Fach/Thema/Bereich wählen
Prävention

Aggressionen: Was zu viel ist, ist Gewalt

Lehrkräfte sollten bei physischer, psychischer oder verbaler Gewalt unter Schülern möglichst sofort einschreiten. Dabei ist es — nicht nur für Lehrer, sondern oft auch für Schüler — schwierig, verletzendes aggressives Verhalten als solches zu erkennen, besonders bei indirekten Formen von Gewalt.

Prävention: Aggressionen: Was zu viel ist, ist Gewalt Es ist wichtig, die ersten Anzeichen von Gewalt zu registrieren, damit es so weit gar nicht erst kommt © jovannig - Fotolia.com

Ist Aggression eine Form von Gewalt oder umgekehrt? Schon bei dieser Frage scheiden sich die Geister, wie die Autoren der Handreichung „Streitschlichtung und Umgang mit Gewalt an Schulen“ darlegen (S. 9). In der wissenschaftlichen Tradition jedoch „ist der Aggressionsbegriff der übergeordnete“, wobei Gewalt „eine besonders extreme Form von Aggression“ ist.

Überhaupt ist eine eindeutige und einheitliche Definition der Begriffe „Gewalt“ oder „Aggression“ schwierig. Warum das so ist, erläutert Dr. Mirja Silkenbeumer in der Broschüre „Gewalt und Geschlecht in der Schule“ aus dem Jahr 2010 (S. 12): Um ein Verhalten als aggressiv oder gewalttätig einzustufen, würden meist „die Kriterien Schädigungsabsicht und Abweichung von einer sozialen Norm herangezogen“. Das Problem dabei sei, dass sich eine Absicht nicht direkt beobachten lasse. Schädigende Verhaltensmuster könnten etwa auch „Ausdruck von Hyperaktivität“ sein. Eine Aggression diene womöglich einfach nur der Regulation von Emotionen wie z. B. Angst, ganz ohne Schädigungsabsicht. Auch die soziale Norm sei nur „kontextabhängig wirksam“: So könne etwa in einer Mädchenclique Gewaltakzeptanz herrschen und „Gewalttätigkeit anerkanntes und auch erwartetes Handeln sein, um Zusammenhalt zu beweisen, und sich von anderen Formen von Weiblichkeit abzugrenzen.“ (ebd.)

„Gute“ und „schlechte“ Aggressionen

„Bisweilen wird in der Diskussion um Gewalt in der Schule aber auch jeder gesteigerte Ausdruck von Lebensenergie bereits der Kategorie ‚Aggression‘ zugeordnet“, schreibt der österreichische Psychologe Werner Stangl auf seiner Website. Dabei erfüllen Aggressionen bekanntermaßen oft einen wichtigen Zweck: Sie dienen zum Beispiel dazu, Grenzen auszutesten, Kontakt aufzunehmen oder um sich selbst zu verteidigen. Im Gegensatz dazu seien es meist die destruktiven Aggressionen, die Lehrern zu schaffen machten. Dabei würden „Mitmenschen gekränkt, verletzt und fertig gemacht (sic!)“, und das aus niedrigen Beweggründen, etwa zum Spannungsabbau, „aus Langeweile oder als Folge früher erlittener seelischer Frustrationen und Verletzungen“. (ebd.) Wenn Lehrer bei Aggressionen intervenieren müssen, ist es nicht immer möglich, tolerierbare von inakzeptablen Verhaltensweisen zu trennen.

Indirekte Formen von Gewalt schwer zu erkennen

Aufgrund der stärkeren sozialen Kontrolle in Schulen sind dort weniger offensichtliche Formen von Gewalt, wie etwa „Formen der indirekten Gewalt (…), die mit Ausgrenzungen, Hänseleien oder Nichtbeachtung einhergehen“ (ebd., S. 17), wesentlich häufiger. Vor allem Mädchen bevorzugen eher diese subtileren Formen von Aggression:  Sie „hänseln, hetzen und beleidigen nicht nur ihre Geschlechtsgenossinnen, sondern wenden diese Form der Gewalt auch gegen Jungen an“. Und sie „lassen kämpfen“, indem sie „Streitigkeiten zwischen Jungen durch Bemerkungen und Sticheleien“ schüren und anheizen. (vgl. dazu Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel in: Gewalt an Schulen, 2007, S. 97. Zitiert nach Günther Gugel, Handbuch Gewaltprävention II, S. 101).

Das ist sicherlich einer der Gründe, warum Pädagogen aggressives Verhalten „vielfach diffus“ beurteilen und nur „über sehr heterogene subjektive Aggressionsdefinitionen“ verfügen, wie Mirja Silkenbeumer immer wieder beobachtete. (Link s. o., S. 13)

Anti-Aggressionstraining

Gerade auch für Kinder und Jugendliche ist es oft nicht klar, wo die Grenze zu verletzendem, aggressivem Verhalten verläuft. Zahlreiche Anregungen für eine spielerische Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Grenzen im gewaltpräventiven Unterricht in der Grundschule und in der Sekundarstufe I bietet Mirja Silkenbeumer im Praxisteil ihrer Publikation:

Da stehen sich dann zum Beispiel bei der Selbstbehauptungsübung „High Noon“ zwei Schüler Aug‘ in Aug‘ gegenüber („ohne wegzuschauen, ohne zu starren und ohne zu sprechen“) und gehen langsam aufeinander zu, bis sie eine für beide angemessene Nähe erreicht haben. Anschließend sprechen sie über ihre Wahrnehmungen, die sich oft auch körperlich äußern („die eine spürt es im Magen, der andere in der Brust“). (S. 46 f.)

Klare Botschaften zu senden ist beim Grenzen-Behaupten gar nicht so einfach. Mit der STOPP-Übung lernen die Schüler, mit einem einzigen, entschiedenen „STOPP!“-Schrei ein aggressives Gegenüber zu stoppen. — Sehr effektiv für beide Geschlechter: „Jungen sind oft erstaunt, wie leicht es gelingt, den anderen ohne Gewalteskalation zum Stehen zu bewegen. Mädchen sind überrascht, dass sie mit ihrer eigenen Stimme so wirkungsvoll sein können.“ (S. 47 f.)

Dass die Grenzen und auch die Wahrnehmung von Gewalt fließend bzw. subjektiv unterschiedlich sind, zeigt die „Stopp-Geschichte Schulfest“. Ausgangspunkt ist eine Eifersuchtsszene zwischen einem jungen Pärchen, die vorgelesen und immer wieder unterbrochen und diskutiert wird. Dabei nehmen die Schüler in Kleingruppen die verschiedenen Perspektiven der Protagonisten ein. (S. 53 f.)

Aggressionen und Gewalt sind vielschichtig und komplex. Deshalb ist es auch für die Lehrkraft wichtig, vor dem präventiven Unterricht zu einer eigenen klaren Position zu gelangen. Auch dafür bietet Silkenbeumer in ihrer Broschüre gute Anregungen: Sie gibt Pädagogen einen Fragenkatalog an die Hand, mit dessen Hilfe sie „über ihre Haltungen, Verstrickungen und ihren Umgang mit Gewalt und Geschlecht reflektieren können. (S. 62 ff.) — Eine solche unbeirrbare Haltung im Umgang mit Konflikten und Aggressionen, vom Lehrer verinnerlicht und den Schülern vorgelebt, unterstützt die Gewaltprävention im Unterricht besonders wirkungsvoll.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Gewalt und Mobbing
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×