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Prävention

Keine Chance für Mobbing

Mobbingprozesse entwickeln eine unausweichliche Dynamik: Sie ziehen das gesamte soziale Umfeld in einen Sog der Gewalt, vergiften das Klima und erschweren das Lernen in der Schule. Das Interventionsprogramm von Dan Olweus bekämpft Mobbing mit System.

Prävention: Keine Chance für Mobbing Bei Mobbingfällen sollten Lehrer schnell und entschlossen handeln © stock photo - istockphoto.com

Ein angst- und gewaltfreies Schulklima ist eine wesentliche Voraussetzung für optimalen Lernerfolg der Schüler. Durch respektvolle, offene Beziehungen und eine faire, konstruktive Gesprächs- und Streitkultur verliert Mobbing an Boden. Gewaltprävention und -intervention heißt, „Beziehungsarbeit“ für eine bessere Schule leisten. Dauerhaft schikanierte Kinder und Jugendliche leiden unter körperlichen Symptomen: Magen- und Kopfschmerzen, Alpträume, Angstattacken, Schlafstörungen, Unkonzentriertheit und Leistungsabfall. Sie fehlen häufig, trauen sich nichts zu, sind ausgegrenzt und erleben, dass ihnen niemand hilft. Ihr Selbstwertgefühl und ihr Vertrauen in andere sind dauerhaft erschüttert. Aber auch für die Täter hat Mobbing erhebliche Folgen: Sie erleben, dass Aggression Erfolg bringt und werden zusätzlich noch bestärkt, weil ihre Mitschüler nicht eingreifen. Dadurch ergibt sich für sie „ein hohes Risiko, dass sie aggressive bzw. kriminelle Verhaltensauffälligkeiten entwickeln“, heißt es im Abschlussbericht zum Baden-Württembergischen Modellprojekt „Mobbing-Telefon“. Forschungen des schwedischen Schulpsychologen Dan Olweus belegen dies: 60 Prozent der Jungen, die in der Grundschule als Täter agierten, sind im Alter von 24 Jahren bereits einmal straffällig geworden. Doch auch auf Klassen- und Schulebene wirkt Mobbing verheerend: „Mobbing untergräbt die Beziehungsqualität in Klassen und Schulen“, schreibt der Schweizer Experte für Gewaltprävention Haennes Kunz.

Links und Literatur zum Thema:

Links:
Unter dem Motto „Keine Chance mehr für Bullies“ wirbt die Polizei bundesweit für das an Schulen erfolgreich erprobte „Anti-Bullying-Programm“ zur Gewaltprävention. Die Auswertung der bisherigen Ergebnisse und ein Medienpaket inklusive DVD und Begleitheft für Pädagogen können bestellt werden.

Literatur:
Kulis,Marja/Häberle, Katharina u. a.: Abschlussbericht zum Baden-Württembergischen Modellprojekt „Mobbing-Telefon“. Freiburg/München,  2002.

Olweus, Dan: bully/victim problems among schoolchildren: basic facts and effects of a school based interventionprogram. In: Pepler, D. J., Rubin, K. H.: The Development and Treatment of Childhood Aggression. Hillsdale, N. J.: Erlbaum 1991. S. 411 – 448.

Olweus, Dan: Gewalt in der Schule. Was Eltern und Lehrer wissen sollten. Bern (u.a.), 1996.

Taglieber, Walter: Berliner Anti-Mobbing-Fibel. Eine Handreichung für eilige Lehrkräfte. Berlin, 2005.

Nicht nur Opfer würden unter der Situation leiden: „Auch die unbeteiligten Zuschauer fühlen sich verunsichert und bedroht, wenn einzelne Schülerinnen oder Schüler Macht ausüben können und andere quälen, ohne dass ihr Handeln gestoppt und sanktioniert wird“, so Kunz. Mobbing- und Gewaltprävention sei so gesehen eine pädagogische und lernpsychologische Notwendigkeit.

