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Gesprächsführung

Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs

Wie sollten Sie sich als Lehrkraft gegenüber Schülern verhalten, die sexuell missbraucht wurden? Worauf sollten Sie bei Gesprächen mit den Missbrauchsopfern achten und welche Risiken sollten Sie bei der Gesprächsführung bedenken?

Gesprächsführung: Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs Verantwortung liegt immer beim Täter: Den Betroffenen muss unbedingt vermittelt werden, dass sie keinerlei Mitschuld an dem Übergriff haben © kmiragaya - Fotolia.com

Meist werden Lehrer unvermittelt mit sexuellem Missbrauch konfrontiert. Dann kommt es darauf an, nicht überstürzt, aber doch zügig, besonnen und planvoll zu handeln. Im Umgang mit Tätern und Opfern „ad hoc“ das Richtige zu tun, ist dabei fast unmöglich. Deshalb ist es wichtig, für diese Situation gewappnet zu sein: Idealerweise haben sich Schulleitung und Lehrerkollegium bereits auf konkrete Handlungsrichtlinien verständigt und Kooperationen mit lokalen Einrichtungen, wie Jugendamt oder Kinderschutzbund, installiert, schreibt Kristin Smektala auf der Website des „Forschungsprojekts Kinderschutzportal“.

Mit solchen Richtlinien lässt sich überdies „einer Eskalation der Emotionen und Reaktionen“ vorbeugen und sowohl Jugendlichen als auch Eltern „die nötige Sicherheit im Umgang mit der Thematik vermitteln“, so die Münsteraner Beratungsstelle „Zartbitter“ in ihrem „Leitfaden für pädagogische Fachkräfte“ (a. a. O., S. 7). Besonders Gespräche mit von Missbrauch betroffenen Schülern erfordern nicht nur Sensibilität und spezifische kommunikative Kompetenzen, sondern auch professionelle Distanz und Gelassenheit.

Übereinstimmend raten Experten aus Wissenschaft und Beratung, dem Kind bzw. Jugendlichen grundsätzlich zu glauben: „Die Erfahrung zeigt, dass sich Mädchen und Jungen sexuelle Übergriffe nicht ausdenken. Sie sagen die Wahrheit.“ (Flyer des Bundesvereins für Prävention von sexuellem Missbrauch)

Haltung gegenüber betroffenen Schülern

Wenn Schüler von sich aus das Gespräch suchen, sollte man sie für diesen Schritt loben und ihre Gefühle ernst nehmen. (Wirtz-Weinrich, Schulte, Fröhlich, 2012, a. a. O. S. 21 f.) Für die betroffenen Kinder bzw. Jugendlichen ist es vor allem wichtig, dass die Lehrkraft gut zuhört und Hilfe zusichert, betont Kristin Smektala in ihren detaillierten Handlungsempfehlungen auf der Website schulische-praevention.de (schulische-praevention.de, Link s. o.). Schon bei ersten Verdachtsmomenten sollten Sie Ihren Schülern Gesprächsbereitschaft signalisieren, ohne sie jedoch zum Reden zu drängen.

Links zum Thema:

Wenn Sie von sexuellen Übergriffen unter Jugendlichen erfahren, dann entweder von den betroffenen Jugendlichen selbst, von Dritten oder durch Beobachtung. Wie Sie in diesen drei Fällen jeweils vorgehen sollten, erläutert der Leitfaden für pädagogische Fachkräfte der Beratungsstelle „Zartbitter“ Münster.

Wirtz-Weinrich, Wilma / Schulte, Conny / Fröhlich, Heike (2011): Sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Vorbeugen! Informieren! Schützen! Bonn. Zum Download hier zu finden.

Wie sollte man mit Kindern und Jugendlichen über sexuellen Missbrauch sprechen? Gesprächtipps dazu finden sich auf der Website des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung — differenziert nach Alter der Kinder und Jugendlichen und in wörtlicher Rede.

