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Handlungsempfehlungen

Intervention und Opferschutz bei sexualisierter Gewalt

Was ist zu tun, wenn ein Lehrer vom sexuellen Missbrauch einer Schülerin oder eines Schülers erfährt? Experten empfehlen zunächst: Ruhe bewahren und nichts überstürzen. In jedem Fall sollte Schritt für Schritt im Sinne des betroffenen Kindes oder Jugendlichen interveniert werden - rechtssicher und umsichtig.

Handlungsempfehlungen: Intervention und Opferschutz bei sexualisierter Gewalt Schwere Traumatisierungen können Folge von sexuellem Missbrauch sein © fasphotographic - Fotolia.com

Wie oft sind Lehr- und Fachkräfte in deutschen Bildungseinrichtungen mit sexuellem Missbrauch konfrontiert? Eine Befragung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) brachte im Juli 2011 erschreckende Zahlen ans Licht: 43 % der Schulen, knapp 40 % der Internate und über 70 % der Heime waren in den vorangegangenen drei Jahren mit „verschiedensten Arten von Vorfällen“ befasst, berichtet das DJI auf seiner Website.

Die meisten der Verdachtsfälle (32 %) waren außerhalb der Einrichtung angesiedelt, also zum Beispiel in der Familie der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Sexuelle Übergriffe von Kindern und Jugendlichen untereinander wurden am zweithäufigsten (16 %) genannt. Und in immerhin 4 % der Fälle an Schulen (3 % in Internaten und 10 % in Heimen) gerieten „an der Einrichtung tätige erwachsene Personen“ in Verdacht.

Wie gingen die Leitungskräfte vor, um die bekannt gewordenen Verdachtsfälle abzuklären? Laut DJI suchten sie meist „das Gespräch mit dem Kind sowie dem mutmaßlichen Täter, der Täterin“ – eine Vorgehensweise, die auch manche Risiken birgt: Für die Kinder könnten „weitere seelische Belastungen“ entstehen, wenn etwa ihre Angaben unerlaubt weitergegeben werden. Durch suggestive Fragen oder schlecht dokumentierte Gesprächsinhalte könnten die Angaben des Kindes womöglich nicht mehr verwertet werden. Und bei „unüberlegten Konfrontationen“ bestünde die Gefahr, „dass Opfer nachfolgend unter Druck gesetzt werden oder Rechtfertigungsstrategien von Tätern vorbereitet werden können“, warnt das DJI. (Link s. o.)

Die Bonner Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt empfiehlt Lehrern deshalb, jeden Hinweis auf sexuelle Übergriffe ernst zu nehmen, dabei jedoch „vorschnelle Aktivitäten“ zu vermeiden „und sich stattdessen Unterstützung [zu] suchen, um die Situation zu klären und sich über eventuelle Handlungsschritte beraten zu lassen.“ (Wirtz-Weinrich et. al., 2012, a. a. O. S. 4)

Links zum Thema:

Bezirksregierung Düsseldorf (Hg.): Kinderschutz in der Schule: Kindeswohlgefährdung durch sexuellen Missbrauch? Wie verhalte ich mich als Lehrkraft? - Ein Leitfaden für den konkreten Fall. Düsseldorf, 2011. Hier als PDF zum Download.

Wie sollten sich Lehrer bei Verdachtsfällen und konkreten Hinweisen auf Missbrauch verhalten? Die Bonner Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt bringt ihre Handlungsempfehlungen in einer klar strukturierten Broschüre auf den Punkt:
Wilma Wirtz-Weinrich, Conny Schulte, Heike Fröhlich: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Vorbeugen! Informieren! Schützen! Bonn, 2012. Die Broschüre ist online hier zu finden.

„Kein Raum für Missbrauch“ – unter diesem Motto bekämpft die aktuelle Kampagne des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ sexualisierte Gewalt in deutschen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Auf der Website finden sich interessante Informationsmaterialien für Eltern, Kinder und Fachkräfte zum Download.

Von sexuellem Missbrauch erfahren

Meist hören Lehrer von den betroffenen Schülern selbst von einem Missbrauch - laut DJI  in 50 % der Verdachtsfälle (Website DJI). In diesem ersten Gespräch sollte der Schüler nicht zum Reden gedrängt werden. Der Lehrer sollte offene Fragen formulieren, Empathie und Interesse zeigen, ohne dabei jedoch die „professionelle Distanz zu verlieren“ (Wirtz-Weinrich et. al., 2012, a. a. O. S. 9). Unbedingt ist es ratsam, nichts zu versprechen, was nicht eingehalten werden kann, „z. B. [...] niemandem von dem Gespräch [zu] erzählen oder dass der Schüler/die Schülerin entscheiden kann, was unternommen werden soll.“ (ebd.) Alle Gesprächsinhalte und Beobachtungen sollten mit Datum und Uhrzeit dokumentiert werden (ebd., S. 5). Johannes -Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, warnt in den Empfehlungen für Fachkräfte für den Umgang mit Verdachtsfällen ausdrücklich: „Stellen Sie in keinem Fall die verdächtige Person zur Rede. Dadurch kann das Kind zusätzlich gefährdet werden.“

Information der Schulleitung

Sobald ein Lehrer von einem Verdacht auf sexualisierte Gewalt erfährt, ist er verpflichtet, die Schulleitung zu informieren und alle weiteren Maßnahmen mit ihr abzustimmen. Es ist Aufgabe der Schulleitung, ggf. rechtliche Schritte einzuleiten. Falls sich ein begründeter Verdacht auf sexuellen Missbrauch gegen eine Lehrkraft richtet, „sind Schulleitungen der staatlichen Schulen und der Schulen in kirchlicher und freier Trägerschaft verpflichtet, dies unverzüglich dem Dienstherrn oder Anstellungsträger mitzuteilen“ (Handlungsempfehlungen der Kultusministerkonferenz). Wenn die Schulleitung selbst in den Fall involviert ist, sollte sich ein Lehrer direkt an die Schulaufsichtsbehörde wenden (Wirtz-Weinrich et. al., 2012, a. a. O. S. 9).

Hilfe und Unterstützung für betroffene Schüler

Beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch hat der Schutz des Opfers oberste Priorität. Eine Beratung mit dem Schulpsychologischen Dienst oder dem Jugendamt hilft dabei, bestehende Risiken für den Schüler sicher einschätzen zu können (Wirtz-Weinrich et. al., 2012, a. a. O. S. 12 f.). Auch für die betroffenen Schüler sind klärende und entlastende Gespräche mit fachlich qualifizierten Beratern wichtig. Wenn erforderlich, ist zudem für medizinische Versorgung und ggf. Beweissicherung zu sorgen.

Bei Vorfällen sexualisierter Gewalt innerhalb der Schule sollte dem Betroffenen eine feste Vertrauensperson zur Seite gestellt werden. Außerdem „muss zum Schutz aller Beteiligten bis zur Klärung für die größtmögliche Distanz zwischen den Betroffenen gesorgt werden“ (Leitfaden „Kinderschutz in der Schule“, a. a. O., S. 12). Die Erziehungsberechtigten des Opfers sind nur dann zu benachrichtigen, wenn dadurch „der wirksame Schutz des Kindes oder Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird“ (Hinsehen und Handeln, Beilage Schule NRW, 2010).

Martina Niekrawietz

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