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Perspektivwechsel

Inklusion am Gymnasium — ein Widerspruch?

Ist Inklusion am Gymnasium ein Widerspruch an sich? Oder sind die Klassen inzwischen so heterogen zusammengesetzt, dass ein Umdenken und ein anderer Unterricht dringend notwendig sind? Denn: Was ist schließlich „normal“ und was „behindert“?

Perspektivwechsel: Inklusion am Gymnasium — ein Widerspruch? Inklusion bedeutet auch, dass Schüler mit besonderem Förderbedarf an allen weiterführenden Schulen unterrichtet werden © Gerhard Seybert - Fotolia.com

Das Wesen und auch das Erfolgsgeheimnis der Spezies Mensch ist ihre Vielfalt. Kaum ein Mensch sieht aus wie der andere, und jeder hat seine eigenen Talente und Neigungen. […] Niemals würde ein Mathematiklehrer einen Tierpfleger wegen seiner wahrscheinlich nicht übermäßig vorhandenen Mathematikkenntnisse als behindert bezeichnen, eine Reinigungskraft bezeichnet einen Bauingenieur wegen wahrscheinlich fehlender Reinigungspraktiken nicht als behindert, und ein Dachdecker betitelt einen Gärtner nicht als behindert, weil er am Boden arbeitet.“ (Mittendrin e.V. (Hrsg.): Eine Schule für alle — Inklusion umsetzen in der Sekundarstufe. Mülheim an der Ruhr 2012, S. 11f.) Diese Reihe an Beispielen ließe sich unbegrenzt fortsetzen. Aber: „Halten alle im Rollstuhl sitzenden Menschen die Läufer für behindert, weil sie nicht mit dem Rollstuhl umgehen können?“ (ebd.) Ist die Grenzziehung zur Behinderung damit nicht letztendlich willkürlich?

Dennoch ist das Etikett „behindert“ in unserer nicht barrierefreien Gesellschaft für die meisten Betroffenen gleichbedeutend mit dem Ausschluss aus dem „normalen“ Leben. Und für die „Nichtbehinderten“ ein so starkes Signal, dass dahinter die Persönlichkeit des Menschen in Vergessenheit zu geraten droht.

Behinderung ist kein individuelles Schicksal

Die UNESCO hat in ihrer Salamanca-Erklärung von 1994 noch einmal darauf Aufmerksam gemacht, dass Behinderung nicht  als individuelles Schicksal, sondern stets in Wechselwirkung mit der Umwelt zu sehen ist: Teilt man Behinderungen ihrer Schwere nach in Grad 1 bis 10 auf, und tut man dies ebenso mit dem Grad der Barrierefreiheit einer Gesellschaft, so wird man feststellen, dass eine Behinderung vom Grad 5 in einer Gesellschaft, die auf Barrierefreiheit keinen Wert legt, zu einer kompletten Ausgrenzung der Betroffenen führt (Behinderung Grad 5 mal Barrieren Grad 10 = reale Behinderung vom Grad 50). Aber in einer Gesellschaft, die dem Idealbild einer völligen Barrierefreiheit nachkommt, wird die gleiche Behinderung (Grad 5 mal Grad 0) für das Leben der Betroffenen keine Rolle spielen. (vgl. ebd.)

Verschiedenartigkeit der Menschen als Chance begreifen

Derzeit herrscht in Deutschland ein Schulsystem vor, in dem Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf zumeist exkludiert (siehe Grafik) werden, das heißt, nicht in Regelschulen beschult werden. Immer mehr Grundschulen, aber auch Haupt- und Gesamtschulen praktizieren Modelle der Integration, bei denen eine kleine Gruppe von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit einer „normalen“ Lerngruppe unterrichtet wird, wobei zumindest phasenweise die Gruppen voneinander getrennt betreut werden.

Die Idee der inklusiven Schule geht einen Schritt weiter: Hier ist auch diese teilweise Trennung aufgehoben. Hier werden alle Kinder und Jugendliche je nach ihren individuellen Möglichkeiten und Grenzen gefördert und betreut und damit vorhandene Barrieren für Lernen und Teilhabe faktisch aufgehoben.

