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Gewaltprävention

Pädagogische Intervention: Ein Tag mit Schülern in der JVA

Gewaltbereite Kinder und Jugendliche nehmen ihr Tun häufig als positives Erfolgserlebnis wahr, das nur geringe Konsequenzen nach sich zieht. Präventionsprojekte helfen, die Schüler mit einer Zukunft im Knast zu konfrontieren — und Verhaltensänderungen zu initiieren.

Gewaltprävention: Pädagogische Intervention: Ein Tag mit Schülern in der JVA Wenn Schüler eine Jugendvollzugsanstalt und ihre Insassen einmal von innen erleben, dann bringt es viele zum Nachdenken © kamasigns - Fotolia.com

„Schüler von seinem Mitschüler nach heftigem Streit mit dem Messer schwer verletzt.“ — „Jugendlicher Amokläufer erschießt drei Menschen.“ — „Lehrerin von eigenem Schüler erstochen.“ — Gewalt auf der Straße, im Elternhaus oder in der Schule ist ein Thema, über das man täglich in den Medien hört. Viele Menschen sind beunruhigt, besonders Eltern und Lehrer. Manche sind hilflos und schauen weg. Andere rufen nach härteren Strafen.

Doch bevor man zu drakonischen Maßnahmen greift, sollte man den Ursachen auf den Grund gehen. Die erste Frage lautet: Warum sinkt die Hemmschwelle bei einigen Jugendlichen zuzutreten, zu schlagen oder sogar Messer oder andere Waffen zu benutzen? Diese Frage ist schwer zu beantworten und hängt von vielen Faktoren ab.

Oftmals gehen diesen Attacken verbale Angriffe voraus. Beleidigungen und Beschimpfungen, Ausgrenzungen und Erniedrigungen zeigen dabei manchmal große Wirkung. In der Schule ist es oft schwer, solche Konflikte genau zu analysieren. Kinder und Jugendliche, die wenig Selbstvertrauen haben, bei denen sich aggressive Impulse aufgestaut haben, sehen kaum andere Möglichkeiten, als zuzuschlagen. Ihre Frustrationen entstehen häufig durch eigene Gewalterfahrungen, nicht verarbeitete Bilder aus Familienkonflikten oder Medien, Versagensängste oder Notendruck. Kulturelle Unterschiede und religiöse Rituale spielen ebenfalls eine Rolle.

Gewalt als positives Erfolgserlebnis

Wenn ein Jugendlicher affektive Erregungen in Gewalthandlungen umsetzt, ist es möglich, dass er früher sein Verhalten bei anderen als Erfolg wahrgenommen hat. Andere zu verletzen oder zu verängstigen erzeugt ein starkes Gefühl. Je nach Sozialisationseinfluss hat dieser junge Mensch keine alternativen Verhaltensweisen für Konfliktsituationen gelernt. Verbale Lösungsstrategien gibt es nicht bzw. wurden nie eingeübt. Diese individuelle Gewaltbereitschaft wird meist durch ein schwaches Selbstbewusstsein und — wenn vorhanden — durch eine starke Verbundenheit mit der eigenen „Gruppe“ angeregt.
Schule reagiert darauf mit einem gestaffelten Maßnahmenkatalog: Der Strafenkatalog für gewalttätige Vergehen in der Schule geht von mehreren Stunden Nachsitzen über einen zeitweiligen Unterrichtsausschluss bis hin zu einem Schulausschluss. Doch neben den Strafen sind Hilfen dringend notwendig. Zwischen Vorfall und Strafmaßnahme muss ein inhaltlicher und zeitlicher Zusammenhang bestehen. Gezielte Unterrichtsstunden, die sich mit dem Thema „Straftaten und Knastzeiten“ beschäftigen, können helfen, Gewalttaten vorzubeugen. Jugendlichen muss bewusst gemacht werden, dass sie für ihre Handlungen Verantwortung übernehmen müssen.

Schulen haben einen Erziehungsauftrag, aber sicher nicht die Aufgabe, mögliche Straftäter von ihren Straftaten abzuhalten. Sie können jedoch Unterrichtsstunden und -fächer dazu nutzen, präventiv zu arbeiten und  damit gefährdete Schüler in andere Richtungen zu lenken. Das beinhaltet auch, Schüler über die Folgen von Straftaten und das Justizsystem zu informieren.

