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Praxistipps

Autismus — (k)ein Problem im Unterricht

Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung sorgen im gemeinsamen Unterricht häufig für Irritationen. Nur wenn Lehrer und Mitschüler sich frühzeitig auf diese Kinder und Jugendlichen einstellen, gelingt der gemeinsame Unterricht.

Praxistipps: Autismus — (k)ein Problem im Unterricht Autistische Schüler grenzen sich oft von ihren Mitschülern ab, weil sie deren Verhalten irritiert © Alex Tor - Fotolia.com

„Ich glaube, als ich auf die Grundschule kam, hab‘ ich das erste Mal bemerkt, dass ich anders bin als alle anderen“ — mit diesem Satz beginnt der kurze Animationsfilm „Ein Fremder auf dem Schulhof“. Ein Junge mit Asperger-Autismus erzählt, warum die Schulzeit für ihn eine einzige Qual war: Er konnte nicht mit den anderen Kindern spielen, weil er weder ihre Mimik noch ihre Gestik verstand. Seine Mitschüler mobbten ihn und es wurde immer schlimmer. Auch in der weiterführenden Schule blieb er für die anderen „der Sonderling, der total schräg drauf“ ist. Seine Zwänge und seine verzweifelten Versuche, im Umgang mit den anderen alles richtig zu machen, misslangen und drängten ihn nur noch weiter ins Abseits.

Im Unterricht konnte er „das Kratzen von jedem Füllfederhalter oder Bleistift gleichzeitig hören“, nahm die Autos, Flugzeuge und Züge wahr und hörte die Menschen, die draußen vorbeigehen: „Ich fragte mich, wo kommen sie her, worüber sprechen sie? Und all das strömte pausenlos auf mich ein.“ Der Junge konnte nicht mehr richtig schlafen, hatte Albträume und irgendwann hatte er „nur noch Angst vor der Schule“.

Nicht nur für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) wird der Schulbesuch oftmals zum Spießrutenlauf, auch für Lehrer und Mitschüler kann der gemeinsame Unterricht belastend sein, wie der folgende Beitrag zeigt. Autismus-Experten raten deshalb, frühzeitig die Weichen für einen möglichst reibungslosen Start in den gemeinsamen Unterricht zu stellen.

Einfach umsetzbare Sofort-Maßnahmen

Vielleicht erfahren Sie von einem Tag auf den anderen, dass ein Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung in Ihre Klasse kommt, vielleicht wird auch bei einem Ihrer Schüler während des laufenden Schuljahres das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Für solche Fälle hat die Landesschulbehörde Niedersachsen einen Katalog mit Sofortmaßnahmen zusammengestellt, die sich innerhalb von wenigen Tagen realisieren lassen. So sollte zum Beispiel bei der Gestaltung des Klassenraums auf übersichtliche Strukturierung mit gekennzeichneten Funktionsbereichen geachtet werden, Arbeitsmaterialien sollten einen festen Platz haben, der Arbeitsplatz „reizarm und übersichtlich“ gestaltet sein und sich in der Nähe des Lehrertisches oder der Tafel befinden. Banknachbarn oder Arbeitspartner sollten „ggf. auftretendes ‚eigenartiges‘ Verhalten“ tolerieren.

Weiterführende Hinweise:

Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus (autismus Deutschland e.V) informiert ins seinen Leitlinien zur inklusiven Beschulung von Schülern mit Autismus-Spektrum-Störungen (Stand Februar 2013) über die erforderlichen personellen, räumlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen bei der inklusiven Beschulung von Schülern mit Autismus-Spektrum-Störung.

Die „Empfehlungen zu Erziehung und Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten“ der Kultusministerkonferenz finden Sie hier.

Ganz wichtig: „Pausen werden von Schülern mit Autismus-Spektrum-Störungen als unstrukturierte und unvorhersehbare Situationen wahrgenommen“. Deshalb bergen sie „hohes Konfliktpotential“. Hier könnten sozial-kompetente Klassenkameraden auf den Schüler mit Asperger-Syndrom „achten und ggf. bei Konflikten vermitteln“, die Pausenaufsicht sollte informiert sein und es sollte Rückzugsmöglichkeiten geben (ebd.). Der schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen schlägt in der Broschüre „Tipps zum Umgang mit Kindern mit Asperger-Syndrom in der Schule“ vor, solche sicheren Orte („Save Places“) im Klassenzimmer einzurichten (z. B. ein Indianerzelt in der Grundschule) und in der freien Zeit einen Bibliotheksbesuch zu erlauben, denn „viele autistische Menschen lieben Bücher und die ruhige Beschäftigung damit“ (S. 3).

