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Gewalttätige Schüler

Was tun, wenn Lehrer Opfer von Gewalt werden?

Gewalt gegen Lehrer durch Schüler — verbal oder handgreiflich — ist ein schambesetztes Tabuthema, dem aktiv begegnet werden muss: durch geeignete Hilfen für die Opfer und angemessene Sanktionen für die Täter.

Gewalttätige Schüler: Was tun, wenn Lehrer Opfer von Gewalt werden? Mobbingopfer haben es schwer, wieder unbefangen im Schulalltag zu agieren. Sie benötigen Hilfe und Unterstützung © photophonie - Fotolia.com

Der Ton an deutschen Schulen wird rauer: Nichts belastet die Gesundheit der Lehrer mehr als aggressives Verhalten von Schülern und Eltern, wie die Lehrerbelastungsstudie der Psychiater Joachim Bauer und Thomas Unterbrink schon im Jahr 2008 zeigte: „Offene Feindseligkeit, schwere Beleidigungen und Aggressivität, denen Lehrkräfte im Klassenzimmer von Schülerseite ausgesetzt sind“, erwies sich dabei „als der bei weitem stärkste die Lehrergesundheit belastende“ Einzelfaktor, so hieß es in der Pressemitteilung zur Studie.

Bei einer Studie des Verbandes Bildung und Erziehung aus dem Jahr 2018 gaben sogar 48 Prozent der befragten Schulleitungen an, „dass es an ihrer Schule in den vergangenen Jahren Fälle von psychischer Gewalt gab — also Fälle, bei denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden“, berichtete „Deutschlandfunk Kultur“ am 2.05.2018. Häufig finden Lehrkräfte mit Gewalterfahrungen im schulischen Umfeld wenig Unterstützung und sind auf sich allein gestellt (vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „Gewalt gegen Lehrer: das Märchen vom Einzelfall“).

Wie ist Gewalt definiert und einzuordnen? Was passiert nach einer Gewalterfahrung? Und wie können sich Lehrkräfte angemessen schützen und wehren? Diese Fragen greift der folgende Beitrag auf.

Gewalt äußert sich auf vielfältige Weise

Die Herausgeber der Broschüre „Was tun bei Gewalt gegen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Schulen“ definieren Aggression bzw. Gewalt gegen eine Lehrkraft als „jede Attacke verbaler, physischer oder psychischer Art sowie die Beschädigung ihres Eigentums“ (S. 6). Doch wo genau liegen die Grenzen zwischen Gewalt und weniger schwerwiegenden Übergriffen? Das lässt sich nicht immer zweifelsfrei festlegen, da sich Gewalt auf vielfältige Weise äußert: offensichtlich und direkt oder auch latent und unauffällig. Entscheidend ist dabei nicht „der objektive Schweregrad der Bedrohung (...), sondern die subjektive, persönliche Wahrnehmung der Betroffenen, ob sie selbst einen Vorfall als Gewalterlebnis bewerten“, betonen die Autoren der Broschüre der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung (ebd.).

Informationen für Ihr Bundesland:

Die Broschüre „Das Tabu brechen — Gewalt gegen Lehrkräfte“ informiert Sie über eine weitere aktuelle Studie des Verbandes Bildung und Erziehung, bei der 1951 Lehrkräfte aus verschiedenen Bundesländern befragt wurden.

In einem ausführlichen Serviceteil finden Sie landesspezifisch aufbereitete Antworten zu den vier zentralen Fragen im Gewaltfall: Was ist zu tun nach einem Angriff?Gibt es Handreichungen? Wer sind meine Ansprechpartner? Gibt es Präventionsangebote?

Opfer von Gewalt erleben einen emotionalen Ausnahmezustand

Was passiert während und nach einem Gewalt-Erlebnis? Dieser Frage geht der Ratgeber für Opfer von Gewalttaten (S. 4 f.) nach: Die Situation selbst werde oft „ ‚wie in einem Film’ beschleunigt oder verlangsamt“ wahrgenommen. Manche Menschen beobachteten sich in diesen gefährlichen Momenten „von der Position eines Außenstehenden“ oder glaubten sogar, sie seien gar nicht selbst betroffen. Schmerzen empfänden sie manchmal erst im Nachhinein, die Erinnerung an das Erlebnis sei lückenhaft, doch manche Details blieben „überdeutlich im Gedächtnis“. — Eine klassische Schockreaktion, die erst nach einigen Stunden oder gar mehreren Tagen abklingt.

Die Zeit danach bezeichnen Traumapsychologen als „Einwirkungsphase“, die sich über mehrere Wochen hinziehen kann. Die Betroffenen versuchen, das Ereignis zu verarbeiten. Wut, Angst, Depressionen, Selbstzweifel, Schlafstörungen etc. treten noch häufig auf. Wichtig in dieser Phase ist es, „sich Zeit zu lassen und sich nicht zu drängen, mit allem schnell ‚fertig werden’ zu müssen“, raten die Autoren des Ratgebers. In der „Erholungsphase“ gelinge es dann meist langsam, ins normale Leben zurückzufinden. Manche Menschen leiden jedoch ihr Leben lang unter den Folgen des traumatischen Erlebnisses.

