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Religiöse Vorurteile

Statt Hass Verständnis und Toleranz predigen

Religiös motivierte Vorurteile und Konflikte sind in deutschen Schulen alltäglich. Ein interreligiöses Team aus Lehrern und Experten könnte Impulse für eine nachhaltige Erziehung zu Toleranz und gegenseitigem Respekt geben.

Religiöse Vorurteile: Statt Hass Verständnis und Toleranz predigen Konflikte müssen nicht sein, wenn Schüler sich um gegenseitiges Verständnis bemühen © JackF - Fotolia.com

Wie steht es um Glaubensfreiheit und friedliche Koexistenz von Angehörigen verschiedener Religionen an deutschen Schulen? — Medienberichte zeichnen ein düsteres Bild: „Das Wort ‚Jude‘ wird mittlerweile auf vielen deutschen Schulhöfen als Schimpfwort verwendet“, berichtete die Frankfurter Allgemeine im März 2015, selbst jüdische Lehrer verheimlichten ihre Religion, schreibt Jens Rosbach auf der Website des Deutschlandfunks. Religiöse Konflikte gebe es auch zwischen Christen und Muslimen, zwischen sunnitischen Muslimen und Aleviten, und eine Jugendliche „mit Vater aus dem Mittleren Osten muss sich anhören: ‚Dein Vater ist ein Terrorist‘“, so heißt es in einem Artikel FOCUS ONLINE am 30.04.2016.

Offensichtlich sind Glaubensfreiheit und friedliche Koexistenz von Schülern und Lehrern unterschiedlicher Religionszugehörigkeit in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. Doch wie können Sie als Lehrkraft religiösen Vorurteilen und Konflikten gegensteuern? Der folgende Beitrag gibt dazu einige Anregungen.

Religiös aufgeladene Vorurteile und Konflikte bei Schülern und Lehrern

Im Auftrag des Berliner Senats befragte das „Mobile Beratungsteam Berlin“ (MBT) von 2011 bis 2012 mehrere Schulleiter verschiedener Schularten über vorurteilsmotivierte Konflikte an ihren Schulen. Bei der Schulauswahl wurde der Schwerpunkt „auf konfliktträchtige Stadtteile gelegt, die durch soziale Probleme und Veränderungsprozesse gekennzeichnet sind“, heißt es in der Einleitung der Auswertung dieser Schulleiterbefragung (S. 4).

Überraschend: „Religiös aufgeladene oder als solche wahrgenommene Konflikte“ traten nach Auskunft der Befragten häufiger an den Berliner Grundschulen als an den weiterführenden Schulen auf. (S. 9) Zudem erwies sich eine eindeutige Unterscheidung von religiös motivierten und „den als ethnisch wahrgenommenen“ Konflikten als schwierig. (ebd.)

Die Autoren der Auswertung beobachteten „offenbar bei allen schulischen Akteuren eine relativ große Unsicherheit im Umgang mit dem Thema ‚Religion‘ sowie hinsichtlich der analytischen Unterscheidung zwischen politischen Ideologien und Ideologemen einerseits und religiös-weltanschaulichen Herkünften, Identitäten sowie Praktiken andererseits“. Es scheine sogar „vielfach (...) an substanziellen Kenntnissen sowohl über Religionen im Allgemeinen als auch hinsichtlich der ‚eigenen‘ Religion zu mangeln“. (S. 10)

Auch Pauschalierungen seitens der Lehrkräfte und Schulleiter waren feststellbar: So seien Schüler schon dann als Muslime kategorisiert worden, wenn sie bzw. ihre Familie „einer islamisch geprägten Herkunftsregion entstammen“. Diese „Zuschreibung zum Islam“ sei „häufig mit konfliktträchtigen Bildern assoziiert“ worden. Christen bzw. Menschen aus „‚christlich-abendländisch‘ geprägten Milieus ohne Migrationshintergrund“ würden hingegen „i. d. R. nicht in vergleichbarer Weise nach konfessionalistisch geprägten Mustern wahrgenommen werden“ (ebd.).

