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Gewaltprävention

Brutalität unter Schülern: So beugen Sie vor

„Schüler schlägt Schüler krankenhausreif“ — solche Meldungen geben Anlass, über zusätzliche Aufsichtsmaßnahmen nachzudenken und im Unterricht das Verhalten in akuten Gewaltsituationen zu besprechen und zu üben.

Gewaltprävention: Brutalität unter Schülern: So beugen Sie vor Damit Schüler sich nicht prügeln, ist eine kompetente und rechtzeitige Intervention wichtig © highwaystarz - Fotolia.com

Am 22.09.2016 geriet die Gesamtschule Euskirchen wegen eines Gewaltvorfalls in die Schlagzeilen: Offenbar hatten zwei Schüler einen Mitschüler so heftig verprügelt, dass der 12-Jährige lebensgefährliche Verletzungen davontrug. Einer Lehrerin war der misshandelte Schüler aufgefallen, der über starke Schmerzen klagte und sich benommen fühlte. Sie verständigte den Notarzt, der den Jungen zunächst ins örtliche Krankenhaus brachte. Mit schweren Kopf- und inneren Verletzungen brachte ihn dann ein Rettungshubschrauber in eine neurologische Klinik in Köln. „Sein Zustand ist kritisch“, berichtete die Süddeutsche Zeitung und zitierte unter Berufung auf einen Bericht im WDR den Schulleiter: Dieser habe bei dem Jungen zwar „eine leichte Verletzung am Hals festgestellt“, wäre jedoch „nie auf die Idee gekommen, dass er in Lebensgefahr schwebt“ .

Zur Tatzeit hätten acht Lehrkräfte auf dem Schulhof und im Gebäude Aufsicht gehabt, teilte der Schulleiter dem WDR mit, sie alle machten sich schwere Vorwürfe, hätten „die Attacke aber einfach nicht mitbekommen“ (ebd.).

Wie können Schulen solchen — zum Glück nicht alltäglichen — Gewalttaten unter Schülern vorbeugen? Und wie können Schüler sich schützen beziehungsweise betroffenen Mitschülern helfen? Diesen Fragen widmet sich der folgende Beitrag.

Gewaltpräventive Aspekte der Pausenaufsicht und -gestaltung

„Warum bemerkte kein Lehrer die Tat?“ titelte FOCUS ONLINE vier Tage nach dem Gewaltvorfall in Euskirchen. Während die Vorsitzende des Elternvereins Nordrhein-Westfalen, Regine Schwarzhoff, „eine gründliche Untersuchung“ forderte, sagte eine Sprecherin der Schulaufsicht, derzeit „gebe es (…) keine Erkenntnisse, dass die Schulleitung in Euskirchen gegen ihre Aufsichtspflicht verstoßen habe“. Auch bedeute Aufsichtspflicht nicht, „dass Lehrer auf dem Schulgelände oder in den Aufenthaltsräumen ‚jeden Winkel im Blick haben müssen‘“, so die Sprecherin der Bezirksregierung. (SPIEGEL ONLINE, 26.09.2016).

Dennoch ist es sicherlich sinnvoll, bei der Gestaltung von Pausenaufsicht und -angeboten gewaltpräventive Aspekte zu berücksichtigen, wie das beispielsweise die Johannes-Selenka-Schule in Braunschweig in ihrem „Konzept Sicherheit und Gewaltprävention“ tut: Während der Pausen müssen „ausreichend Lehrkräfte auf dem Schulgelände“ sein, „die die Aufsicht über die Schüleraktivitäten gewährleisten“. Auch müssen die Aufsichtspersonen „deutlich für die Schüler erkennbar sein“. Schon bei einem „Verdacht auf Gewalt“ greifen die Lehrkräfte „frühzeitig, schnell und entschlossen“ ein und behalten die Betreffenden im Auge.

Vorfälle mit Gewalt(-tendenz) werden zudem protokolliert und sind vor jeder Pausenaufsicht einsehbar. Auch der Klassenlehrer wird darüber informiert. Um Sicherheitsrisiken frühzeitig zu entdecken, gibt es an der Johannes-Selenka-Schule auch in regelmäßigen Abständen eine „anonyme Fragebogenerhebung zur Gewaltsituation“.