Maßnahmen nach einem Gewaltvorfall

Wird ein Lehrer Opfer einer Gewalttat, braucht er Unterstützung durch die Schulleitung, durch Kollegen und durch externe Institutionen. Aufgrund seines „angeschlagenen“ Zustands fällt es ihm womöglich schwer, die erforderlichen Schritte in die Wege zu leiten. Bei strukturiertem Vorgehen hilft auch die „Checkliste Gewalt gegen Beschäftigte an Schulen“ von der Hamburger Beratungsstelle Gewaltprävention („Was tun bei Gewalt gegen Mitarbeiter“, S. 21 f., Link s. o.). Sie eignet sich — mit kleinen Abweichungen — auch in anderen Bundesländern und Städten als Orientierungshilfe.

Hier ein kurzer Abriss der empfohlenen Vorgehensweise:

  1. Information der Schulleitung und Schutz des Opfers: Sobald der Schulleiter Kenntnis von dem Vorfall erhalten hat, steht gemäß seiner Fürsorgepflicht der Schutz des Opfers im Vordergrund. Das bedeutet: sofort handeln, die Gewaltsituation, wenn nötig, beenden, sich auf die Seite des Opfers stellen und den oder die Betroffene/n in jedem Fall schützen. Nach einer gefährlichen Körperverletzung sollte das Opfer nicht alleingelassen, sondern in einem ruhigen Raum betreut werden. Ein Arbeitsmediziner sollte konsultiert werden. (Gewalt gegen Lehrer, S. 18) Falls die Lehrkraft sich in der Schule oder in ihrem Umfeld bedroht fühlt, sollten Schutzmaßnahmen, Freistellung oder externe Beratung angeboten werden.
  2. Eine Dokumentation des Vorfalls ist bei Strafanzeigen und gerichtlichen Auseinandersetzungen von Vorteil. Neben einer Schilderung des Ablaufs kann sie auch protokollierte Gespräche mit Zeugen, Beteiligten und externen Stellen enthalten.
  3. Einschalten externer Institutionen: Falls im jeweiligen Bundesland Meldepflicht besteht, ist die Bildungsverwaltung über Gewaltvorfälle zu informieren, zum Beispiel in Hamburg mit dem Meldeformular der Beratungsstelle Gewaltprävention. Wenn eine Straftat vorliegt, sollte die Polizei eingeschaltet werden. Einen Überblick über anzeigepflichtige und weitere Straftatbestände bietet „Gewalt gegen Mitarbeiter“ (auf Seite 22).

Schüler sind mit 14 Jahren strafmündig und können in der Regel bereits ab sieben Jahren zivilrechtlich belangt werden (Schadensersatz). Anzeige kann nicht nur das Gewaltopfer, sondern auch die Schulleitung erstatten. Diese „nimmt mit einer Strafanzeige ihre/seine Fürsorgepflicht wahr und macht deutlich, dass es sich um ein Fehlverhalten handelt, das in der Schule nicht geduldet ist“, (ebd., S. 12).

Ein Gewaltvorfall, bei dem ein Lehrer physisch oder psychisch zu Schaden kommt, kann direkte oder spätere Gesundheitsfolgen haben. Daher sollte die Schulleitung das Ereignis der zuständigen Kasse als Dienst- (bei Beamten) bzw. Arbeitsunfall (bei Angestellten) melden.

Sanktionen, die Täter zu erwarten haben

Die Hamburger Checkliste führt als Sofortmaßnahme eine „sofortige vorläufige Suspendierung der Schülerin/des Schülers durch die Schulleitung“ an und beruft sich dabei auf Paragraf 49 Abs. 7 des Hamburgischen Schulgesetzes. Ob diese Ordnungsmaßnahme verhältnismäßig ist, hängt sicherlich von der Beurteilung des jeweiligen Falls ab. Erläuterungen zur Suspendierung mit Praxisbeispielen zur Verhältnismäßigkeit bietet die Website Schulrecht Hamburg.

In schweren Fällen hält auch ein sofortiger Schulausschluss ohne vorherige Androhung vor Gericht Stand, insbesondere dann, „wenn das sonstige schulische oder außerschulische Verhalten des Schülers eine Neigung zu Gewalttätigkeiten erkennen läßt [sic!], die auch künftig die Gefahr weiterer Tätlichkeiten gegen Schüler oder Lehrer begründet“ (VGH-Baden-Wuerttemberg — Aktenzeichen: 9 S 2277/03). In dem der Entscheidung zugrundeliegenden Fall hatte ein 12-jähriger Realschüler seiner Lehrerin vor der Klasse einen gezielten Faustschlag gegen den Oberarm versetzt.

Verbleibt der Täter an der Schule, entscheidet die Klassenkonferenz über weitere pädagogische und Ordnungsmaßnahmen. Die Hamburger Checkliste empfiehlt hier Normenverdeutlichung, Täter-Opfer-Ausgleich und eine öffentliche Wiedergutmachung. Auch sollte offen und offensiv „mit den Regeln der Schule und den Konsequenzen für Täter bzw. Täterin“ umgegangen werden.

Natürlich differieren mögliche Maßnahmen gegen die Täter je nach Einzelfall. Die Broschüre „Gewalt gegen Lehrkräfte“ der Bezirksregierung Münster informiert Sie über Interventionsmöglichkeiten und unterstützt Sie bei der rechtlichen Einordnung bestimmter Sachverhalte. (ab S. 22).

Martina Niekrawietz

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