In einem umfassenden Sinne bedeutet Inklusion aber nicht nur das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen. Inklusion schließt vielmehr alle möglichen Ausprägungen von Verschiedenartigkeit ein, so z. B. ethnische Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, soziales Milieu, Leistungsfähigkeit, Sprache usw. Anders ausgedrückt heißt Leben und Lernen in einer inklusiven Schule, die Verschiedenartigkeit der Menschen nicht als Hindernis, sondern als Chance für die jeweils optimale Ausprägung der individuellen Kompetenzen zu begreifen.

Es geht bei dem Gedanken einer inklusiven Schule also nicht darum, Schüler mit Behinderung so weit zu bringen, dass sie sich den Bedingungen einer Schule anpassen, die für vermeintliche Durchschnittsschüler konzipiert ist. Es geht darum, dass Schulen ertüchtigt werden, sich auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers einzustellen und Barrieren für seine Teilhabe zumindest zu verringern.

Festzuhalten bleibt außerdem, dass auch Schüler mit Behinderung nicht nur fachliche Förderung brauchen. Sie brauchen die Einbindung in ihren Sozialraum, sie brauchen den alltäglichen selbstverständlichen Umgang mit der Kindergesellschaft, sie brauchen das gemeinsame Lernen, Spielen und Wachsen, um ihren Platz im Leben zu finden.

Heterogenität ist der normale Alltag

Das deutsche Bildungssystem bemüht sich mithilfe von Maßnahmen der äußeren Differenzierung möglichst homogene Lerngruppen zu schaffen. Und trotz alledem fällt jedem Lehrer auf, dass Heterogenität der Alltag schulischen Lernens ist; Formen der inneren Differenzierung sind somit unumgänglich, ein „Lernen im Gleichschritt“ bleibt zumindest fraglich.

Diese Heterogenität wird durch Inklusion befördert, ist jedoch nicht deren Ursache: Stellen wir uns eine achte Klasse an einem Gymnasium vor. Wie sehen die Schüler dieser Klasse aus? Wie sieht der typische Schüler dieser Klasse aus?

Einige dieser Schüler haben ein sehr weitreichendes Vorwissen, anderen fällt das Lernen schwer. Ein Schüler lebt erst seit kurzem in Deutschland und hat große Sprachschwierigkeiten, ein zweiter Schüler ist grundsätzlich unruhig und unkonzentriert, ein dritter Schüler erhält keinerlei Unterstützung in schulischen Dingen von seinen Eltern, ein vierter Schüler ist von Selbstzweifeln geplagt, ein fünfter Schüler hat eine leichte Hörschwäche, ein sechster Schüler ist sozial auffällig und ein siebter Schüler hat eine körperliche Beeinträchtigung und damit große Schwierigkeiten beim Schreiben. In dieser Klasse sollen nun alle zur gleichen Zeit und im gleichen Tempo das Gleiche lernen? Was würde man beobachten können?

Die unterschiedlichen Bedürfnislagen der Schüler werden in einem derart „im Gleichschritt“ gestalteten Unterricht nur unzureichend berücksichtigt, und effektive Lernerfolge für alle Schüler werden nur schwer erreichbar. Das Potenzial von Heterogenität liegt jedoch gerade darin, diese als Ressourcenvielfalt wahrzunehmen und die vorhandenen Unterschiede gewinnbringend im Unterricht zu aktivieren.

Barrieren auch am Gymnasium abbauen

Noch einmal: Verstehen wir Inklusion als den Versuch, vorhandene Barrieren für Lernen und Teilhabe auf ein Minimum zu reduzieren, so wird auffallen, dass die durch unser Schulsystem vorgenommene äußere Differenzierung im Widerspruch zum inklusiven Gedanken steht. Verstehen wir die Verringerung vorhandener Barrieren für Lernen und Teilhabe aber als ein Menschenrecht, so muss die Frage erlaubt sein, ob Inklusion nicht auch im Rahmen des vorhandenen Schulsystems möglich sein kann?

