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Rollenreflexion

Wenn Rollenerwartungen Fähigkeiten verkümmern lassen

Im Kollegium spielt jeder seine Rolle. Problematisch wird’s, wenn diese nicht zur Person passt bzw. das Team etwas anderes von ihr erwartet. Daher ist es für Lehrer wichtig, die eigene Rolle zu reflektieren, um körperlich und seelisch gesund zu bleiben – und im Sinne der Schüler selbstgewiss zu agieren.

Rollenreflexion: Wenn Rollenerwartungen Fähigkeiten verkümmern lassen Falsche Rollenerwartungen durch die Kollegen blockieren die eigenen Fähigkeiten und machen unzufrieden © bonninturina - Fotolia.com

In einem Kollegium treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander: stark strukturierte Lehrer arbeiten mit spontaneren zusammen. Einige Lehrer wiederum zeigen sich im Kollegium vornehmlich in der Rolle eines zurückgezogen Denkers. Es gibt Lehrer, die aufblühen, wenn sie in einer Projektgruppe in Aktion sein können. Andere ziehen es vor, sich einzelnen Schülern zu widmen, sofern dies im Schulalltag möglich ist, und arbeiten lieber allein (Einzelkämpfer).

Eine bewusste Wahrnehmung der anderen („Wie stellst du dich dar im Kollegium, im Kontakt mit den Schülern?“) und eine bewusste Selbstreflexion („Wie wirke ich auf dich ein, um zu erreichen, dass du dich so zeigst, wie du dich zeigst?“) sorgen dafür, dass Menschen in ihrer Rollengestaltung beweglich und lebendig bleiben und dies im Umgang der Kollegen untereinander und im Unterricht sichtbar wird.

Die Dynamik der Rollengestaltung wird durch die eigene Persönlichkeit und den einem Menschen eigenen Lebensrhythmus geprägt. Rollen manifestieren sich in bestimmten sozialen Situationen, in denen Raum, Zeit, Anwesende, Rollenzuschreibungen, Rollenerwartungen, das Selbstverständnis des Rollenträgers von Bedeutung sind. Rolle in diesem Sinn ist die Manifestation der Persönlichkeit in der Handlung. Diese Manifestation der Persönlichkeit gibt der normierten Berufsrolle ihr individuelles Gepräge und verleiht ihr Lebendigkeit und Authentizität. Rollen existieren im Rahmen eines sozialen Interaktionszusammenhangs und beeinflussen einander (von Ameln & Kramer 2014, S. 168 f.). Aus dem Wissen um das wechselseitige Einwirken aufeinander erwächst die gemeinsame Verantwortung füreinander, für die Gestaltung der Rollen, in denen Menschen einander begegnen.

Reflektierte Rollen haben mehr Potenzial

Reflektiertes Handeln führt zu einer Erweiterung des Rollenrepertoires, einer Steigerung der Elastizität des Rollenhandelns. Hierzu gehören die Qualität des mit einer bestimmten Rolle verbundenen Erlebens, d. h. die Intensität, mit der die betreffende Rolle ausgefüllt wird und die Befriedigung, die aus ihr erwächst. Menschen, die in einem Team arbeiten, stellen sich im Verhalten aufeinander ein. Der positive Aspekt zeigt sich z. B. in einer verbesserten Kommunikation, einer reibungslosen Kooperation, einem vermehrten Austausch von Ideen. Von außen betrachtet scheinen sich die Menschen in diesem Team gut zu verstehen. Das Team erweist sich als dialogfähig. Die für einen Dialog zentralen Fähigkeiten werden beherrscht: „Höre so zu, dass andere gern reden. Rede so, dass andere gern zuhören. Halte deine Urteile und Bewertungen in der Schwebe.“ (Plate 2013, S. 172 ff.).

Rollenerwartungen schränken ein  

Daneben existieren offen ausgesprochene oder verschwiegene Rollenerwartungen und Rollenzuweisungen mit denen Menschen im Team einander eher einengen. Insbesondere in Teams, die es zugelassen haben, dass Angst und Vertrauensverlust vorherrschen dürfen, fallen viele gute Ideen dem vermeintlichen Schutz der eigenen Person zum Opfer (Dobelli 2011). So kann es passieren, dass Lehrer in Teamrollen gedrängt werden, in denen sie sich nicht mehr authentisch und frei bewegen können. Sie erstarren in ihren Teamrollen und laufen Gefahr, dass die ihnen innewohnende Lebendigkeit verloren geht. Dies kann passieren, wenn Lehrer ihr berufliches Handeln vorrangig an den von ihnen vermuteten Erwartungshaltungen der Schulleitung und des Kollegiums ausrichten und ureigene Fähigkeiten verkümmern und verdorren lassen.

Literatur zum Thema:


Dobelli, Rolf: Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler die Sie lieber anderen überlassen. München 2011

Plate, Markus: Grundlagen der Kommunikation. Gespräche effektiv gestalten. Göttingen 2013

von Ameln, Falko & Kramer, Josef: Psychodrama: Grundlagen. Berlin 2014

Der Erstarrung entgegenwirken

Eine bewusste Rollenreflexion im Kollegium kann einer drohenden Erstarrung entgegenwirken. Voraussetzung für die Rollenreflexion ist die Bereitschaft, einander zuzuhören und sich selbst zu überprüfen: Welche typische Rolle nehme ich ein? Welche Verhaltensweisen sind mir zugehörig und verdienen es gepflegt zu werden? Welche eingeschliffenen Verhaltensweisen möchte ich hinter mir lassen können? Welche Rollen haben mich in ihrer Eintönigkeit (Rollenermüdung) ermüdet? Wie halte ich durch mein Verhalten meine Kollegen in einem erstarrten Rollenverhalten?

