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Gewaltprävention

Mädchen geben beim Klassenklima den Ton an

Mädchen tragen entscheidend zu einem aggressiven Klassenklima bei. — Das ergab eine aktuelle Studie der Universität Potsdam. Gewaltprävention und Intervention sollte deshalb zunächst die sozialen Gegebenheiten in der Klasse ins Visier nehmen, so das Fazit der Potsdamer Wissenschaftler.

Gewaltprävention: Mädchen geben beim Klassenklima den Ton an Mädchen geben in der Klasse immer den Ton an: Sie tragen zu mehr oder weniger starkem aggressiven Verhalten bei © micromonkey - Fotolia.com

Gemeinhin gelten Jungen als aggressiver als Mädchen. Doch die Psychologen Barbara Krahé und Robert Busching von der Universität Potsdam sorgten im April 2015 mit der Veröffentlichung einer Studie (hier das englischsprachige Abstract und Links zum englischen Volltext „The girls set the tone“) für eine Überraschung: Es sind besonders die Mädchen in der Klasse, die den Rahmen für aggressives Verhalten vorgeben.

„Um gegen aggressives Verhalten vorgehen zu können, muss man verstehen, wie es sich entwickelt und wovon es beeinflusst wird“, betont Robert Busching auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGP). Um das herauszufinden, erforschten er und seine Kollegin deshalb, „wie sich die Klassennorm, also die Einstellungen, die in einer Klassengemeinschaft vorherrschen, auf die individuelle Entwicklung aggressiven Verhaltens bei Jugendlichen auswirkt.“ Über drei Jahre hinweg befragten die beiden Forscher dazu 1321 Jugendliche von verschiedenen weiterführenden Schulen in Berlin.

Klassennorm — Messlatte für den Aggressionspegel

Barbara Kranhé und Robert Busching konzipierten dazu einen Fragebogen, der zunächst die Einstellungen gegenüber Aggressionen abfragte. Dazu lasen die Schülerinnen und Schüler eine Geschichte von einem Jugendlichen, der einen anderen provoziert. Ihre Aufgabe war es dabei, sich in den provozierten Jugendlichen hineinzuversetzen und zu entscheiden, „wie angemessen sie verschiedene vorgegebene aggressive Reaktionen in dieser Situation finden würden (zum Beispiel: die andere Person zu schubsen)“ (ebd.). Je aggressiver die präferierten Reaktionen, desto positiver waren die individuellen Einstellungen gegenüber Aggression. Aus diesen Einzelangaben der Schülerinnen und Schüler wurde eine durchschnittliche Klassennorm für die gesamte Gruppe ermittelt.

Auch das aggressive Verhalten war Gegenstand des Fragebogens: Hierfür sollten die Jugendlichen angeben, wie oft sie im letzten halben Jahr körperlich aggressiv waren (etwa schubsen, treten, beißen) oder andere in ihren sozialen Beziehungen geschädigt hatten, zum Beispiel durch das Verbreiten von Gerüchten.

Klassennorm bestimmt Aggressionspegel des Einzelnen

Es zeigte sich bei der Untersuchung, dass die Klassennorm das aggressive Verhalten des Einzelnen maßgeblich beeinflusste: Wurden in einer Klasse Aggressionen eher toleriert, verhielten sich die Schüler auch aggressiver. Das galt selbst für diejenigen, die eigentlich friedliebend waren.

Demgegenüber waren Schüler in Klassen, die aggressive Handlungen „nur gering“ tolerierten (ebd.), weniger aggressiv, ganz unabhängig von ihren individuellen Einstellungen. — Eine wichtige Erkenntnis für den Umgang mit einzelnen gewalttätigen oder hochaggressiven Schülern: Versetzt man sie in eine friedliebende Klasse, werden sie vermutlich ihr Verhalten an die dort geltende Klassennorm anpassen. Ganz besonders dann, wenn zu dieser Klasse auch Mädchen gehören.

Mädchen beeinflussen die Klassennorm

Besonders auffällig war der Einfluss der Mädchen in der Klasse: Wenn sie aggressives Verhalten „stark akzeptierten, verhielt sich die Klasse insgesamt aggressiver“. Woher kommt das? Robert Busching erklärt dazu in SPIEGEL ONLINE:„Die Mädchen stimmen in ihrer Meinung, was akzeptabel ist, eher überein als die Jungen. Und als homogene Gruppe haben sie größeren Einfluss.“ Die „weibliche Autorität“ könnte aber auch auf einen entwicklungspsychologisch bedeutsamen Aspekt zurückzuführen sein, vermutet Busching in SPIEGEL ONLINE (ebd.): Während der Pubertät orientierten sich Mädchen eher an älteren Jungs. Die Jungen hingegen konzentrierten sich auf ihre gleichaltrigen Mitschülerinnen gleichen Alters, auf die sie „aber wenig Einfluss“ haben.

Fazit der Studie

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Prof. Andrea Abele-Brehm, zieht aus der Potsdamer Studie ein klares Fazit für die schulische Gewaltprävention: „Die Studie ist ein wichtiger Beleg dafür, wie wichtig neben der Verhaltensbeeinflussung auf individueller Ebene auch die Verhältnisbeeinflussung auf der Ebene der sozialen Gegebenheiten für die Aggressionsprophylaxe ist“, betont sie auf der Website der DGP (Link s. o.). Und die wichtigsten „sozialen Gegebenheiten“ für die Schüler bestimmt vordergründig das Klassenklima, das vom gegenseitigen Umgang der Schüler untereinander geprägt wird. Hier sollte die präventive Arbeit ansetzen, am besten mit einer Analyse des Ist-Zustandes.

Mithilfe von Fragebögen das Klassenklima ermitteln

Wie beurteilen Sie als Lehrkraft das Klassenklima? Und wie empfinden es die Schüler? Bei einer genauen Bestandsaufnahme helfen die standardisierten Fragebögen auf der Website der Hessischen Lehrkräfteakademie. Sie differenzieren nach Jahrgangsstufen und enthalten zum Beispiel in der Version für Sekundarstufe I insgesamt 49 Aussagen, die sowohl Schüler als auch Lehrer mit einem vierstufigen Antwortformat von „stimmt gar nicht“ bis „stimmt ganz genau“ bewerten. Neben Aggression werden weitere sieben Dimensionen abgefragt, die das Klassenklima bestimmen: Toleranz, Hilfsbereitschaft, Lern- und Leistungsbereitschaft, Klassenzusammenhalt, Störneigung, Wettbewerb bzw. Konkurrenz und Leistungssanktionierung.

Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Befragung ist zum einen Anonymität, um ein ehrliches Antwortverhalten zu ermöglichen. Zum anderen sollte den Schülern „Ziel und Bedeutung der Befragung (…) klar sein“. Ein wesentlicher Indikator für das Klassenklima ist natürlich auch, wie es die unterschiedlichen Lehrkräfte der jeweiligen Klasse beurteilen.

Ermitteln lässt sich das mit dem Fragebogen für Lehrer, der natürlich auch an weitere Fachlehrer der Klasse ausgegeben werden kann.

Mithilfe einer Excel-Eingabemaske (inklusive einer detaillierten Anleitung mit Screenshots) lassen sich die Fragebögen leicht auswerten und die Ergebnisse visualisieren. — Eine gute Grundlage für die anschließende Diskussion mit den Schülern, bei der Schüler und Lehrer „gemeinsam Handlungskonsequenzen für die weitere Arbeit“ vereinbaren können.

Martina Niekrawietz

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