Lehrer und Schüler lernen gemeinsam

Die wenigsten Lehrer sind Theologen und das erforderliche Hintergrundwissen über Islam, Islamismus, Judentum, Christentum, Verschwörungstheorien, Nahost-Konflikt etc. ist äußerst komplex. Kein Wunder also, dass sich auch die Probanden der MBT-Befragung Unterstützung wünschen. Daraus leitet das MBT-Team eine „Einschätzung des Bedarfs“ ab (vgl. dazu in der oben verlinkten Auswertung S. 32 ff.), die sehr gut als „Agenda“ für ein interreligiöses Team aus Pädagogen und externen Experten dienen könnte, wenn es darum geht, ein Projekt zum Thema „interreligiöses Wissen statt religiösem Hass“ zu starten: Erforderlich ist aus MBT-Sicht zum Beispiel …

  • die „Vermittlung grundlegender und seriöser Informationen über die (jeweils vor Ort relevanten) Religionen“, wobei z. B. Gemeinsamkeiten und Besonderheiten der „abrahamisch-monotheistischen Glaubensrichtungen“ im Fokus stehen könnten.
  • Themen wie „Religion und Gruppenkonflikte“ oder „Religiöse Normen und Erziehungsziele“ sollten im Unterricht nicht etwa abstrakt behandelt werden, sondern immer in Bezug zum schulischen Alltag stehen.
  • Um „möglichst viele persönliche Bezüge zu ermöglichen“, sollte die „Vielfalt der Glaubensströmungen, -praktiken und -intensitäten“ thematisiert werden. Hier könnten dann „strenge“, „liberale“, „traditionsorientierte“, „extremistisch orientierte“ etc. Strömungen und Milieus miteinander verglichen werden.

Auch für Pädagogen ist es wichtig, den persönlichen Glauben und eigene Einstellungen sowie mögliche Vorurteile zu reflektieren. Sicherlich gewinnt die Intervention gegen religiösen Hass an Glaubwürdigkeit, wenn die Schüler erleben, dass die Lehrer mit ihnen gemeinsam lernen und ihre eigenen Vorstellungen und Haltungen auf den Prüfstand stellen.

Unterstützende Maßnahmen für Lehrkräfte

Auch hier finden sich in der Auswertung praxisbezogene Vorschläge für mögliche Handlungsansätze: „Fallbezogene Beratung bzw. auf konkrete Problemlagen/Vorfälle bezogene Workshops und Argumentationstrainings für Pädagog/innen (als Workshop-Reihe im Kontext prozessbegleitender Beratung)“ sind unbedingt sinnvoll und helfen dabei, im Kollegium eine gemeinsame Linie für Prävention und Intervention zu finden.

Neben fachlicher Fortbildung wird auch ein prozessbegleitendes Coaching vorgeschlagen, ergänzt durch eine fallbezogene, kollegiale Beratung: Eine professionelle Supervision könnte das Pädagogenteam sowohl bei der Lösung komplexer Fälle unterstützen, als auch in emotional beanspruchenden Situationen, wie zum Beispiel Gewalt gegen Kollegen.

Interreligiöse Bildung statt Chauvinismus und Konfessionalismus

Toleranz gegenüber religiöser Vielfalt und anderen Religionen ist — wie demokratisches Denken und Handeln — meist das Ergebnis eines langen Lernprozesses. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit verschiedenen Religionen im Idealfall ein fester Bestandteil des Unterrichts und des Schullebens. Dabei sollten möglichst verschiedene Informationsangebote aus seriöser Quelle genutzt werden: beispielsweise die Wanderausstellung „Was glaubst du denn?! Muslime in Deutschland“, die die Bundeszentrale für politische Bildung auf ihrer Website vorstellt. Auch die interaktive Website „Religionen entdecken“, die sich dem vielschichtigen Thema auf unterschiedlichen Wegen nähert (vgl. dazu den unten verlinkten Ratgeber-Beitrag), eignet sich für interreligiöse Unterrichtsprojekte.

Islamunterricht in der Schule schützt vor Radikalisierung

Grundsätzlich wäre auch — wie jüngst vom Ratsvorsitzenden der EKD gefordert — ein flächendeckender Islamunterricht an Schulen wünschenswert: Heinrich Bedford-Strohm sieht darin „die beste Möglichkeit, junge Muslime immun zu machen gegen die Versuchungen von Fundamentalisten“. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung unterstützt diese Forderung entschieden: „Grundrechtsverträglicher Religionsunterricht“ sei „ein Grundrecht der Schüler“. Der Journalist plädiert für ein Wahlpflichtfach: „Die Schüler könnten dann in ganz Deutschland zwischen katholischem, evangelischem oder islamischem Unterricht wählen — oder aber die weltanschaulich neutrale Ethik-Stunde belegen“, schreibt Heribert Prantl in einem lesenswerten Kommentar in der Süddeutschen Zeitung.

Martina Niekrawietz

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