Rollenermüdung tritt insbesondere dann auf, wenn bestimmte Verhaltensweisen immer und immer wieder einseitig gezeigt und angeboten, aber auch abgefragt werden. Eine Schulleiterin, die sich ausschließlich als Ideengeberin versteht, läuft Gefahr, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Fähigkeit zu eigenen Ideen verlieren. Diese werden — vielleicht sogar aus Respekt — eigene Ideen zurückstellen und die im Hintergrund lauernde Unzufriedenheit darüber übersehen. So entstehen im Team komplementäre Rollen, bei denen Fähigkeiten auf verschiedene Rollenträger aufgespalten werden, anstatt sie in das Fertigkeitsmuster mehrerer Lehrerinnen und Lehrer zu integrieren.

Befreiende Bejahung des Einzelnen im Team

Für manche Teams kann eine bewusste Rollenreflexion die Bedeutung einer bilanzierenden Würdigung des Teams und der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darstellen. Wie sind wir miteinander umgegangen im Team? Wie haben wir uns im Team dargestellt? In welche Rollen sind wir hineingewachsen? In welche Rollen haben wir einander hineingestellt oder sogar hineingedrängt? Wie können wir einander darin helfen, aus festgefahrenen Rollen herauszutreten und Neues miteinander zu wagen (Rollenerweiterung)?

Eine umfassende Rollenreflektion hilft, sich selbst neu wahrzunehmen, sich im Spiegel der Wahrnehmung durch andere zu begreifen und das eigene Handeln als eingebettet in ein Wechselspiel zwischen Rollenträgern zu verstehen. Die Klärung von Rollenerwartungen, die Bearbeitung von Rollenkonflikten helfen dabei zu verstehen, welche Kräfte in Teams wirksam sind: Menschen in Rollen festzuhalten und einzuengen oder gewünschte Veränderungen zu unterstützen und zu fördern.

Eine gemeinsame Reflexion des Zusammenspiels der Rollen und der Rollenträger ermöglicht eine neue Begegnung im Team. Begegnung bedeutet letztendlich, den anderen in seinem Anderssein anzuerkennen und in seiner Einmaligkeit zu achten. So gesehen lässt sich Begegnung als Form gegenseitiger befreiender Bejahung ansehen. Begegnungen im Team stärken den Zusammenhalt (Gruppenkohäsion), erwecken die Lebendigkeit eigenen Handelns, Fördern das Erleben von Sinnhaftigkeit im Austausch im Team.

Leitfragen fördern den Dialog

Einige Leitfragen können einen Dialog zwischen den Lehrern fördern, wie z. B.

  • „Was ist aus meiner Sicht typisch für mich im Team?“
  • „Wie kommt es, dass ich mein typisches Verhalten in diesem Team so oft zeige?“
  • „Wie nehme ich mich selber wahr?“
  • „Wie sehen mich die anderen?“
  • „Wie halten die Lehrer einander in ihren typischen Rollen fest?“
  • „Wo gibt es Bewegungsspielraum?“
  • „Existieren besondere Allianzen im Team?“
  • „Wie geht das Team mit diesen besonderen Allianzen um?“
  • „Wie nimmt die Schulleitung das Kollegium wahr?“
  • „Wie nimmt das Kollegium die Schulleitung wahr?“

Diese Fragen lassen sich auch auf einzelne Lehrer und ihr Beziehungsgefüge untereinander anwenden. So entsteht ein differenziertes Bild der soziometrischen Struktur im Team (von Ameln & Kramer 2014, S. 40).

Verzerrte Selbstwahrnehmung korrigieren

Im Verlauf einer Rollenreflexion wurden in einem Team folgende typische Rollen benannt: „die Spontane“, „die überlegt Zögerliche“, „die Kämpferin“, „die Chaotin“, „die lustvoll Widersprechende“. Zu Konflikten kam es zwischen der „lustvoll Widersprechenden“ und der „Leistung fordernden Schulleitung“, die miteinander in einem endlosen Dialog um Macht und Eigenständigkeit fochten. Von einem positiven Blickwinkel betrachtet fördern ihre Gespräche den geistigen Austausch und stärken die Bindung aneinander.

Eine bewusste Rollenreflexion im Team kann auch dabei helfen, eine verzerrte Selbstwahrnehmung zu korrigieren und aus einer selbstgewählten einengenden Rolle herauszuhelfen. So wurde z. B. die Selbstzuschreibung einer Lehrerin als „Chaotin“ vom Team nicht bestätigt. Die Selbstzuschreibung als „Chaotin“ erfolgte aufgrund einer Vielzahl von guten fachlichen Ideen, die spontan in ihr auftauchten und blitzschnell geordnet werden mussten.

Dieser Gedankenprozess wurde von ihr als sehr intensiv und kurzfristig anstrengend erlebt. Die fachliche Umsetzung erfolgte aus der Sicht des Teams in einer hohen Qualität. Als neue Rollenbezeichnung schlug das Team „die schnelle Denkerin“ vor. Diese Sichtweise des Teams war für die pädagogische Fachkraft überraschend, emotional bewegend und stärkte ihr persönliches Empfinden der Zugehörigkeit zum Team.

Andreas Schulz

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