Folgen kriminellen Handelns erfahren

Die Lehrerin einer Förderschule hatte durch ihr berufliches Umfeld von einem Sozialarbeiter gehört, dass es in einer JVA in NRW ein interessantes Programm geben sollte. Schulklassen und Jugendgruppen konnten durch eine Gruppe junger Gefangener einer JVA etwas über die schwerwiegenden Konsequenzen und die Perspektivlosigkeit von Kriminalität erfahren. Eine intensive Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Verhalten sollte ihnen nahegelegt werden.

Dieses Projekt veranlasste diese Lehrerin, sich mit ihrer schwierigen Klasse mit dem Thema auseinanderzusetzen. In der Klasse einer Förderschule waren 13 Schüler im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Fünf von ihnen neigten zu starken offenen oder verdeckten Aggressionen. Drei waren schon straffällig geworden durch Sachbeschädigung, Diebstahl und Schlägereien. Die Eltern wurden in das Projekt mit einbezogen und gaben ihre Zustimmung.

Vorbereitende und informative Unterrichtsstunden über Gewalt, die Auswirkungen und die Perspektiven nach einem Gefängnisaufenthalt gingen dem Besuch in der JVA voraus. Nach einem Gespräch mit dem Sozialarbeiter wurde ein Termin für eine kleinere Gruppe der Klasse vereinbart. Dieser Besuch sollte die Jugendlichen, die überwiegend aus sozial belasteten Familien kamen, damit konfrontieren, wo sie enden würden, wenn sie so weitermachten wie bisher.

Konfrontation mit der Realität: ein Tag im Knast

Als die Schüler mit Ihren beiden Lehrerinnen durch das Tor und in den Sicherheitsraum der JVA gingen, waren die Reaktionen unterschiedlich. Rafael, der Jugendliche mit den größten Problemen, gab sich cool, gelassen und meinte lächelnd: „Lächerlich dieser Bau hier.“ Die Gruppe wurde in einen Raum geführt, in dem alle im Kreis Platz nahmen. Nach kurzer Zeit kamen zwei Gefangene zusammen mit dem Sozialarbeiter und einem Wärter. Bei der Frage, „Wer ist denn Rafael?“, hob dieser noch stolz seine Hand. „Ich, wat is?“ Rafael bekam eine blaue Hose, ein blaues T-Shirt und einen blauen Pulli in die Hand gedrückt. „Du kannst jetzt mitkommen, dich umziehen und deine Schuhe ausziehen. Du darfst dir eine Zelle von innen anschauen.“ Rafael wurde stutzig, stand jedoch noch ziemlich wichtig von seinem Stuhl auf und ging mit dem Wärter heraus. Er hatte von dieser Aktion im Vorfeld nichts gewusst. Als er vor der Zelle stand, die zwei mal drei Meter groß war, wurde ihm doch mulmig zumute. Ausgestattet mit einem Bett, einem Stuhl und Tisch und einer Toilette war sie wenig einladend. Gitter vor dem Fenster und die dicke Stahltüre wirkten unheimlich.

Rafael sollte ca. eine Stunde in der Zelle verbringen. Die anderen Schüler waren derweil im Gespräch mit den beiden Häftlingen. Sie saßen ein wegen Drogenhandels und Mord. Die Insassen erzählten ein wenig von ihrem Leben und ihren Straftaten. Wie es mit ihnen angefangen hatte und warum sie im Knast gelandet waren. Vor allem versuchten sie den Jugendlichen zu vermitteln, wie schrecklich und grausam es war, im Gefängnis zu sein. Sie wollten den Jugendlichen klar machen, warum sie ihre Chance im Leben nutzen sollten, nicht straffällig zu werden. Dennis rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Sonita spielte an ihrem T-Shirt herum. Das hatten sie sich anders vorgestellt. — Und im Fernsehehen hatte es auch anders ausgesehen.