Ganz wichtig: Bewegung und Entspannung helfen den Schülern, Aggressionen und Frustrationen abzubauen. Deshalb sorgt die Johannes-Selenka-Schule „für eine gut ausgestattete und attraktive Umgebung im Freien, die zu positiven Aktivitäten einlädt“. Und bei schlechtem Wetter? Sollten entsprechende Angebote im Schulhaus verfügbar sein, etwa eine „offene Turnhalle“, ein Ruheraum oder eine Leseecke in der Schüler-Bibliothek.

Kompetentes Handeln in akuten Gewaltsituationen

Wie verhalte ich mich in akuten Bedrohungs- und Gewaltsituationen? — Das ist die zentrale Frage, die im Rahmen der Gewaltprävention mit den Schülern thematisiert werden sollte. — Keine leichte Aufgabe, da „diese Situationen sehr komplex sind und der ständigen Gefahr schneller Eskalation unterliegen“, so die Autoren der Berghof Foundation auf ihrer Website. Auch seien „in akuten Gewaltsituationen andere Handlungs- und Vorgehensweisen gefragt (…), als sie im Rahmen von konstruktiver Konfliktbearbeitung, Mediation oder Konfliktmanagement praktiziert werden.“

Mit den direkt übernehmbaren Unterrichtsmaterialien im „Handbuch Gewaltprävention“ des Friedenspädagogen Günter Gugl sensibilisieren Sie Ihre Schüler für solche Ausnahmesituationen:

In der Version für Schüler der Sekundarstufe widmet sich das Kapitel „Verhalten in akuten Gewaltsituationen“ den wesentlichen Aspekten des Themas: Die Schüler üben in Rollenspielen den Ernstfall, erfahren, welche physiologischen Reaktionen bei Gewalthandlungen auftreten (Adrenalin!), sie stellen sich ihrem eigenen Aggressionspotenzial und entwickeln Handlungsalternativen zu Gewalt. Und sie lernen, Gewaltsituationen einzuschätzen (Körpersprache von Tätern, Opfern und Zuschauern) und Deeskalationsstrategien anzuwenden. Außerdem erfahren sie, was zu tun ist, wenn man eine Gewaltsituation beobachtet.

Das Handbuch „Gewaltprävention in der Grundschule“ setzt in seinen Arbeitsmaterialien für den Unterricht ähnliche Schwerpunkte, allerdings in stark „abgemilderter“ Form: Die Beispiele und Situationen (Rollenspiele, Fotos, Geschichten etc.) greifen Gewaltsituationen auf, die die Kinder nicht ängstigen. Und die Verhaltensregeln zielen auf ein defensives und doch selbstbewusstes Auftreten der Kinder.

Vor allem aber üben sowohl Kinder als auch Jugendliche, sich in die verschiedenen Rollen bei gewaltsamen Konflikten einzufühlen: Was geht im Täter vor? Wie fühlt sich das Opfer? Und vor allem: Warum heizt das passive Verhalten und die Neugier der Zuschauer Gewalttätigkeiten noch weiter an?

Auch in Euskirchen gab es Zuschauer und Zeugen. Besonders im Unterricht der Sekundarstufe könnte dieses reale Beispiel herangezogen werden, um gemeinsam mit der Klasse zu überlegen, was Mitschüler möglicherweise daran gehindert hat, einzuschreiten oder Hilfe zu holen: Vielleicht haben die Schüler Angst, selbst zum Opfer oder zum Außenseiter zu werden.

Zum Abschluss der Unterrichtseinheit oder auch parallel dazu könnte gemeinsam mit der Klasse ein Kurzfilm zu Themen wie „Zivilcourage“ oder „Intervention im Gewaltfall“ gedreht werden. Wie die Schülerprojekte „Tina und die böse Clique“ (für Grundschüler) oder „Mit Gewalt?“ (Sekundarstufe I) zeigen, genügt dafür ein einfaches Drehbuch, um verschiedene Aspekte von Gewaltintervention zu beleuchten. Die Schüler haben Spaß dabei, der Zusammenhalt in der Klasse wird gestärkt und das Gelernte in der Unterrichtseinheit Gewaltprävention wird noch einmal vertieft.

Martina Niekrawietz

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