Fach/Thema/Bereich wählen
Sozialverhalten

Wie Aggressionen zwischen Schülern entstehen

Hinter freundschaftlicher Beziehung oder Empathie verbergen sich bei einigen Schülern versteckte Aggressionen. Diese zu enttarnen und darüber in der Klasse offen zu kommunizieren, sind wirkungsvolle Maßnahmen der Intervention. Schüler lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Sozialverhalten: Wie Aggressionen zwischen Schülern entstehen Sind die Ursachen für Aggressionen erkannt, bieten sich vielfältige Möglichkeiten der Intervention © Luis Louro - Fotolia.com

Aggression lässt sich zum einen als Lebenskraft bezeichnen, die das Überleben eines Menschen garantiert und ihm hilft, sich gegen Angriffe zu wehren und zu schützen. Aggression lässt sich aber auch als unerwünschtes und antisoziales Verhalten ansehen.

Während eine ängstliche Antwort auf Bedrohung in der lebensrettenden Flucht liegt, zielt aggressives Handeln aktiv auf Konfrontation und Einschüchterung des anderen hin. In tätlichen Auseinandersetzungen bei Kindern und Jugendlichen wird oft das Argument verwendet, der andere „habe angefangen“, man selbst habe nur „reagiert“ (vgl. Cierpka 2005).

Das Argument des Reagierens zielt darauf ab, keine Schuldhaftigkeit im eigenen Verhalten zu sehen. Mit anderen Worten: die persönliche Verantwortung für das eigene Verhalten („Hätte ich auf deine Beschimpfungen auch anders als mit Wut und Schlägen reagieren können?“) wird negiert.

Leugnung der persönlichen Verantwortung

Die Leugnung der persönlichen Verantwortung für das eigene Handeln führt sehr schnell zu einem Teufelskreis gegenseitiger Schädigungen. Das Handeln wird nicht reflektiert („Will ich dich schädigen? Wie will ich dich treffen? Welchen Preis will ich selbst für diese Auseinandersetzung zahlen?“). Spontane emotionsgeladene Reaktionen gewinnen die Oberhand und steuern die Aufrechterhaltung wechselseitiger Aggressionen. Aus Spiel wird Ernst. Das Spiel selbst, auch wenn im Verhalten aggressives Verhalten angedeutet wird, folgt strengen Regeln: „Ich zeige dir, wozu ich fähig bin und du akzeptierst mein Verhalten. Ich zeige dir die Stärke, zu der ich fähig bin; wenn diese Kraft für uns beide spürbar wird, hören wir auf.“ Die mögliche Schädigung wird angedeutet im Spielraum des „Als-ob“. Die kommunikative Funktion des Spiels ist die wechselseitige Verständigung darüber, was möglich wäre, wenn die Handlungen in schädigender Absicht ausgeführt würden.

Zu aggressiven Handlungen zählen auch alle verdeckten Handlungen, die den anderen einengen, einschüchtern und bedrängen, auch wenn sie im Gewand freundlicher Fürsorge oder vermeintlich liebevoller Zuwendung daherkommen. So kann das Anbieten von Schokolade durchaus als Aggression angesehen werden, wenn die Adressatin eine Schülerin ist, die mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hat und in ihrem Selbstwert erschüttert ist.

Empathieverzicht

Die Aggression besteht auch darin, dass bewusst auf die Empathie gegenüber einem Mitschüler verzichtet wird. „Ach, dass hatte ich ja ganz vergessen“, lautet die schnelle Entschuldigung, die das Gegenüber erstarren lässt. Die vermeintliche Entschuldigung zielt darauf ab, die Fähigkeit des Gegenübers zu einer Abwehr schädigender Aggression zu lähmen, indem Unschuld vorgetäuscht wird. Es bedarf eines scharfen Blickes, um hinter der Unschuld des Versehens eine weitere nachgeschobene Aggression wahrzunehmen. Die Aggression liegt in der gezielten Verwirrung des Kontextes, in ihrer Uneindeutigkeit. Sie zielt letztendlich darauf ab, die Selbstwahrnehmung des geschädigten Menschen zu trüben und ihn verstummen zu lassen.

Ein geschädigter Mensch könnte wütend werden, sich zu Wehr setzen, und sei es auch mit allen Mitteln sozial kompetenten Verhaltens, mit Argumenten, Rückmeldungen, Ich-Botschaften und im Kontakt bleiben (vgl. Schulz von Thun 2010). Die Uneindeutigkeit in der Aggression entzieht jeglicher Beziehung den Boden. Die Kommunikation erstirbt. Die Aggression besteht hierbei auch in dem Verweigern unmittelbarer Kommunikation (vgl. Hirigoyen 2006, S. 81).