Dann wurde Rafael aus seiner Zelle befreit und zur Gruppe zurückgebracht. Sofort prasselten die Fragen auf ihn ein. Wie es war, so allein in der Zelle. Wie die von innen aussah. Wie er sich denn in der Zeit gefühlt hatte. Rafael wirkte ein wenig ruhiger und zurückhaltender. „Es war schrecklich. Vor allem so alleine da drin. Du kannst nicht raus. Hier will ich nie wieder hin.“ Eine Aussage, die er hoffentlich ernst gemeint hatte. Im anschließenden Gespräch berichteten die Schüler von ihren Taten. Die Gefangenen wollten Parallelen suchen zwischen dem, was sie selbst in der Vergangenheit verbrochen hatten, und dem, was die Jugendlichen bis jetzt angestellt hatten. — Auf dem Weg wieder zurück zur Schule war die Gruppe recht nachdenklich und still.

Gemachte Erfahrungen aufbereiten und weitergeben

Der Besuch in der JVA hatte alle Schüler dieser Klasse sehr beeindruckt. In anschließenden Gesprächen wurden die Erfahrungen aufgearbeitet. Die Schüler stellten Bilder zu dem Gebäude der JVA und der Zelle her.  Rafael machte eine Zeichnung, wo die einzelnen Möbel standen und schrieb auf, wie er sich eingeschlossen in der Zelle gefühlt hatte. Jeder versuchte, seine Wünsche für die eigene Zukunft zu formulieren.

Auf Wunsch der Jugendlichen wurde im Theaterraum eine Zelle mit Stellwänden, einer Sportmatte als Bett und einem Stuhl und einem Tisch nachgebaut. An einem Tag der „offenen Zelle“ konnten Schüler aus anderen Klassen sich diese Zelle anschauen und hineingehen. Die Jugendlichen, die dieses Projekt erarbeitet hatten, standen im Plenum Rede und Antwort und erzählten den anderen Schülern von ihren Erfahrungen in der JVA. Sie gaben Inhalte, die sie von den Insassen gehört hatten, an die anderen weiter. Vor allem Rafael berichtete über seine eigenen Erfahrungen in der Zelle.

Das Thema wurde von anderen Klassen aufgegriffen und im Unterricht bearbeitet.

Projekt: Gefangene helfen Jugendlichen

Seit 2014 gibt es in Bremen, Hamburg und NRW ein Team mit dem Namen „GhJ — Gefangene helfen Jugendlichen“ (GHJ). Dem eingetragenen Verein geht es um Prävention vor Jugendkriminalität und auch um Resozialisierung. Schulbesuche und JVA-Besuche werden im Bereich Drogen und Jugendkriminalität als Präventionsunterricht durchgeführt. „Die Gefangenen bieten den Jugendlichen einen Einblick in ihr Leben, schildern ihre Situation und machen den Jugendlichen damit klar, welche Auswirkungen und Konsequenzen Kriminalität hat. Das GhJ-Team will nicht belehren – es will konfrontieren.

Denn die Medien vermitteln Klischees von Verbrechen und vom Knastalltag, die bei vielen Jugendlichen zur Verherrlichung und Verharmlosung von Kriminalität führen. Dagegen stehen die realen Gefängnisinsassen: Sie begegnen den Jugendlichen offen und ehrlich und erzählen ihnen von ihren Biografien, mit denen die Jugendlichen sich meist identifizieren können. Auf diese Weise begegnen sie den Jugendlichen auf Augenhöhe, sodass diese Vertrauen schöpfen und sich den Inhaftierten gegenüber öffnen und anvertrauen. Bei einem Besuch vor Ort werden die Haftbedingungen und das Leben in Haft durch mediale und persönliche Berichte veranschaulicht. Dabei erfahren die Schüler auch viel über die Lebensverläufe der Strafgefangenen bis zu ihrer Verurteilung. Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit zu Gruppengesprächen (Das sind leider nur Gruppengespräche, die Gefangenen werden dabei überwacht.)) über die Probleme der Jugendlichen.
Falls ein Besuch einer JVA nicht möglich ist, kommen Mitarbeiter dieses Vereins allerdings auch in die Schulen, um dort vor Ort den Schülern und Lehrkräften über das Leben in Haft und das Abrutschen in das kriminelle Milieu zu berichten.

Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, die ihnen Sicherheit und Schutz bieten, ermutigen und Vertrauen vermitteln. Die ihnen helfen, Handlungsspielräume zu erkennen und selbstständig zu nutzen.

Angela Hentschel

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