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Islamismus

Was Lehrer über Salafismus wissen sollten

Salafistische Propaganda fällt gerade bei Jugendlichen, die auf Sinnsuche sind, häufig auf fruchtbaren Boden. Noch dazu, wenn die Prediger angesagte Rapper sind oder mit attraktiven Internetangeboten locken. Um als Lehrer präventiv handeln zu können, ist Hintergrundwissen notwendig.

Islamismus: Was Lehrer über Salafismus wissen sollten Gläubige Muslime sind noch lange nicht Salafisten. Für Lehrer ist es wichtig, sich genau zu informieren, um präventiv handeln zu können © Leo Lintang - Fotolia.com

Journalisten des ARD-Magazins Report Mainz interviewten im Juli 2014 in einem Beitrag über die „ausgeklügelte Propaganda des Islamischen Staates“ Zuhörer von Salafistenprediger Pierre Vogel auf einer Propagandaveranstaltung in Hamburg. Was denken „junge, oft radikalisierte Muslime“, über die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS, vormals ISIS) „und über das neue Kalifat in Syrien und im Irak“? „Jeder muss dafür sein, dass nach dem Islam regiert wird“, sagt einer, „Das ist unsere ‚NATO‘“, meint ein anderer, diese „NATO“ werde aber nicht für Kriege benutzt, sondern „für positive Sachen“.

Auch Denis Cuspert alias „Deso Dogg“ kommt in der Sendung zu Wort. Früher war er ein bekannter Berliner Rapper, heute agiert er in Syrien als Propagandafigur des Islamischen Staats, berichtet Report Mainz.

Im Internet lockt er mit einem Video, das ihn beim Leichenschänden in Syrien zeigt, genauso wie einen anderen Salafisten: Farid S. aus Bonn. In der Hocke vor einem Berg von teils verstümmelten Leichen sagt er: „… und wie ihr sehen könnt, haben wir geschlachtet.“ (Möglicherweise handelt es sich um einen dschihadistischen Angriff auf das Ölfeld al-Schaar in der nordsyrischen Provinz Homs, bei dem 270 Menschen starben. Vgl. dazu den Bericht in „Die Welt“ vom 19.07.2014)

Als Einstieg in eine Unterrichtseinheit zur Salafismus-Prävention wäre der Beitrag von Report Mainz jedoch eher kontraproduktiv: Er versammelt die „Higlights“ der medialen Tricks, mit denen die salafistischen Menschenfänger junge Muslime und Nicht-Muslime für sich gewinnen. — Hochwirksam, wie das von Report Mainz gezeigte Video mit Farid S. beweist: Es hatte bereits nach 2 Tagen im Netz 47.953 Klicks, 1.128 „Likes“ und nur 138 „Dislikes“.

Salafismus als „cooles“ Abenteuer

Caroline Fetscher vom Berliner Tagesspiegel nennt in ihrem lesenswerten Artikel im Berliner Tagesspiegel einige Gründe dafür. Darauf, dass die Aussicht auf Welteroberung „viel attraktiver und cooler (…) wirkt als Al Qaidas Strategie der Opferung als Selbstmordattentäter“, hatte bereits der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad in der „ZEIT“ hingewiesen. Zum Faszinosum „Tatortfilme jugendlicher Allah-Partisanen“ schreibt Fetscher: „War einer gestern ein Underdog ohne Schulabschluss, entscheidet er heute über Folter oder Hinrichtung. Eben noch ein virtueller Videospieler, ein zweidimensionaler Comicheld in der Fantasie, ist er jetzt dreidimensional, real, ein gefürchteter Dschihadist.“ Zudem böten die simplen Dichotomien von „rein“ und „unrein“, erlaubt („halal“) und verboten („haram“) „unreifen, unaufgeräumten Pubertierenden Struktur und Geltung“.

