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Tätigkeitsanreize

Graffiti: Warum sprayen Jugendliche?

Manche sehen in Graffiti die pure Lust an der Zerstörung, andere eine im Kern sinnvolle kreative Beschäftigung. Doch was genau reizt die jugendlichen Sprayer an ihrer Tätigkeit aus motivationspsychologischer Sicht? Und welche Interventionsmöglichkeiten lassen sich für Lehrer daraus ableiten?

Tätigkeitsanreize: Graffiti: Warum sprayen Jugendliche? Lernprozess: Sprayen zielt nach dem Selbstverständnis der Szene auf stetige Verbesserung und Anerkennung ab © iStockphoto.com/labsas

Kulturgut oder Schmiererei? Identitätsstiftende Jugendkultur oder pubertäre Tendenz zur Straffälligkeit? Am Phänomen Graffiti scheiden sich die Geister. Nicht zuletzt deswegen, weil die Szene selbst in Ausdruck und Intention extrem heterogen ist: Norbert Siegl, österreichischer Fotograf und Psychologe, dokumentiert und untersucht Graffiti seit Mitte der 70er Jahre. Auf seiner Website präsentiert er das von ihm entwickelte Wiener Modell der Graffitiforschung und beleuchtet die vielfältigen Facetten des „Kulturphänomens Graffiti“. Er kategorisiert Graffiti in vier große inhaltliche Bereiche: Politik, Geschlechterbeziehungen, künstlerische Produktionen und Sonstiges (Grüße, Namen, Nachrichten, Beschimpfungen, Drohungen, Schule, Musik, Subgruppen der Jugendkultur, Menschen etc.). Schon das breite thematische Spektrum der Sprayer zeigt, dass sich Graffiti nicht ohne weiteres mit Vandalismus gleichsetzen lässt.

Das bestätigt auch das Selbstverständnis vieler Sprayer: „Jeder hat seinen eigenen Style“ betonen die Sprühkünstler „Polter“ und „Geist“, die in einem kurzen Video auf der Website der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Writing, eine besonders häufige Spielart von Graffiti erklären. Feste Konventionen regeln den Umgang der Sprayer untereinander: Innerhalb der Writer-Szene ist Abkupfern verpönt, wer „besser“, also kunstvoller sprüht, darf nicht „gecrosst“ (übersprayt) werden. Sprayen ist offensichtlich ein Lernprozess, der auf stetige Verbesserung und Anerkennung zielt: „Man muss erst mal die Grundlagen beherrschen, (...) und das kann man später variieren (...). Irgendwann will man ja bekannt werden in der Szene, da fängt man halt an, illegal zu malen“, gestehen die Sprayer.

Graffiti – Kunst oder Schmiererei?

„Die eine Schiene ist die der künstlerischen Ambition, die andere ist die der pubertären adoleszenten Destruktion. Beides findet man gleichermaßen in der Spraydosenkultur,“ sagt Norbert Siegl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und wie hoch ist dabei der Anteil an professionellen Arbeiten? Dieser Frage nähert sich eine Studie der Motivationspsychologen Falko Rheinberg und Yvette Manig von der Universität Potsdam. Von den befragten 294 Sprayern bezeichneten sich „4,4 % als ‚Anfänger’, 19,4 % als ‚Fortgeschrittener Anfänger’, 42,5 % als ‚Fortgeschrittener’, 21,8 % als ‚Könner’ und 8,8 % als ‚Profi’“. Nur 16,8 % gaben an, die anspruchsvollste Graffiti-Kategorie „Character“ zu sprühen (Rheinberg, Manig, 2003, S. 8), eine „bildhafte Gestaltung von Monstern, Phantasiefiguren oder Realitätsausschnitten“. (ebd., S. 5)

Legale und illegale Sprayer

14,63 % der Sprayer arbeiten ausschließlich „legal“, also an eigens dafür freigegebenen Orten. Immer illegal sprühen 21,09 % und 64,29 % sowohl legal als auch illegal. (Rheinberg, Manig, 2003, S. 5) Besonders die illegalen Graffiti-Sprayer stellten die beiden Motivationspsychologen vor ein Rätsel: „Aus der Distanz betrachtet“ seien das ja „Personen, die unbezahlte Nachtarbeit bei unzureichender Arbeitssicherheit an oft gefährlichen Arbeitsplätzen unter großem Zeitdruck verrichten. Für ihre hoch belastende und teils gefährliche Arbeit werden sie nicht nur nicht bezahlt, vielmehr müssen sie auch noch die benötigten Arbeitsmittel (Farben) und Arbeitskleidung selbst bezahlen. (...) Das alles geschieht in der Gewissheit, dass man als Sprayer mit negativen Folgen zu rechnen hätte, sofern man bei seiner nächtlichen Arbeitsverrichtung ertappt würde.“ (Rheinberg, Manig, 2003, S. 5) Warum nehmen illegale Sprayer solche Strapazen, Risken und Kosten auf sich? Und was treibt legale Sprüher an?