Empfehlungen für den Unterricht

Schüler mit einer Autismus-Spektrum-Störung reagieren oft stark auf unbekannte Situationen. Sie brauchen feste Abläufe, Rituale und Routinen, um sich sicher zu fühlen, während „Abweichungen vom Protokoll“ sie oft überfordern. (Vgl. dazu in: „Sonderpädagogische Förderung in den Berliner Schulen, Teil 6, Autismus“, S. 25)

Wesentlich für einen gelingenden gemeinsamen Unterricht sind deshalb gleichbleibende Abläufe. Der schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen konkretisiert das in der oben verlinkten Handreichung „Tipps zum Umgang mit Kindern mit Asperger-Syndrom in der Schule“ (S. 2): So sollte man zum Beispiel möglichst die Abfolge der einzelnen Fächer „vorhersehbar halten“, Stundenpläne möglichst einhalten, Raumwechsel und Umsetzungen der Schüler frühzeitig ankündigen, den Ablauf von Ausflügen o. Ä. im Voraus erläutern und ein konsequentes Verhalten mit klaren Regeln zeigen und fördern.

In der Kommunikation mit den Schülern sollte man sprachliche Missverständnisse vermeiden: Hilfreich sind dabei kurze, eindeutige Sätze und der Verzicht auf „Ironie, Redewendungen, mehrdeutige Äusserungen [im deutsch-schweizerischen Sprachraum steht „ss“ statt „ß“!]“ und „auf eine blumige Sprache“, denn ASS-Schüler verstehen das alles „wortwörtlich“. Auch unklare Fragestellungen („Wie geht’s?“) sind zu vermeiden, Signal-Wörter wie „Stopp!“ oder „Warte!“ hingegen geben den Schülern klare Orientierung. (ebd., S. 4)

Irritierend für Lehrer und Mitschüler sind sogenannte „Echolalien“, also wortwörtliche Wiederholungen dessen, was der Gesprächspartner gesagt hat. Sie dienen Asperger-Autisten jedoch als „Mittel zur Kontaktaufnahme und Verarbeitung“. (ebd.)

Autistisches Verhalten im Schulalltag verstehen

Vordergründig wirken viele Verhaltensweisen von Asperger-Autisten rätselhaft oder vielleicht sogar manchmal provokant, wie zum Beispiel die genannten „Echolalien“. Wichtig ist es deshalb, dass alle Beteiligten lernen, was sich hinter den Besonderheiten im Verhalten von Schülern mit Asperger-Syndrom verbirgt. Als Verständnis-Übungen können Schilderungen von typischen Situationen fungieren (vgl. dazu die oben genannte Broschüre „Sonderpädagogische Förderung in den Berliner Schulen“ auf S. 22 ff.):

  • Warum weicht ein Schüler mit Asperger-Syndrom (AS) einer leichten, gutgemeinten Berührung brüsk aus? — Weil er das aufgrund einer „Überempfindlichkeit in der Oberflächensensibilität“ als unangenehm oder gar schmerzhaft empfindet.
  • Warum erschrickt eine Grundschülerin mit AS, wenn der Refrain eines Liedes durch Klatschen begleitet wird und flieht in die hinterste Ecke des Klassenzimmers? — Weil sie akustische Reize „überdeutlich“ wahrnimmt und das bei ihr „unangenehme bis schmerzhafte Empfindungen“ auslöst.
  • Weshalb klammert sich ein Junge mit AS ängstlich ans Geländer, wenn er die Treppe ‘runtergeht? — Weil er „womöglich nur zweidimensional“ sieht.

Je nach Ausprägung, Schweregrad und Begleiterkrankungen haben Schüler mit Asperger-Syndrom im gemeinsamen Unterricht sehr unterschiedliche Probleme. Der schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen rät in seiner Handreichung „Tipps zum Umgang mit Kindern mit Asperger-Syndrom in der Schule“ (Link s. o.) dazu, nicht nur allgemein über das Asperger-Syndrom aufzuklären, sondern die Mitschüler auch über „die Besonderheiten des neuen Kindes im oder ohne Beisein des betroffenen Kindes“ aufzuklären. Dabei ist es wichtig, „die vorhandenen Beziehungsqualitäten und Stärken wie z. B.: Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit, Loyalität, Exklusivität der Zuneigung, Verlässlichkeit wahrzunehmen und wertzuschätzen“ (ebd., S. 8).

Manche Asperger-Autisten leben schon lange mit ihren Besonderheiten und sprechen unbefangen darüber. Zum Beispiel der YouTuber Alexander: Er hat einen Brief an seine Klasse geschrieben, in dem er seine manchmal für die anderen etwas befremdlichen Verhaltensweisen erklärt. In diesem Video liest er den Text vor.

Martina Niekrawietz

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