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Opferschutz

Gewalt gegen Lehrer: nicht schweigen, sondern handeln!

Beleidigungen, tätliche Angriffe und Cybermobbing — Gewalt gegen Lehrer wird zunehmend zum Problem. Doch viele Betroffene werden nicht ernst genommen oder schweigen. Experten raten, Gewalterlebnisse zu thematisieren und sich zu wehren.

Opferschutz: Gewalt gegen Lehrer: nicht schweigen, sondern handeln! Für die betroffenen Lehrer sind erlebte Übergriffe und Beleidigungen sehr belastend. Sie erleben sich als hilflos dieser Situation ausgesetzt © tiero - Fotolia.com

Als im Mai 2018 die alarmierenden Zahlen der aktuellen forsa-Studie „Gewalt gegen Lehrer“ erschienen, ging das Thema durch alle Medien. Auch MDR-Kultur  recherchierte in mitteldeutschen Schulen, doch viele der betroffenen Lehrer wollten sich nicht öffentlich äußern. MDR Kultur nennt einige Gründe für das Schweigen der Opfer: Die Lehrer hätten oft das Gefühl, sie seien gescheitert, weil ein Schüler sie angegriffen hat, sagt der Thüringer Lehrervertreter Rolf Busch in dem MDR-Beitrag. Häufig werden stark herabwürdigende Gewalterfahrungen von den Opfern als beschämend empfunden, besonders wenn Handyaufnahmen auf YouTube gestellt werden und sexuelle Gewalt oder Unterstellungen im Spiel sind. Nicht nur Lehrer schweigen über Gewalterfahrungen, auch viele Schulen machen Gewaltvorfälle häufig nicht publik, um einen Reputationsverlust zu vermeiden. Und manche Schulbehörden bagatellisieren Gewalt gegen Lehrkräfte, wie auch die VBE-Studie gezeigt hat. Lehrer sind hier also oft auf sich allein gestellt. Doch wie können Sie sich vor Gewalt durch Schüler schützen? Welche Reaktionen sind angemessen und ratsam? Wo finden Sie Hilfe und Unterstützung? Diese Fragen beantwortet der folgende Beitrag.

Gewalterfahrungen thematisieren und Opfer unterstützen

Auch die Redakteure des SWR-Magazins „Zur Sache Baden-Württemberg!“ griffen am 26.11.2016 das Thema „Gewalt gegen Lehrer“ auf. Die gesammelten Geschichten der Lehrer, erzählt mit dem Rücken zur Kamera, zeigen allesamt zunächst vor allem eines: Gewalt trifft Lehrkräfte unvermittelt und unvorbereitet: Da rennt während des Unterrichts ein Schüler auf eine junge Lehrerin zu und schubst sie. Ein zweiter Lehrer, der einen Schüler bestrafen will, wird von diesem bedroht: Der 17- oder 18-Jährige kündigt an, mit seiner „Gang“ vorbeizukommen, er wisse, wo der Lehrer wohnt. Und ein dritter Lehrer berichtet, dass anonyme Täter über Wochen diffamierende vulgäre Sprüche über ihn auf Wände geschrieben/gesprüht haben („XY ist ein Homo“, „XY ist ein Kinderficker und mit mir hat er es auch schon gemacht“).

Zunächst einmal sind solche Gewalterfahrungen ein Schock, den die Lehrkräfte erst einmal verdauen müssen. Es entstehen Angst, Verzweiflung, Scham und Unsicherheit, bei anonymen Taten möglicherweise auch ein allgemeines Misstrauen den Schülern gegenüber, die man doch täglich unterrichten muss. „Was Betroffene in dieser Situation zunächst brauchen, ist ein privates Umfeld, das sie auffängt, und ein verlässlicher Rückhalt bei der Schulleitung und bei den Kollegen. Fehlt der Rückhalt in der Schule, sollten mögliche Gründe offen diskutiert werden, wie zum Beispiel ein befürchteter Imageverlust der Schule, Eltern, die Vorfälle herunterspielen, Kollegen, die mit den Schülern „ganz wunderbar“ auskommen etc.

