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Aufklärung

Nur Streit oder schon Mobbing?

Handelt es sich um einen Konflikt auf Augenhöhe oder um systematisches Mobbing? Das ist für Lehrer oft schwer zu beurteilen. Mobbingexperten zeigen, wie Pädagogen sich Klarheit verschaffen, um dann schnell und entschieden intervenieren zu können.

Aufklärung: Nur Streit oder schon Mobbing? Die Grenzen zwischen Hänselei, Streit und Mobbing sind zuweilen fließend © Syda Productions - Fotolia.com

Normalerweise sind die Beiträge von Catrin Kurz, Lehrerin und Bloggerin in der Süddeutschen Zeitung, amüsant. Der Beitrag „Marie und die Neue“ nicht wirklich, denn es geht um ein ernstes Thema: Mobbing.

Wenn Paul Max auf dem Pausenhof die Mütze wegnimmt, entpuppt sich das bei näherem Hinsehen oft einfach als eine „alltägliche Streiterei zwischen eigentlich gut befreundeten Sechstklässlern, die irgendwo das Wort Mobbing aufgeschnappt haben“, so die Erfahrung von Catrin Kurtz. Besonders dann, wenn Max zuvor die Trinkflasche von Paul versteckt hat.

„Bei Mobbing hingegen fühle ich mich oft hilflos“, gesteht die erfahrene Pädagogin, denn für Außenstehende sei es „oft nicht leicht, Mobbing zu erkennen“. Natürlich schreite sie in der Schule bei körperlichen oder Verbalattacken ein, doch verwendeten die Täter häufig subtile Methoden „wie versteckte Hänseleien und Bedrohungen, Erpressung, üble Nachrede oder einfach systematisches Ignorieren“ (ebd.).

Doch wie unterscheiden sich alltägliche Streitereien zwischen Schülern von systematischem Mobbing? Und vor allem: Wie schaffen Sie es als Lehrkraft, die Situation realistisch einzuschätzen, um bei Mobbing gegebenenfalls möglichst zeitnah intervenieren zu können? Im Folgenden dazu hilfreiche Empfehlungen von Mobbingexperten und Schulpsychologen.

Mobbing oder nur Streit?

„Gelegentliche Reibereien sind nicht schlimm. Im Gegenteil“, erklärt die Psychologin und Mobbing-Forscherin Mechthild Schäfer in dem Artikel „Endloser Psychoterror“ in der Süddeutschen Zeitung. Kinder müssten „lernen, wie man Konflikte entschärft und sich wieder verträgt. Wenn jedoch „mehrere Kinder einem Kind über einen längeren Zeitraum zusetzen, muss man von Mobbing sprechen und dringend etwas dagegen unternehmen“, betont die Psychologin von der LMU München.

Mobbing-Experte Werner Ebner konkretisiert ins seiner Broschüre „Mobbing und Gewalt, Tipps für Eltern“ die Merkmale für Mobbing:

  1. Es besteht dabei ein „Ungleichgewicht der Kräfte“, denn der Täter sei „stärker“, entweder „körperlich oder geistig oder seelisch“.
  2. Der Schüler/die Schülerin ist „dauerhaft mehreren  (…) Mobbinghandlungen ausgesetzt und kann sich nicht wehren“.
  3. Mobbing zieht sich über einen längeren Zeitraum von mehreren Monaten „bis zu Wochen oder Jahren“ hin.
  4. Es gebe „1-3 Haupttäter und mehrere Mitläufer, die vorsätzlich, gezielt handeln.“

Mobbing ist also ein komplexes Gruppenphänomen, das Lehrer erkennen, wenn sie sehr genau beobachten. Die 45 Mobbinghandlungen nach Heinz Leymann im Anhang der Broschüre (S. 20) lassen erahnen, wie subtil die Täter dabei vorgehen.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied: Bei einem Konflikt gibt es ein Streitthema, etwa wie im Eingangsbeispiel: Ein Schüler nimmt einem anderen etwas weg und dieser „revanchiert“ sich. Beim Mobbing hingegen gebe es keinen Streitanlass und die Angriffe seien immer gegen die Würde oder das soziale Ansehen einer Person gerichtet, so die beiden österreichischen Schulpsychologinnen Dr. Christa Wührer und Verena Pagitsch in dem Vortrag „Mobbing in unserer Schule — was tun?“.

Kritisch: neu zusammengewürfelte Klassen

Wenn sich Kinder und Jugendliche in neuen Gruppen zusammenfinden, sind Mobbingprozesse besonders häufig. „Besonders kritisch bei der Gruppenbildung sind die erste und die fünfte Klasse, wenn die Kinder neu zusammengeworfen werden“, sagt Dr. Mechthild Schäfer in einem Interview mit Ursula Zipperer auf der Website des Bildungsportals in Nordrhein-Westfalen. Bis Weihnachten etwa dauere es in der Regel, bis sich die Kinder in einem neuen Schuljahr „vernetzt“ haben. In dieser Zeit sollten Lehrer und auch Schüler besonders aufmerksam sein.

Die Schüler über Mobbing aufklären

Natürlich ist es in dieser Zeit auch wichtig, die Schüler für Mobbing zu sensibilisieren. Hilfreich bei der Arbeit mit der Klasse sind die Arbeitsblätter „Anti-Mobbing-Übungen“ hier im Lehrerbüro. Und für eine schnelle Antimobbing-Unterrichtseinheit, zum Beispiel aus gegebenem Anlass nach einem Mobbingvorfall, eignen sich die „Themenblätter im Unterricht: Mobbing in der Schule“ des Friedenspädagogen Günther Gugel auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung (Hier zum freien Download).

„Wenn in einer Klasse Mobbing passiert, weiß jeder darüber Bescheid“, so die Erfahrung von Christa Wührer und Verena Pagitsch (ebd.). Klassenbefragungen sind deshalb ein probates Mittel, um „einen ersten Einblick über die verdeckten Vorgänge in der Klasse zu bekommen“, schreibt Walter Taglieber in seiner Anti-Mobbing-Fibel. Er stellt in der äußerst empfehlenswerten Handreichung zwei verschiedene Mobbingfragebögen vor und verweist zudem auf den differenzierten mehrseitigen SMOB-Fragebogen.

Mobbingbriefkasten

Werden Schüler in der Klasse gemobbt, herrscht häufig eine Atmosphäre der Angst. Ein Mobbing-Briefkasten an einem neutralen Ort bietet den Schülern die Möglichkeit, ihre Beobachtungen oder Erfahrungen im Zusammenhang mit Mobbing gefahrlos zu äußern. Die Schülermitverwaltung einer weiterführenden Schule in Ludwigsburg hat dazu die Initiative „Offenes Ohr“ ins Leben gerufen: In einen Briefkasten im Sekretariat „können Briefe, anonym oder mit Namen, eingeworfen werden, in denen von einem Problem berichtet wird, egal ob es sich um ein eigenes oder ein fremdes Problem handelt“. Alle Mitteilungen werden vertraulich behandelt. Und auf Wunsch des Briefeschreibers vermittelt die SMV auch ein persönliches Gespräch mit einer Lehrkraft, die dann gemeinsam mit dem Schüler eine Lösung entwickelt.

Martina Niekrawietz

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