„Dein Körper gehört Dir“, „Du hast das Recht, Nein zu sagen“, „Schlechte Geheimnisse darfst Du weitererzählen“ — diese und weitere Rechte von Mädchen und Jungen erläutert in kindgerechter Sprache die interaktive Website trau-dich.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Unbedingt sollte den Betroffenen vermittelt werden, dass sie keinerlei Mitschuld an dem Übergriff haben: Die Verantwortung liegt immer beim Täter bzw. der Täterin. (Kristin Smektala, ebd.) Auch sollten Pädagogen betroffene Schüler in ihrem Selbstvertrauen stärken: „Es ist wichtig, die Schüler und Schülerinnen nicht auf ihre Rolle als Opfer zu reduzieren. (...) Betrachten Sie sie weiterhin als Gesamtpersonen mit all ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen.“ (Wirtz-Weinrich, Schulte, Fröhlich, 2011, a. a. O. S. 22)

Auf der anderen Seite sollten Sie „eine deutliche Grenze setzen“, wenn Schüler eigene Missbrauchserfahrungen durch sexualisierte Gewalt gegen Mitschüler ausagieren. Denn sowohl für betroffene als auch für übergriffige Schüler sind „Schutz, klare Regeln, Struktur und Grenzen hilfreich und entwicklungsförderlich.“ (ebd.)

Vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre schaffen

Den geeigneten Rahmen für das Gespräch bietet eine „ruhige, vertrauensvolle und ungestörte Gesprächsatmosphäre“ ohne Zeitdruck, so die Autorinnen der Informationsbroschüre der Bonner Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. (Wirtz-Weinrich, Schulte, Fröhlich, 2011, a. a. O. S. 22) Sie sollten offene und keinesfalls suggestive Fragen stellen. Wünsche und Vorstellungen des Schülers sollten möglichst berücksichtigt werden. Doch sollten Sie nichts versprechen, was Sie nicht halten können, zum Beispiel dass niemand von dem Gespräch erfährt: „Informieren Sie die Schülerin/den Schüler, dass Sie bei Kindeswohlgefährdung tätig werden müssen“ (ebd.). Weil es oft schwerfällt, die richtigen Worte in einem Erst-Gespräch zu finden, bietet die Informationsschrift der Bonner Beratungsstelle Beispiele für einen Gesprächsbeginn, für unterstützende Fragen und zusammenfassende Fragen und Angebote zum Schluss des Gesprächs, jeweils in wörtlicher Rede. (ebd.)

Risiken bei Gesprächen mit Missbrauchsopfern

Gerade bei ungeplanten Gesprächen bringen zu viele Fragen, Kommentare, „inadäquate Bewertungen“ oder die emotionale Betroffenheit der Vertrauensperson das Gespräch zum Scheitern: Die Betroffenen werden dann „nicht im Berichten unterstützt, sondern zum Schweigen gebracht“, so Prof. Dr. Renate Volbert vom Institut für forensische Psychiatrie an der Berliner Charité in ihrer Präsentation zum Vortrag „Erstangaben von Kindern über sexuellen Missbrauch“. Durch eine festgelegte Erwartungshaltung, eine nicht-ergebnisoffene Befragung oder durch die einseitige Auslegung von Informationen kann es bei geplanten Gesprächen bzw. Befragungen dazu kommen, dass nicht sexuell missbrauchten Kindern eine „Aussage/Pseudoerinnerung über Missbrauch induziert“ wird. (ebd.)

Wenn eine Straftat vermutet wird, ist eine sorgfältige Dokumentation unerlässlich, denn der Aussage des Kindes kommt in einem potenziellen Strafprozess meist ein zentraler Stellenwert zu und das Gericht müsste ggf. eine „Suggestionshypothese“ prüfen. Sinnvoll ist daher eine vollständige Dokumentation mit möglichst wörtlicher Protokollierung. Eigene Fragen sollte die Lehrkraft möglichst wahrheitsgemäß wiedergeben, ohne das Protokoll „zu schönen“.

Nicht selbst nach dem Täter forschen

„Keine Selbstrecherchen im Umfeld des Kindes vornehmen“ — das rät die Bezirksregierung Düsseldorf ausdrücklich in ihrem Leitfaden „Kinderschutz in der Schule“ (S. 9). Auch J.-W. Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, warnt in seinen „Informationen für Eltern und Fachkräfte“ (S. 13) davor, den Täter zu konfrontieren: „Dadurch kann das Kind zusätzlich gefährdet werden.“ Bei sexualisierter Gewalt in der Familie sollten die Eltern dann nicht informiert werden, wenn dem betroffenen Schüler dadurch Gefahr droht. Bei sexuellem Missbrauch durch Schüler innerhalb der Schule sollte in jedem Fall für räumliche Distanz zwischen Tätern und Opfern gesorgt werden.

Martina Niekrawietz

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