zwar keine Therapie ersetzen kann, aber die jungen Patienten und auch deren Angehörige entlastet: Denn falls es den Kindern oder Jugendlichen schlecht geht oder Selbstmordgedanken geäußert werden, „sendet der Messenger sofort ein Signal an den Arzt“, der dann die Eltern umgehend informiert.

Wenn Kinder und Jugendliche an einer Depression erkranken, steigt das Risiko, dass sie im Erwachsenenalter wieder erkranken. Auch die schulischen Leistungen sinken. Deshalb ist Prävention wichtig. „Gerade in der Schule können viele Jugendliche erreicht werden — eben auch solche, die besonders vulnerabel, also anfällig für eine Depression sind“, so die Experten des Onlineportals FIDEO. Das Webangebot der BARMER-Krankenkasse und der Deutschen Depressionshilfe stellt Pädagogen die wichtigsten Präventionsprogramme zur Förderung der seelischen Gesundheit in der Schule vor.

Das Lebenskompetenz-Programm LARS & LISA

Mehrere Universitäten haben evaluierte Präventionsprogramme entwickelt, die teils von geschulten Trainern in den Schulen durchgeführt werden, aber auch — dank detailliert ausgearbeiteter Lehrer- und Schülermaterialien — von Lehrkräften eingesetzt werden können. Stellvertretend für vergleichbare andere Programme sei hier eines vorgestellt: „Auf dem Weg zu Lebenskompetenz und Selbstregulation mit LARS & LISA“ von der Universität Tübingen. Es richtet sich speziell an Schüler von Haupt- und Werkrealschulen, so die Autoren der Website „Prävention in der Schule Baden-Württemberg“ („PidSBW“)

In insgesamt 20 Schulstunden erarbeiten sich die Schüler der Klassen 8 bis 10 „verschiedene kognitive und soziale Kompetenzen“ um die Belastungen des Alltags besser bewältigen zu können. Sechs Module gehören zum Programm, die je nach Altersgruppe bzw. „nach Bedarf kombiniert oder vollständig durchlaufen werden“ können, so heißt es in der 212-seitigen Broschüre zu „Lars und Lisa“ (auf der Website PidSBW der Link „Trainingsprogramm“, S. 8):

  • Modul 1: Vorstellung des Programms, seiner Ziele und Inhalte, Vereinbarung von Regeln für die Arbeit mit dem Programm
  • Modul 2: „Eigene Ziele setzen“
  • Modul 3: „Wechselwirkung von Gedanken, Gefühlen und Verhalten“
  • Modul 4: „Realitäts-Check“
  • Modul 5: „Selbstsicheres Verhalten“
  • Modul 6: „Kontakt aufnehmen“

Sämtliche Module sind detailliert ausgearbeitet und im Unterricht vielseitig einsetzbar, sowohl im Rahmen des sozial-emotionalen Lernens als auch unterstützend im Fachunterricht: So kann zum Beispiel das Modul 2 „Eigene Ziele setzen“ dazu dienen, die Schüler an das selbstständige, individualisierte Lernen heranzuführen; die Module 5 „Selbstsicheres Verhalten“ und 6 „Kontakt aufnehmen“ helfen den Jugendlichen zum Beispiel im Rahmen der Berufsorientierung bei Gesprächen mit potenziellen Arbeitgebern; oder sie können begleitend zur Mobbingprävention dazu beitragen, dass die Schüler sich im Klassenverband ein gutes Standing erarbeiten. 

Einen adäquaten Umgang mit Stress lernen die Schüler allerdings nicht direkt, es geht eher darum, grundlegend der Entstehung von Stress im Alltag, im sozialen Miteinander in der Schule und beim Lernen vorzubeugen.

Mit MindMatters gegen Stress und Mobbing

Stress und Leistungsdruck sind hauptsächlich dafür verantwortlich, dass immer mehr Schüler an Depressionen erkranken. — 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche sind betroffen, ergab eine Studie der Kaufmännischen Krankenkasse KKH im Oktober 2018 (vgl. dazu den unten verlinkten Artikel „‚Alles too much!‘— Immer mehr Schüler werden psychisch krank“). Ein Modul des umfassenden Schulentwicklungs- und Präventionsprogramms MindMatters nimmt den Stress, eine der Hauptursachen für die Entstehung von Depressionen, ins Visier. — Die zugehörigen kostenfreien Unterrichtshefte können — wie alle übrigen Materialien zu MindMatters — übrigens direkt auf der Website bestellt werden. 

„Mit Stress umgehen — im Gleichgewicht bleiben“ — so lautet der Titel eines der beiden Unterrichtshefte, das für Schüler der 7. bis 10. Klasse konzipiert ist. Es bietet Bezüge zu den Fächern Religion, Werte und Normen, Biologie, Sozialkunde und Sport, eignet sich aber auch für den fachübergreifenden Unterricht.

Bausteine, die im Krisenfall helfen 

7 Unterrichtseinheiten widmen sich zunächst dem konstruktiven Umgang mit Stress (Coping, englisch für Bewältigung). Im Fokus stehen dabei typische „Herausforderungen, Stressfaktoren sowie daraus resultierende Emotionen“ (ebd., S. 22) im (Schul-)Alltag der Jugendlichen. Die Schüler lernen zum Beispiel, wie sie „in Konfliktsituationen geeignete Verhandlungs- und Problemlösekompetenzen“ einsetzen und welche Barrieren sie daran hindern, sich in schwierigen Situationen Hilfe zu suchen. Sie setzen sich kritisch mit „persönlichen Einstellungen, Werten und Verhaltensmustern sowie den Erwartungen anderer Menschen“ (ebd.) auseinander und üben Respekt gegenüber kulturellen und individuellen Unterschiedlichkeiten. Sie lernen verschiedene wenig sinnvolle („Arbeite härter!“) und hilfreiche Copingstrategien kennen und trennen die Spreu vom Weizen: Am Ende definieren die Schüler für sich fünf adäquate Copingstrategien („5 Freunde“), mit denen sie adäquat auf herausfordernde Situationen reagieren können, zum Beispiel auf die Angst vor Versagen.

Weitere 8 Unterrichtsbausteine stehen unter dem Motto „Fang den Stress!“. Die zentralen Fragen lauten dabei: „Wo bekomme ich bei Stress Unterstützung?“ und „Wie kann ich mich bei Stress entlasten?“ Die einzelnen Bausteine thematisieren mögliche Unterstützungsstrukturen, etwa in der Gruppe, und geben den Jugendlichen Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand: zum Beispiel um schwere Entscheidungen zu treffen, um sich selbst Ziele zu setzen oder „Schutzschichten“ zuzulegen oder auch Entspannungsübungen für den akuten Stressfall. Auch Vertrauen und verschiedene Konfliktlösungsarten werden angesprochen.

Jeder Unterrichtsbaustein besteht aus mehreren „Aktivitäten“: Die Schüler erarbeiten sich das erforderliche Wissen und die Stressbewältigungsstrategien in Partner- und Gruppenarbeit. Sie erleben dabei auch gleich, dass ihre Mitschüler unter ganz ähnlichen Problemen leiden. Arbeitsaufträge und Ablauf der einzelnen Unterrichtseinheiten sind übrigens detailliert ausformuliert, sodass sich die Stundenvorbereitung auf die Lektüre des Unterrichtsheftes beschränkt.

Martina Niekrawietz

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