Dass viele Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen an Regelschulen insgesamt besser gefördert werden, belegen zahlreiche nationale und internationale Studien. So kommt Klaus Klemm in seiner Studie „Sonderweg Förderschulen — hoher Einsatz, wenig Perspektiven“ zu dem folgenden Ergebnis: „Kinder mit besonderem Förderbedarf, die im [...] Gemeinsamen Unterricht mit Kindern ohne Förderbedarf lernen und leben, machen im Vergleich deutlich bessere Lern- und Entwicklungsfortschritte. Zudem profitieren auch die Kinder ohne Förderbedarf vom Gemeinsamen Unterricht, indem sie höhere soziale Kompetenzen entwickeln, während sich ihre fachbezogenen Schulleistungen nicht von den Leistungen der Schülerinnen und Schüler in anderen Klassen unterscheiden.“ (Klemm, Klaus: Sonderweg Förderschulen. Hoher Einsatz, wenig Perspektiven. Gütersloh 2009, S. 4.)

Mit der Einführung des Rechtsanspruchs zum Besuch einer Regelschule auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen bzw. Beeinträchtigungen geraten prinzipiell alle Schulformen in den Blick und müssen sich somit den Anforderungen einer inklusiven Pädagogik stellen. Aber: Wie wird es möglich sein, Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf in einer Schulform zu fördern, in der die Bewertung von Leistungen auf dem Prinzip der Selektion beruht, in der für die Schüler ohne besonderen Förderbedarf die erfolgreiche Bildungskarriere vom Erbringen der entsprechenden Leistungen abhängt und in der bei Nichterbringen dieser Leistungen häufig noch der Wechsel zu einer anderen Schulform droht?

Inklusives Gymnasium? — wenn  die Voraussetzungen stimmen

Wissenschaftliche Untersuchungen weisen zumindest darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf gerade an Gymnasien besonders gut gefördert werden können, vorausgesetzt das notwendige Fachpersonal steht in ausreichender Zahl zur Verfügung. Grund hierfür ist unter anderem die Tatsache, dass Schüler an Gymnasien häufig über besonders positiv ausgeprägte Sozialkompetenzen verfügen, die als wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Inklusion in heterogenen Lerngruppen gelten.

Wichtig ist auch der Hinweis darauf, dass durch veränderte Lernformen, durch individuelle Förderung und durch gezielte Krisenintervention in einem inklusiv arbeitenden Gymnasium letztlich alle Schüler profitieren können. Insbesondere die Kinder und Jugendlichen, die vom sogenannten „drop out“ (d. h. dem Abbrechen der gymnasialen Laufbahn) bedroht sind, können in einer inklusiven Schule besser aufgefangen und früher gefördert werden, zumal schulisches Versagen gerade in den kritischen Stufen 7 bis 9 häufig nicht durch unzureichende kognitive Fähigkeiten, sondern durch fehlende Motivation, durch Konflikte und durch individuelle Krisen im Pubertätsalter verursacht sind.

Ein Ausblick: Teilschritte auf dem Weg zum Ziel

In einer inklusiven Schule lernt nicht jedes Mitglied einer Lerngruppe die gleichen Inhalte mit den gleichen Methoden zur gleichen Zeit im gleichen Tempo. In einer inklusiven Schule ist das Lernen vielmehr in hohem Maße individualisiert, ohne dass dabei der Erwerb sozialer Kompetenzen vernachlässigt würde. Ziel ist dabei die bestmögliche Förderung der Begabungen und Kompetenzen eines jeden Kindes bzw. eines jeden Jugendlichen, um für alle eine möglichst umfassende Teilhabe an der Gesellschaft und an der Lebens- und Arbeitswelt zu gewährleisten.

In idealer Weise bzw. in Reinform werden diese Ziele in unserem aktuellen Schulsystem wohl kaum erreicht werden können, aber mindestens Teilschritte können gegangen werden. Wie weit die einzelne Schule auf diesem Weg vorankommt, hängt von der Unterstützung durch die Schulbehörde und den Schulträger, von der personellen und sächlichen Ausstattung, von Fortbildungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter, von der Unterstützung durch externe Experten und nicht zuletzt von der Bereitschaft aller Mitglieder der Schulgemeinschaft ab, sich auf die Herausforderungen inklusiver Bildung einzulassen.

Frank Lauenburg

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