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Gewalt

Eltern – ein Gesundheitsrisiko für Lehrer?

Das Grundgesetz verortet den Erziehungsauftrag sowohl bei der Schule als auch bei den Eltern. Im Idealfall ziehen beide im Sinne der Kinder an einem Strang. Doch die Realität sieht oft anders aus: Feindseligkeiten der Eltern belasten die Gesundheit vieler Lehrer. Wie können Lehrer sich abgrenzen? Welche Schutz-Maßnahmen sind sinnvoll?

Gewalt: Eltern – ein Gesundheitsrisiko für Lehrer? Viele Lehrer müssen sich in der Praxis mehr gefallen lassen, als ihrer Gesundheit zuträglich ist © iStockphoto.com/sturti

Alle großen Tageszeitungen berichteten über den Vorfall: Im Gespräch über eine10-jährige Schülerin kommt es zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen dem Leiter einer Grundschule im hannoverschen Problemstadtteil Sahlkamp und der 27-jährigen Mutter. Diese wirft kurzerhand mit einer Tasse nach dem Lehrer. Sie zersplittert auf dem Tisch und der 49-jährige Rüdiger B. erleidet Schnittverletzungen an der Hand, die er sich schützend vors Gesicht gehalten hat. „Schwierigkeiten mit Eltern und verbale Entgleisungen gibt es oft“, zitiert ihn später die Süddeutsche Zeitung, „da blicke ich großzügig drüber weg, aber Gewalt ist nicht akzeptabel". Der Pädagoge erstattet Anzeige. Wegen schwerer Körperverletzung wird die 27-Jährige zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. „Es geht hier darum, was Lehrer sich gefallen lassen müssen“, hatte der Staatsanwalt vor dem Urteil betont.

Wenn auch tätliche Angriffe von Eltern gegen Lehrer extrem selten vorkommen, müssen sich doch viele Lehrer in der Praxis mehr gefallen lassen, als ihrer Gesundheit zuträglich ist. Die niedersächsische Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Gitta Franke-Zöllmer beobachtet schon seit Jahren eine gestiegene Gewaltbereitschaft gegenüber Lehrkräften. Besonders wenn es darum gehe, welche weiterführende Schule den Kindern empfohlen wird, übten Eltern Druck auf die Lehrer aus.

Gesundheitsrisiko durch Feindseligkeiten von Eltern

Welche Faktoren sind es eigentlich, die Lehrer krank machen? Das analysierten im Jahr 2008 erstmals Mediziner der Freiburger Universitätsklinik. Einflussgrößen wie Alter, Arbeitsbelastung und Schulart spielten zwar eine wichtige Rolle, als Hauptbelastungsfaktor ermittelten Studienleiter Professor Joachim Bauer und Dr. Thomas Unterbrink jedoch „offene Feindseligkeit, schwere Beleidigungen und Aggressivität, denen Lehrkräfte im Klassenzimmer von Schülerseite ausgesetzt sind“. Direkt an zweiter Stelle folgte „von Elternseite erlebte Aggressivität und Unzufriedenheit“ mit einem ebenfalls „signifikanten negativen Einfluss“. (Presseerklärung der Uni Freiburg, 2008)

Links zum Thema:

Ausführliche Ergebnisse zur Freiburger Lehrergesundheits-Studie finden sich (in englischer Sprache) auf der Website der Uni Freiburg. Einen kurzen Abriss in deutscher Sprache bietet die Presseerklärung der Universität.

Bauer, Joachim / Unterbrink, Thomas / Zimmermann, Linda: Gesundheitsprophylaxe für Lehrkräfte. Manual für Lehrer-Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell. Freiburg, 2008.

Wie lässt sich der Lehrer-Eltern-Kontakt pflegen, um die Lernsituation der Kinder zu verbessern? Der unbedingt lesenswerte Vortrag Psychologen und Pädagogen Prof. Dr. Kurt Singer ist online hier zu finden.

Was schützt die Gesundheit von Lehrern?

Auch dieser Frage ging die Freiburger Lehrer-Gesundheitsstudie nach. Als protektive Faktoren erwiesen sich „vor allem positive Rückmeldungen von Schülern oder Eltern, aber auch die gegenseitige Unterstützung, die sich Lehrkräfte innerhalb des Kollegiums einer Schule geben“. Weibliche Lehrkräfte blieben gesund, wenn das kollegiale Klima gut ist, während ihre männlichen Kollegen gesundheitlich eher von Anerkennung der Schulleitung profitierten. (vgl. Presseerklärung der Uni Freiburg) Für die Gesundheit förderlich sei zudem eine feste Beziehung und Unterstützung durch das private Umfeld. (Vgl. dazu die ausführliche Darstellung der Ergebnisse der Studie in englischer Sprache, a. a. O., S. 5)

Die Lehrergesundheits-Studie zeigt, dass die Fähigkeit, gelingende Beziehungen zu gestalten, zu einer Kernkompetenz des Lehrerberufs geworden ist. „Die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wird den hohen Anforderungen an die Beziehungskompetenz in diesem Beruf jedoch nicht gerecht“, bemängelt Studienleiter Bauer. Sein Team hat deshalb ein Trainings-Manual entwickelt, das Lehrern und Studenten gleichermaßen hilft, ihre Fähigkeiten im Bereich Beziehungsgestaltung am Arbeitsplatz zu verbessern.