Links zum Thema:

Rheinberg, Falko  Manig, Yvette: Was macht Spaß am Graffiti-Sprayen? Eine induktive Anreizanalyse. Potsdam, 2003. Online hier zu finden.

Die Website des Instituts für Graffiti-Forschung sammelt die kompletten Ergebnisse der über 35 Jahre andauernden Dokumentations- und Forschungsarbeit von Norbert Siegl.

Anreizanalyse aus motivationspsychologischer Sicht

Beim Graffiti-Sprayen geht es nicht um konventionelle Belohnungen, sondern um Anreize, die „im Vollzug der Aktivität“ liegen. Diese sogenannten „autotelischen Tätigkeiten“ und das „Flow-Erleben“ erforschte in den USA Csikszentmihalyi in den späten 1990er Jahren, im deutschsprachigen Raum Falko Rheinberg seit Ende der 1980er Jahre, der mit Yvette Manig sieben maßgebliche Anreiz-Faktoren für Graffiti ermittelte (Rheinberg, Manig, 2003, S. 9 ff.):

Am wichtigsten ist für die Sprayer, die eigene Leistung laufend zu verbessern. („Expertise/Kompetenzorientierung“) Diese starke Gewichtung der Leistungsthematik verblüffte die Forscher angesichts einer Szene, die sich dezidiert gegen die Leistungs- und Konsumgesellschaft wendet.

An zweiter Stelle folgt der Faktor „Positive Emotionen/Flow“: Die Sprayer sind von ihrer Tätigkeit völlig absorbiert, können vom Alltag abschalten und geraten in Hochstimmung. Bei vielen illegalen Sprayern wird die Intensität des Flowgefühls noch durch Aufregung und Risko gesteigert. Bei den legalen Sprayern stellt sich ein Flow vor allem bei denjenigen ein, die es schätzen, bewundert zu werden und andere zu übertrumpfen.

Fast ebenso wichtig wie die Hochgefühle ist für Sprayer das Erleben der eigenen „Kreativität“, gekoppelt mit der „Freude daran, innere Ereignisse (Empfindungen, Wünsche, Träume) so zu materialisieren, dass sie in der Außenwelt als bleibende Strukturen (Bilder) wahrnehmbar werden.“ (Rheinberg, Manig, 2003, S. 12)

An vierter Stelle steht das „Gruppengefühl“. Für sich genommen taucht dieser Anreiz zwar auch bei vielen anderen Aktivitäten, wie zum Beispiel beim Sport, auf, bei Sprayern festigt jedoch möglicherweise die gemeinsame Illegalität die Zusammengehörigkeit, sodass die Gruppe für viele sogar Familienstatus erhält.

„Ruhm/Performanzorientierung“ folgt auf Platz 5: Die Sprayer streben danach, möglichst besser als andere zu sein und Anerkennung und Bekanntheit („Fame“) zu erlangen.
Viele Sprayer finden in Graffities Sinn und Halt im Leben: „Lebenssinn“ ist das sechststärkste Motiv für die Befragten.

Auf Platz 7 – weil nur für die Gruppe der illegalen Sprayer relevant – gelangen die typischen Erfahrungen, wie man sie sonst von Risiko-Sportarten kennt: Der Faktor „Sensation Seeking/Grenzerfahrung“ beschreibt „das genussvolle Erleben aufregungsstiftender kontrollierbarer Gefahr“ sowie „das gute Gefühl, mit seiner Angst fertig werden zu können.“ Bei den illegalen Sprayern ist das der zweitstärkste Beweggrund. (Rheinberg, Manig, 2003, S. 13)

Implikationen für Prävention und Intervention

Rheinberg und Manig fanden bei Sprayern eine thematisch vielseitige, breit verankerte und solide Motivationsgrundlage: „Hätten wir die gleichen Befunde etwa für die Motivation zu schulischem Lernen gewonnen, so wäre es um diese Jugendlichen bestens bestellt,“ stellen die beiden Wissenschaftler fest. Gute Chancen sehen sie für Bemühungen, Sprayer, die sowohl legal als auch illegal arbeiten, zum Umsteigen auf ausschließlich legale Möglichkeiten zu bewegen.

Auch bei den illegalen Sprayern, die Aufregung und Risiko eher als unangenehm empfinden, sehen Rheinberg und Manig Potenzial für einen Wechsel in die legale Szene (Rheinberg, Manig, 2003, S. 16). Das gelte allerdings nicht für illegale Sprayer „mit hohen Sensation-Seeking-Tendenzen“: Bei ihnen verbinde sich die „typische Anreizkonstellation des Risikosports, nämlich Leistungsthematik, Flow und Sensation Seeking“ mit dem „Wunsch nach kreativem Ausdruck von jugendlich-virulentem Binnengeschehen“.

Durch zuverlässige Einbindung in eine gleichgesinnte Gemeinschaft“ werde alles so sehr verstärkt, dass Graffiti-Sprayen zum Lebensmittelpunkt und -sinn wird. Fazit der Motivationsforscher: „Es dürfte schwer fallen, dafür legalen Ersatz zu finden.“ (Rheinberg, Manig, 2003, S. 21)

Martina Niekrawietz

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