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Inklusion

Eine „harte Schule“ für Körperbehinderte

Kinder und Jugendliche mit körperlichem Handicap absolvieren die weiterführende Schule oft unter erschwerten Bedingungen. Dabei machen ihnen nicht nur architektonische Barrieren zu schaffen, sondern auch Ausgrenzung und Diskriminierung.

Inklusion: Eine „harte Schule“ für Körperbehinderte Die Barrieren im Kopf sind ebenso hinderlich für ein wirkliches Miteinander wie die baulichen Hindernisse © stokkete - Fotolia.com

Der zehnjährige Fabian ist Rollstuhlfahrer. Er besucht die vierte Klasse einer Grundschule direkt an seinem Wohnort, wo er den kurzen Weg zur Schule ohne fremde Hilfe bewältigen kann. Doch nach den Sommerferien wird alles anders: Fabian wird auf die weiterführende Schule wechseln. Am liebsten hätte er zusammen mit seinen Freunden die Schule im Nachbarort besucht, aber das ist unmöglich: Das vierstöckige Gebäude hat weder einen Aufzug noch behindertengerechte Sanitärräume. Fabians Eltern melden ihren Sohn deshalb notgedrungen in einer 30 Kilometer entfernten, barrierefreien Schule an.
Fabians Eltern sehen dem neuen Schuljahr mit Sorge entgegen: Wie wird sich ihr Sohn in der neuen Klasse zurechtfinden? Werden ihn seine neuen Mitschüler ausgrenzen? Und werden die Lehrkräfte seine Behinderung angemessen berücksichtigen und ihn gleichberechtigt mit den anderen Schülern inkludieren? — Das sind durchaus berechtigte Fragen und Befürchtungen, wie der folgende Beitrag zeigt.

Körperbehinderte Schüler als Störfaktor

Das untersuchte im Jahr 2006 die Sonderpädagogin Katrin Uhrlau im Rahmen ihrer Dissertation an der Universität Heidelberg. Sie befragte dazu zwölf körperbehinderte Erwachsene im Alter zwischen 20 und 32 Jahren, wie sie ihre Schulzeit erlebt haben. Trotz vieler positiver Erlebnisse berichten die Befragten einhellig von „ablehnenden Reaktionen unterschiedlichster Art“ und auch die „schulorganisatorischen Bedarfe“ seien „überwiegend nicht gedeckt“ gewesen. (Dr. Martina Schlüter in einer Rezension der Arbeit in der Zeitschrift Heilpädagogische Forschung, Heft 3 / 2006)

Die jungen Erwachsenen mit sichtbarer Körperbehinderung berichteten von Diskriminierung auf allen schulischen Ebenen: Mitschüler starrten sie an, hänselten, ärgerten und verspotteten sie, verweigerten Hilfe oder leisteten sie nur widerwillig, bekundeten Neid auf den Nachteilsausgleich oder wurden sogar handgreiflich. Einige Lehrkräfte nahmen sie nicht vor Mitschülern in Schutz, verwehrten Nachteilsausgleich, nahmen die behinderten Schülerinnen und Schüler nicht ernst, machten sich über sie lustig oder stellten sie vor anderen bloß. Viele Lehrer setzten sich nicht mit „der Schädigung und den Folgeproblematiken“ („Diskriminierung im vorschulischen und schulischen Bereich“, S. 63) auseinander. Schulleiter beseitigten architektonische Barrieren auch dann nicht, wenn sie darauf hingewiesen wurden. Auch fühlten sich die Behinderten zur Imagepflege benutzt. (ebd.)

Trotz dieser bitteren Erfahrungen vermutet Katrin Uhrlau, dass die Studienteilnehmer wieder auf die Regelschule gehen würden, wenn sie noch einmal vor der Wahl stünden. Denn „elf der befragten zwölf Schüler und Schülerinnen haben die Hochschulreife und einer die ‚mittlere Reife‘ als Abschluss erlangt.“ (Schlüter, Heilpädagogische Forschung 3/2006, Link s. o.)
„Es war eine harte Schule“ — so lautet der Titel der Veröffentlichung von Uhrlaus Studie. Rezensentin Dr. Martina Schlüter, die selbst als Behinderte die Regelschule durchlaufen hat, resümiert: „Eine ‚harte Schule‘ ist keine gute Schule“. Die Arbeit lege „notwendige Veränderungen z. B. in der Lehrerbildung und -fortbildung u. a. mit Blick auf Kooperationskompetenz“ offen. Und sie plädiert dafür, „Kommunikationsstrukturen in einem Schulethos zu verankern, die Mitsprache und Verantwortung aller für den Bildungsprozess zulässt“.

Diskriminierung trotz Inklusion

Auch heute, wo seit vielen Jahren ein Rechtsanspruch auf Inklusion besteht, erleben körperbehinderte Schüler im schulischen Bereich Ausgrenzung und Diskriminierung: So berichtete am 07.01.2014 das WDR-Magazin „Quarks“ in der Sendung „Jedes (Förder-)Kind ist anders“ über die körperbehinderte Rebecca, die die Regelschule wieder verließ, weil sie gemobbt wurde.

Nach wie vor scheitert der Besuch der weiterführenden Schule für Schüler im Rollstuhl auch oft an der fehlenden baulichen Ausstattung. Und manchmal auch an unsinnigen Verwaltungsvorschriften, wie in der Geschichte „Detail“ im Elternblog „kirstenmalzwei“: Nach langem Suchen hat eine Familie endlich einen Platz in einer barrierefreien Schule gefunden, die mit barrierefreiem öffentlichem Nahverkehr erreichbar ist. Doch im letzten Moment zieht der Schulleiter seine Zusage zurück: „Wir haben ein sehr wichtiges Detail übersehen“, erklärt er, „im Brandfall dürfen die Aufzüge nicht benutzt werden. Und wie kommt Ihr Sohn dann aus dem Gebäude?“

Martina Niekrawietz

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