Lehrer-Coachingruppen nach dem Freiburger Modell

Gesundheitsprophylaxe durch Stärkung der Beziehungskompetenz – so lässt sich das Ziel des Freiburger Training-Programms umreißen. Im Rahmen einer „professionellen Fortbildung“ finden sich Kollegen in Gruppen mit maximal 12 Teilnehmern zusammen. Qualifizierte Beziehungsexperten moderieren die Gruppen: entweder Psychologen oder Mediziner mit dem Schwerpunkt der psychologischen Medizin, die zusätzlich eine psychotherapeutische Ausbildung mitbringen sollten. Der zeitliche Aufwand für die Lehrkräfte und die Kosten für die Maßnahme halten sich im Rahmen: 10 Doppelstunden sollten innerhalb eines Jahres absolviert werden. Die Kosten betragen etwa 15 Euro pro Doppelstunde und Teilnehmer.

Im Mittelpunkt der Gruppen-Arbeit steht „die emotionale, das Beziehungsgeschehen betreffende Seite des Lehrerseins (...), basierend auf Schilderungen von (Beziehungs-)Sequenzen, die die Teilnehmer/innen im Schulalltag als schwierig erleben.“ Fünf thematische Module werden in jeweils zwei mal zwei Doppelstunden bearbeitet. In der ersten Doppelstunde eröffnet der Moderator das Thema im Konversationsstil (20 – 30 Minuten), woran sich eine Dialogrunde anschließt. Dabei ergänzen die Teilnehmer weitere für sie wesentliche Aspekte gemäß ihren beruflichen Erfahrungen. In der zweiten Doppelstunde stellt ein Teilnehmer eine problematische Situation aus dem schulischen Kontext vor. Anschließend reflektiert die Gruppe gemeinsam das Erlebnis. Es geht dabei aber nicht um eine Bewertung des Ereignisses (richtig/falsch), sondern vielmehr um eine Perspektivübernahme: „Wie könnte sich diese oder jene Person gefühlt haben?“ (Manual, S. 8)

Das Modul „Beziehungsgestaltung mit Eltern“

Die erste Doppelstunde thematisiert die oft schwierige Situation zwischen Eltern und Schule bzw. Lehrern: Negative Vorannahmen und Einstellungen beider Seiten werden angesprochen und verständlich gemacht. Bei den Eltern können dies zum Beispiel eine Reaktivierung eigener Schulängste, eine grundlegende Hilflosigkeit in Erziehungsfragen oder Konkurrenzdenken gegenüber den Lehrkräften sein. Die Lehrer werden darin bestärkt, zwar zuzuhören, aber doch Kompetenz und Führungswillen zu zeigen, „d. h., durch entsprechendes Auftreten (Sprache und Körpersprache) deutlich zu machen, dass man eine klare Vorstellung von dem hat, was man im Unterricht machen möchte und wie man es zu tun gedenkt.“ (Manual, S. 12)

Die Lehrer erfahren, wie wichtig es ist, zu verdeutlichen, „dass kein erfolgreicher Unterricht geleistet werden kann, wenn Eltern den Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule gegenüber ihren Kindern nicht vorbehaltlos unterstützen und Kinder nicht aktiv zur Einhaltung sozialer Spielregeln anhalten.“ (Manual, S. 13)

Den Blickwinkel des Gegenübers einnehmen

Auch Heidemarie Brosche sieht im gegenseitigen Perspektivwechsel ein probates Mittel, um die „Großkampfstimmung zwischen Eltern und Lehrern“ zu beenden: „Erwarten Sie kein fehlerfreies Verhalten! Sowohl Eltern als auch Lehrer kämpfen mit kleineren bis größeren Alltagsproblemen“, empfiehlt die Autorin. Eltern sollten sich bewusst machen, dass ihr Kind nur eines von vielen ist, denen der Lehrer gerecht werden muss. Auf der anderen Seite sollten Lehrern bedenken, dass für die Eltern das eigene Kind immer am wichtigsten ist. Im Gespräch gehe es nicht „um einen Sieg nach Punkten“, sondern um das Beste für das Kind.

„Gehen Sie nicht automatisch auf Abwehr, wenn ihr Gegenüber den Kontakt zu Ihnen sucht. Suchen Sie das Gespräch, wenn ein Problem auftaucht“, rät Heidemarie Bosch, selbst Lehrerin und Mutter, und weiß doch aus eigener Erfahrung, dass das nicht immer einfach ist: „In der Schule verkünde ich mit ernster Miene: ‚Ich muss mit deiner Mutter reden.’ Dazu bewegt (...) mich die ehrliche Sorge um das mir anvertraute Kind. (...) Ich will weder das Kind, noch die Eltern niedermachen. Und dann empfängt mich zu Hause mein eigenes Kind und sagt: ‚Die Lehrerin will mit dir reden.’ Und siehe da, flugs stellen sich mir die Nackenhaare auf. Was will denn die von mir?“

Martina Niekrawietz

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