Und was bringt so viele junge Muslime dazu, in Syrien für ihren Glauben zu kämpfen? Dr. Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück nennt im Interview mit dem NDR Beweggründe dafür: Die neosalafistische Bewegung spreche die Jugendlichen über ihre Youtube-Kanäle an.

Die vielen Bilder von sterbenden oder verwundeten Menschen dort hätten „eine enorme mobilisierende Kraft“. Auch erlägen junge Menschen häufig der Rhetorik von ehemaligen Syrien-Kämpfern, deren Botschaft laute: „Es ist deine Pflicht als Muslim an diesem Kampf dort teilzunehmen. Du musst für das Unrecht, das man dort zu sehen glaubt, eintreten.“ Zwei weitere überzeugende Gründe für die jungen Muslime: Wer in Syrien sein Leben verliert, glaubt, ihm sei „das Paradies gewiss“, zudem wird er als Held gefeiert.

Gescheiterte Jugendliche besonders empfänglich

Die Kämpfer, die nach Syrien aufbrechen, sind fast ausschließlich junge Männer unter 25 aus dem neosalafistischen Spektrum. Laut Dr. Michael Kiefer (Link zum Interview mit dem NDR s. o.) sind manche auch eher unauffällig und „normal“. Sie hätten „einfach zu einem falschen Zeitpunkt den falschen Menschen getroffen“. Oft gäbe es Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und mangelnde Anerkennung. Auch kämen viele aus „eher prekären Verhältnissen“, mit ungünstig verlaufenen Bildungskarrieren und ohne Perspektiven auf einen sicheren Platz in der Gesellschaft. Es seien viele Konvertiten dabei, aber auch viele „wiedergeborene Muslime“, die aus eher säkularem Elternhaus stammen, und sich dann radikalisieren.

Salafismus hat viele Facetten

Einen kurzen Überblick über die sehr heterogene Szene in Deutschland vermittelte Claudia Dantschke auf der Fachtagung „Salafismus als Herausforderung für Demokratie und politische Bildung“: Da sind zum einen die puristischen Salafisten. Sie gelten als unpolitisch und stellen die demokratische Staatsordnung nicht infrage. Den drei anderen Gruppen im Salafismus hingegen gelte die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden: Die Mehrheit bildet die politisch-missionarische Strömung, die ebenfalls Gewalt ablehnt.
Doch es gibt auch noch eine politisch-missionarische Gruppe, die den bewaffneten „heiligen Krieg“ (Dschihad) legitimiert sowie die dschihadistischen Salafisten, die zur Gewalt aufrufen oder/und selbst gewaltbereit sind. Zu diesem militanten Spektrum gehören in Deutschland 850 Personen, so Dantschke. Und der Verfassungsschutz beobachte etwa 6000 Personen.

Informieren — hinsehen — vorbeugen

Die meisten Lehrer in Deutschland sind Nicht-Muslime. Für viele ist die komplexe islamische Welt ebenso Neuland, wie die vielfältigen islamistischen Spielarten. Möglicherweise ist auch das ein Grund dafür, dass nur wenige Schulleiter und Lehrer offen über islamistische Provokationen sprechen, wie Caroline Fetscher im Tagesspiegel (Link s. o.) berichtet: „Zu stark ist die Furcht, als „Rassist“ oder „islamophob“ denunziert zu werden, zu groß die Angst um den Ruf der Schule — und die Angst vor der Gewalt der jungen Akteure“, schreibt Fetscher.

Im Sinne einer effektiven Prävention jedoch ist es unerlässlich hinzusehen, sich zu informieren (Fortbildungen!), zu orientieren und dann — gemeinsam mit dem Kollegium — einen klaren Standpunkt zu beziehen. Caroline Fetscher schlägt eine eventuell anonyme „Umfrage unter Schulpersonal“ vor, um die Dimension des Problems besser einschätzen zu können. — Diese Maßnahme ließe sich auch an einzelnen Schulen mit geringem Aufwand umsetzen.

Martina Niekrawietz

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