In jedem Fall ist es wichtig, über erlebte Gewalt zu reden. Denn wenn Gewalt gegen Lehrer hingenommen oder nicht geahndet wird, ist das natürlich ein fatales Signal für die Täter: „In Schulen, in denen Jugendliche den Eindruck gewinnen, die Lehrkräfte ignorieren (...) Vorfälle, sind mehr Gewalthandlungen festgestellt worden als an Schulen, wo Jugendliche glauben, die Lehrkräfte intervenierten [sic!]“, so die Verfasser der Hamburger Broschüre „Was tun bei Gewalt gegen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Schulen?“ (S. 5). Eine Schule kann nur dann glaubwürdig klare Kante gegen Gewalt gegenüber Lehrern zeigen, wenn Schulleiter und das gesamte Kollegium nicht wegsehen, geschlossen auftreten und schon bei geringsten Über- und Angriffen reagieren.

Ansprechpartner und Handlungsempfehlungen in Ihrem Bundesland

Landesspezifische Informationen für Lehrkräfte hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in der Broschüre „Das Tabu brechen. Gewalt gegen Lehrkräfte“ ((     )) zusammengetragen. Hier sehen Sie zunächst, ob es in Ihrem Bundesland eine „festgelegte Vorgehensweise bei Gewaltvorfällen“ gibt, wem Sie den Vorfall melden müssen und wer Ihre Ansprechpartner sind. Möglicherweise gibt es auch — wie in Baden-Württemberg — Kriseninterventionsteams. Zudem finden Sie hier Hinweise auf Handreichungen, Fortbildungen und landesspezifische Präventionsprogramme.

Dass viele Länder das Gewaltthema noch gar nicht auf dem Radar haben, sieht man zum Beispiel daran, dass es keine Meldepflicht gegenüber der Schulbehörde, keine Handreichungen oder keine Empfehlungen für das Procedere nach dem Gewaltvorfall gibt. In solchen Bundesländern könnte die Schule jeweils schulinterne Regelungen vereinbaren und sich dabei von einem Blick über die Landesgrenzen „inspirieren“ lassen. Im Folgenden dazu einige Anregungen.

Vorgehen bei Gewaltvorfällen klar regeln

Wie gehen wir an unserer Schule vor, wenn Schüler oder andere Personen gegenüber Lehrkräften gewalttätig werden? Darauf sollten sich Schulleitung und Kollegium verständigen und das Ergebnis Schülern und Eltern gegenüber transparent kommunizieren.

An Hamburger Schulen gibt es dafür einen klar definierten Ablauf, der in der oben verlinkten Broschüre „Was tun bei Gewalt gegen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Schulen?“ festgelegt ist. Einen kurzen Überblick über die einzelnen Schritte vermittelt die Checkliste „Gewalt gegen Beschäftigte an Schulen“ (S. 21): Zunächst sind „Sofortmaßnahmen“ (Information der Schulleitung, ggf. Suspendierung des Schülers, Opferschutz und -Betreuung) zu ergreifen, bevor man ggf. weitere Institutionen einschaltet und pädagogische Ordnungsmaßnahmen gegenüber Täter oder Täterin einleitet. In einer letzten Phase geht es dann um die Rückkehr der Betroffenen in den Alltag, wobei mögliche Unterstützungsangebote wie klärende und Beratungs-Gespräche in Betracht gezogen werden.
Noch ein wichtiger Tipp aus Hamburg: „Wenn ein Gewaltvorfall sich gravierend auf die physische oder psychische Gesundheit auswirkt“, sollte er als Dienst- bzw. Arbeitsunfall gemeldet werden (ebd., S. 11). Wegen möglicher Spätfolgen sollte dies auch dann erfolgen, wenn auf den ersten Blick keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen feststellbar sind. So können beispielsweise psychisch belastende Extremsituationen Psychotraumata auslösen. Das Tückische daran: Die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung treten oft um mehrere Monate zeitversetzt auf (ebd., S. 9 f.).