Dan Olweus‘ Grundsatzwerk gegen Mobbing

Dan Olweus hat dafür bereits in den 80er-Jahren ein Programm entwickelt: Sein Grundsatzwerk zu Prävention und Intervention basiert auf umfangreichen Längsschnittuntersuchungen und wird bereits an vielen europäischen Schulen erfolgreich umgesetzt. Es greift flächendeckend da, wo Mobbing Schaden anrichtet: auf Schulebene, Klassenebene und Schülerebene. Ziel des Programms ist es, Gewalt deutlich zu verringern, die Beziehungen der Schüler untereinander zu verbessern und auf das Schulklima und den Zusammenhalt positiv einzuwirken. Mit nicht-feindlichen und nicht-körperlichen Strafen setzen die Erwachsenen unakzeptablen Verhaltensweisen dabei konsequent enge Grenzen. Auf der anderen Seite erleben die Schüler Wärme, positive Anteilnahme und Beteiligung der Erziehenden. Das Projekt steht und fällt damit, dass Lehrer, Schulleiter und Eltern an einem Strang ziehen: Alle sollten sich deshalb des Problems „Gewalt an unserer Schule“ bewusst sein und den festen Willen mitbringen, diesen Zustand zu ändern.
Auf Schulebene soll zunächst eine Fragebogenerhebung unter allen Schülern Aufschluss über den aktuellen Stand von Mobbing und Gewalt geben. Auf Grundlage dieser Ergebnisse verabschiedet die Lehrerkonferenz dann geeignete Maßnahmen für eine Anti-Mobbing-Kampagne. Parallel dazu intensivieren die Lehrer die Aufsicht in den Pausen: Sie signalisieren den Tätern schnelles, entschlossenes Handeln bei Regelverletzungen und vermitteln den anderen Schülern Sicherheit. Spiel- und Freizeitflächen sollten zudem attraktive Angebote und eine anregende Umgebung bieten, denn auch dies vermindert die Gewaltbereitschaft nachweislich. Auch ein Kontakttelefon für Beschwerden ist sinnvoll. Schulinterne Lehrerfortbildungen thematisieren das soziale Milieu an der Schule, im gemeinsamen Kampf gegen Mobbing kooperieren die Lehrer verstärkt mit den Eltern.

Verbindliche Klassenregeln und ernsthafte Gespräche

Auf Klassenebene sind Klassenregeln der Kern des Programms. Ihr Tenor: „Wir werden nicht mobben. Wir helfen anderen, wenn sie gemobbt werden. Wir beziehen Mitschüler ein, anstatt sie auszugrenzen.“ Wie in einem Vertrag legen Schüler und Lehrer Verhaltensregeln fest und definieren, was bei Missachtung (nicht-feindliche Sanktionen) beziehungsweise Befolgung (Lob) passieren soll. Regelmäßige Klassengespräche sichern die Einhaltung. Im Unterricht nutzen Pädagogen außerdem verstärkt kooperative Lernformen und thematisieren dabei die Mobbing-Problematik (etwa durch Rollenspiele oder Literatur). Gemeinsame Klassenaktivitäten sind dabei ebenso förderlich wie die Zusammenarbeit von Klassenelternbeirat und Lehrkräften.
Ernsthafte Gespräche der Lehrer mit den Tätern, den Opfern, neutralen Schülern und den Eltern beider Parteien kennzeichnen die Schülerebene. Den Mobbern wird dabei unmissverständlich klar gemacht, dass Gewalt an der Schule nicht akzeptiert wird. Bei den Gesprächen mit Gemobbten versuchen die Lehrer Ängste auszuräumen sowie Vertrauen und Sicherheit aufzubauen. Bei besonders heftigen Mobbingvorfällen ist es zudem ratsam, die Eltern einzubeziehen und mit ihnen gemeinsam Möglichkeiten zur Entspannung der Lage zu erarbeiten. Lässt sich die Mobbingsituation nicht entschärfen, sollte über einen Klassen- oder Schulwechsel nachgedacht werden.

Positive Erfahrungen in der Praxis

Die Evaluierung des Programms von Olweus ergab erstaunliche Resultate: Das Gewaltproblem war an den relevanten Schulen um bis zu 50 Prozent rückläufig, allgemein antisoziales Verhalten wie Diebstahl und Vandalismus nahmen ab. Bei einem Pilotprojekt in Schleswig-Holstein ließen sich in den 90ern positive Effekte besonders für die Grundschule und für die Sekundarstufe I nachweisen. Das Programm ist damit ohne Zweifel wirksam, fordert jedoch von allen Beteiligten Zeit und Engagement. Doch lässt sich das im stressigen Schulalltag auch praktisch bewältigen? „Das Programm von Dan Olweus scheint zunächst sehr aufwändig zu sein“, schreibt auch der Berliner Mobbing-Experte Walter Taglieber. Bei der Lektüre würde man allerdings schnell merken, dass vieles schon an der Schule geschehe. „Das Geheimnis des Erfolgs liegt wahrscheinlich darin, dass man die Maßnahmen absprechen und bündeln müsse“, so Taglieber. Damit signalisiere man den Schülern, „dass das Kollegium eine relative Einheit ist und eine Kooperation mit allen an der Schule beteiligten Gruppen anstrebt.“

 

Martina Niekrawietz


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