Literatur zum Thema:

Bach, George R. / Goldberg, Herb: Keine Angst vor Aggressionen. Die Kunst der Selbstbehauptung. Frankfurt am Main 2010

Bauer, Joachim: Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus miteinander kooperieren. München 2008

Cierpka, Manfred: Möglichkeiten der Gewaltprävention. Göttingen 2005

Hirigoyen, Marie-France: Die Masken der Niedertracht. Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann. München 2006

Landscheidt, Karl: Wenn Schüler streiten und provozieren. Richtig intervenieren bei antisozialem Verhalten. München 2007

Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Hamburg 2010

Tomasello, Michael: Warum wir kooperieren. edition unseld 36. Berlin 2010

Beziehungen vortäuschen

Eine weitere Variante versteckter Aggressionen liegt in der Vortäuschung einer echten Beziehung, Kameradschaft oder Freundschaft. Lassen sich Menschen über die wahren Absichten eines anderen täuschen, entsteht ein Vertrauensbruch, der sich auch auf andere Beziehungen auswirken kann. Zudem kann die Erkenntnis, getäuscht worden zu sein, mit einem tiefen Gefühl der Beschämung einhergehen und seelische Verletzungen vertiefen.

Das permanente Säen leichter Zweifel zielt darauf ab, den Selbstwert eines Menschen zu kränken (vgl. Bach / Goldberg 2010, S. 72). „Ich sage dir das nur zum Besten“, lautet eine elterliche Mahnung. „Du weißt doch, wir sind Freundinnen und das darf ich dir doch so sagen“, kann authentisch gemeint sein. Die wohlmeinende Kritik der Freundin kann die Augen öffnen für die Grenzen eigener Fähigkeiten, mitgeteilt in einem geschützten Raum. Vor Dritten ausgesprochen, können Worte Ausdruck seelischer Gewalt sein (vgl. Hirigoyen 2006).

Den Selbstwert des Gegenübers mindern

Aggressive Handlungen zielen darauf ab, das Selbstbewusstsein, den Selbstwert und die Selbstachtung eines Menschen zu kränken und zu mindern. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass auch aggressiv handelnde Menschen über einen nur gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl verfügen und ihr aggressives Handeln zur Stabilisierung des eigenen Selbstwertes dient.

Eine allgemeine Förderung des Selbstwertes führt allerdings nicht zielführend zu einer Abnahme aggressiven Verhaltens und zu vermehrtem sozial kompetenten Verhalten. Zielführend sind spezifische Trainings sozialer Kompetenz, deren Fokus auf der Sensibilisierung für Konflikte, der Erprobung von Toleranz und Empathie, der Wahrnehmung und dem Ausdrücken von Gefühlen, der Selbstkontrolle und der Vermittlung von Problemlösetechniken liegt (vgl. Landscheidt 2007, S. 45 ff., 218 ff.).

Kommunikationsformen offen ansprechen

Das Reden über Kommunikation in der Klasse kann dazu beitragen, versteckte Formen von Aggressionen als solche wahrzunehmen und offen zu benennen. Anstelle von Rechtfertigungen tritt eine bewusste Selbstreflexion („Ich habe so gehandelt, weil ich dich treffen wollte. Ich wollte dich treffen, weil ...“) mit der Möglichkeit, sich miteinander über die Motive des eigenen Handelns auszutauschen. Die Heftigkeit von Auseinandersetzungen weist oft auf subjektive erlebte zentrale Themen hin, wie zum Beispiel Kränkung des Selbstwertes, befürchtete oder tatsächliche Einschränkung der persönlichen Autonomie, Positions- und Statusverlust in der Gruppe, emotionale Verletzungen, Abwertung zentraler Bezugspersonen.

In einer bewussten Selbstreflexion können Schüler die altersentsprechende Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Dabei ist von der Grundannahme auszugehen, dass junge Menschen gestärkt werden, wenn sie auf ihre altersentsprechende Eigenverantwortung für das eigene Leben und Handeln angesprochen werden und so wesentliche Entwicklungsschritte in Richtung persönlicher Autonomie angeregt werden.

Ein offenes Ansprechen der Auswirkungen von aggressivem Handeln („Kannst du dir vorstellen, was du in mir ausgelöst hast?“) hilft, über kurzfristige und langfristige Folgen aggressiven Handelns im konkreten Beziehungsgefüge der Klasse aufzuklären und kann wertvolle Anregungen geben, um miteinander zu kooperieren und ein Bewusstsein für gemeinsame Beziehungsverantwortung und Kooperation zu entwickeln (vgl. Bauer 2008; Tomasello 2010).

Fazit: Ein erfolgreiches Gespräch kann dazu führen, dass Schüler gemeinsam Regeln dafür festlegen, welche Beziehungsqualität sie miteinander vereinbaren und verwirklichen möchten.

Andreas Schulz

Dazu passendes Unterrichtsmaterial

Mehr zu Ratgeber Gewalt und Mobbing
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×