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Gewalt gegen Lehrer: das Märchen vom Einzelfall

Gewalt gegen Lehrer nimmt zu. Das betrifft alle Schulformen. Doch das Problem wird gern unter den Teppich gekehrt. Neue Daten legen nahe, dass die Länder einen Aktionsplan entwickeln sollten.

forsa-Studie: Gewalt gegen Lehrer: das Märchen vom Einzelfall Eine schwierige Situation, wenn sich verbale oder körperliche Gewalt gegen die Lehrer richtet © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Vermutlich gibt es viele Lehrer, die über diesen Sketch  aus der Comedyserie „Ladykracher“ nicht mehr lachen können: Eine Lehrerin spricht bei Eltern an, dass sie von deren Sohn andauernd mit Papierkügelchen beschossen wird. Die Eltern bagatellisieren die Vorfälle und werden beleidigend: „Wenn Sie als erwachsene Frau sich von ein paar Papierkügelchen angegriffen fühlen, dann ist das ja wohl nicht die Schuld von unserem Sohn, oder?“ Daraufhin beschießt die Lehrerin den Vater mit einem „Papierkügelchen“, durch dessen Wucht er mitsamt seinem Stuhl glatt nach hinten umkippt.

Im Sketch zeigen sich die Eltern daraufhin augenblicklich kooperationsbereit. Das ist in der Realität in 59 Prozent der Fälle von Gewalt gegen Lehrkräfte leider nicht der Fall, wie eine im Mai 2018 veröffentlichte forsa-Studie ergab. Im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) waren 1200 Schulleiter zu physischer und psychischer Gewalt sowie zu Cybermobbing gegen Lehrkräfte ihrer Schule befragt worden. Die Ergebnisse sind alarmierend, wie der folgende Beitrag zeigt.

Die Hard-Facts: Gewalt gegen Lehrkräfte in Zahlen

„Die Ergebnisse sind so eindeutig, wie erschütternd“, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), im Pressetext zur Schulleiter-Befragung. Demnach gab es in den letzten fünf Jahren …

  • an 48 Prozent der Schulen „Fälle, in denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden“ (forsa-Ergebnisse zur Schulleiter-Befragung, S. 4). Betrachtet man die Gewaltvorfälle differenziert nach Schularten, stechen besonders Haupt-, Real- und Gesamtschulen heraus: Hier gab es sogar an 59 Prozent der Schulen direkte psychische Gewalt gegen Lehrer.
  • Körperlich angegriffen wurden Lehrkräfte insgesamt an jeder vierten Schule (26 Prozent), wobei besonders Grundschullehrer von physischen Attacken betroffen waren: An fast jeder dritten Schule (32 Prozent) kam es gegen sie zu Tätlichkeiten.
  • Diffamierungen, Bedrohungen, Belästigungen über das Internet meldete jede fünfte Schule. Naturgemäß gab es weniger Cybermobbing an Grundschulen (13 Prozent), während Haupt-, Real- und Gesamtschulen (36 Prozent) mit Gymnasien (33 Prozent) fast gleichauf lagen.

Konnten die betroffenen Lehrkräfte ausreichend unterstützt werden? Das bejahen immerhin 87 Prozent der Schulleiter. Lediglich 7 Prozent glaubten, dass das nur teilweise (7 Prozent) oder gar nicht (2 Prozent) der Fall war (ebd., S. 5). Eines der Haupthindernisse dabei: „betroffene Schülerinnen und Schüler zeigen sich oft uneinsichtig“ (ebd., S. 6).

Gewalt gegen Lehrpersonen in Schulen kein Tabu mehr

Bereits 2016 hatte der VBE eine Befragung mit 1951 Lehrkräften zum selben Thema durchgeführt. (Hier die Broschüre mit der detaillierten Auswertung dieser Umfrage.) Damals sahen 57 Prozent der befragten Lehrkräfte „Gewalt gegen Lehrkräfte“ als Tabu-Thema. Bei den Schulleitern waren es nur 39 Prozent. Ob dabei nicht auch eine Rolle spielt, dass 2016 Lehrer und 2018 Schulleiter befragt wurden, sei dahingestellt: Immerhin meinten 21 Prozent der Schulleiter, die Meldung von Gewaltvorfällen an das Schulministerium würde zu einem „Reputationsverlust der Schule führen“ (forsa-Ergebnisse zur Schulleiter-Befragung, Link s. o., S. 6). Udo Beckmann vom VBE jedenfalls ist überzeugt, dass die Veröffentlichung der Zahlen dazu beiträgt, dass das Thema in Schulen nicht länger unter den Teppich gekehrt wird (Pressetext, Link s. o.).

„Ein offener Umgang mit diesem Thema ist vor allem für die Betroffenen immens wichtig“, so Udo Beckmann in seiner Presseerklärung. Den Umgang der Schulverwaltung mit dem Thema bezeichnet er jedoch als „beschämend“ (Pressetext).

Wenig Hilfe aus den Kultusministerien

Oft scheiterten die Schulleiter bei der Unterstützung von Lehrkräften nach Gewalterfahrungen auch an Hürden in den Schulbehörden: Jeder dritte von ihnen fand, dass sich „das Schulministerium (...) des Themas nicht ausreichend angenommen“ hat. Und 22 Prozent bemängelten, dass die Meldung von Vorfällen „zu bürokratisch und zeitaufwendig organisiert“ ist (ebd., S. 6). 11 Prozent gaben sogar an, dass eine Meldung von Gewaltvorfällen „von den Schulbehörden nicht gewünscht“ sei (ebd.).

Im September 2017 hatte der VBE bei den Kultusministerien schriftlich angefragt, „ob in den Bundesländern Statistiken zu Gewaltvorfällen gegen Lehrkräfte geführt werden“ (Pressetext, Link s. o.). Die Reaktionen aus den Länderministerien zeigt eine Tabelle des VBE: Ein Viertel der Kultusbehörden reagierte überhaupt nicht. Lediglich Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern führen entsprechende Statistiken, die allerdings nicht veröffentlicht werden. In Brandenburg berichten diesbezüglich die Schulämter „anlassbezogen“. Bayern hält Statistiken zu Gewaltvorfällen gegenüber Lehrkräften „nicht für zielführend“, und Bremen lässt wissen: „Auch wenn keine Statistik betreffend Gewaltvorfällen gegen Lehrpersonen geführt wird (wohl aber betreffend ‚Besondere Vorkommnisse‘ aller Art), können wir versichern, dass es nur um Einzelfälle geht (…)“.

Forderungen des VBE

„Politik muss mit dem Märchen vom Einzelfall aufhören!“, fordert der VBE in dem Pressetext zur Schulleiter-Befragung. Regelmäßig sollten die Kultusministerien Statistiken führen und veröffentlichen. Die Meldung von Gewaltvorfällen gegen Lehrer müsste unbürokratisch möglich sein und für „schnelle Hilfe“ gesorgt werden. Ein „breites Fortbildungsangebot“ sollte Lehrer auf „den Umgang mit Heterogenität und das Verhalten in Konfliktsituationen“ besser vorbereiten. Und vor allem brauche es „multiprofessionelle Teams mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und weiteren Fachkräften“, die Lehrkräfte unterstützen. Dazu allerdings sind „massive Investitionen in die Bildungsinfrastruktur“ erforderlich. Und solange diese sich am politischen Horizont nicht abzeichnen, bleiben Lehrer und Schulen mit Gewaltproblemen sich selbst überlassen.

Martina Niekrawietz

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