Interventionen bei verschiedenen Gewaltszenarien

Gewaltvorfälle ereignen sich unvermittelt, doch „die Schule als Gesamtsystem“ kann sich darauf vorbereiten (ebd., S. 5). Dazu sollten zunächst folgende Fragen geklärt werden, empfehlen die Autoren der Hamburger Handreichung: „Was verstehen wir als Schule unter Gewalthandlungen?“ Wann und wie greifen wir ein? In welchen Fällen brauchen wir Hilfe von außen? Und noch ein wichtiger Hinweis aus Hamburg, der sich in ähnlicher Form auch in den Handreichungen anderer Bundesländer wiederfindet: „Nicht der objektive Schweregrad der Bedrohung ist entscheidend, sondern die subjektive, persönliche Wahrnehmung der Betroffenen, ob sie selbst einen Vorfall als Gewalterlebnis bewerten“ (ebd., S. 6).

Gewalt gegen Lehrkräfte hat viele Ausprägungen, und jeder Gewaltvorfall hat andere Facetten, die jeweils berücksichtigt sein wollen. Trotzdem ist es möglich und sinnvoll, „typische“ Gewaltszenarien zu identifizieren und sich im Kollegium auf angemessene Interventionen zu verständigen.

Hilfreich ist dabei die Broschüre „Gewalt gegen Lehrkräfte“ von der Bezirksregierung Münster (überarbeitete Neuauflage 2017). Gegliedert nach verschiedenen Gewaltformen (körperliche, psychische, sexuelle, verbale Gewalt, Vandalismus, Drohungen) finden sich hier (ab S. 24 ff.) jeweils mehrere „Fälle“, die dann als Straftatbestand rechtlich verortet werden (jeweiliger Paragraf des StGB). Zudem sind bei jedem Praxisfall auch gleich die gebotenen „Interventionen auf persönlicher Ebene“ ersichtlich, z. B.: „Erstattung einer Strafanzeige wegen Beleidigung und/oder sexueller Nötigung und Stellung eines Strafantrages ist jederzeit durch die geschädigte Person möglich.“

Auch eine Strafanzeige in Betracht ziehen

Beim „Vorliegen einer Gewaltstraftat“ empfehlen die Autoren der Münsteraner Handreichung, auch „‚Strafanzeige‘ zu erstatten und die Straf(un)mündigkeit von Kindern unter 14 Jahren zunächst zu vernachlässigen“ (S. 22). Liegt jedoch ein Verbrechenstatbestand vor, gibt es überhaupt keinen Ermessensspielraum. Dann ist „eine Strafanzeige (...) zwingend notwendig“ (ebd.).

Eine Strafanzeige ist nicht nur für die meisten Schüler ein heilsamer Schock, sondern auch eine Absicherung bei möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und daraus entstehenden Kosten, wie ein Praxisfall in dem informativen Blogbeitrag „Reaktionen auf nonverbale und verbale Gewalt in der Schule“ im Lehrerportal tresselt.de zeigt: Eine Lehrerin war bei einer Schlägerei zweier Neuntklässler dazwischengegangen, stürzte nach einem Faustschlag und trug einen komplizierten Schulterbruch davon. Sie musste mehrere Monate aussetzen und konnte den Arm auch nach einer Reha-Maßnahme nicht mehr schmerzfrei anheben. „Zur Rechenschaft gezogen wurde der Schüler nicht, weil die Lehrerin keinen Strafantrag gestellt hatte“, so der Autor des Beitrags.

Gerichte stärkten im Übrigen in mehreren Urteilen aus jüngster Zeit die Position von Lehrkräften „in Extremsituationen“, berichtete am 10.04.2018 das Online-Bildungsmagazin NEWS4TEACHERS. Zwei Lehrer hatten „einen tobenden Zwölfjährigen mit robustem Körpereinsatz gestoppt“ und waren dafür auch noch auf „schwere gemeinschaftliche Körperverletzung“ verklagt worden. Die Richter sahen jedoch darin „Notwehr“ und sprachen die beiden Pädagogen frei, obwohl der Junge dabei auch einen Faustschlag ins Gesicht hatte einstecken müssen.

Martina Niekrawietz

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