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Bestandsaufnahme

Inklusion? Setzen, Sechs!

Seit 10 Jahren haben wir uns die Inklusion auf die Fahnen geschrieben — mit mäßigem Erfolg. Was ist schiefgegangen, was könnte besser werden? Eine Bestandsaufnahme schafft Klarheit für zukünftiges Handeln.

Bestandsaufnahme: Inklusion? Setzen, Sechs! Alle Kinder haben ein Recht auf Bildung, gemeinsam mit anderen Kindern ihrer Altergruppe © Halfpoint - stock.adobe.com

„Inklusion in der Bildung bedeutet ja streng genommen, dass es keine Förderschulen mehr braucht oder zumindest deutlich weniger, weil die Kompetenzen, die bislang dort zu finden sind, auf die Regelschulen übergehen“, so das Bildungsmagazin „Campus & Karriere“ am 24.01.2020. Trotzdem gebe es „in vielen Bundesländern wieder die Tendenz, die Förderschulen zu stärken“ (ebd.).

Was ist da los: Stagniert die Inklusion oder gibt es gar Rückschritte? Und wie weit ist das gemeinsame Lernen in den Bundesländern heute — mehr als 11 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention — umgesetzt? Der Bildungsforscher und Inklusionsexperte Prof. Hans Wocken zieht im Interview mit Florentine Anders vom Deutschen Schulportal „eine ernüchternde Bilanz“.

Inklusionsreform hat ihr eigentliches Ziel verfehlt

„Der Anteil der Schülerinnen und Schüler an Sonderschulen liegt heute [April 2018] noch bei 4,5 Prozent und ist damit nur um 0,5 Prozentpunkte zurückgegangen“, moniert Hans Wocken mit Blick auf die Entwicklung der Inklusionsquoten in Deutschland seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention. — Aus Wockens Sicht ist dieses Ergebnis „blamabel“.

In Bayern sei die Zahl der Schüler an Sonderschulen sogar gestiegen, während andere Bundesländer weiter sind. „Spitzenreiter“ seien Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg, wobei letzteres als einziges Bundesland ein „einklagbares Recht auf einen Platz an der Regelschule“ hat. „Bemerkenswert“: Thüringen sei das einzige ostdeutsche Bundesland, wo nicht nur die Inklusionsquote gestiegen, sondern „auch die Exklusionsquote deutlich gesunken“ sei.

Für Wocken, den engagierten „Botschafter der Inklusion in Deutschland“, ist es eine „schmerzliche Erkenntnis, „dass offenbar gerade am Anfang der Reformprozess zu schnell vorangetrieben wurde“. Er plädiert dafür, „jetzt alle Probleme auf den Tisch“ zu bringen, zu „evaluieren, was nicht stimmt, und eine Neukonzeptionierung“ vorzunehmen (ebd.).

Oft kein einklagbares Recht auf Regelschulplatz

Ob das Menschenrecht Inklusion gewährt wird, regeln viele Bundesländer „nach Gutsherrenart“, konstatiert der lesenswerte Beitrag  auf der Website News4Teachers im Dezember 2019.     

In Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Thüringen „ist der Rechtsanspruch auf inklusive Bildung durch das Schulgesetz mit einem Ressourcenvorbehalt verbunden“: Hier ist die „Schulplatzwahl (...) beispielsweise davon abhängig (...), ob geeignete räumliche Ressourcen vorhanden sind“ (ebd.). Das gilt auch in Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt, doch zusätzlich haben Kinder in diesen Ländern überhaupt gar keinen Rechtsanspruch auf inklusiven Unterricht. „Heißt: Ob ein behindertes Kind einen Platz an einer Regelschule bekommt, ist willkürlich“, so das Fazit des Autors (ebd.).

Erhöhte Inklusionsquote ist ein „Etikettenschwindel“

Doch wie ist es – angesichts der vielen Inklusionshemmnisse — zu erklären, dass der Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen „deutlich gestiegen“ ist? Das sei „nur mit einem Etikettenschwindel zu erklären“, sagt Prof. Hans Wocken im oben verlinkten Interview. Denn während in den meisten Bundesländern die Inklusionsquote erhöht wurde, hat sich doch der Anteil der Schüler an Förderschulen fast gar nicht verändert. Das bedeute, „dass Schüler, die früher allenfalls als Risikoschüler galten, nun mit dem Etikett des sonderpädagogischen Förderbedarfs versehen werden“, so Wocken. Oder anders gesagt: Die Inklusionsquote allein sagt nichts über den Stand der Inklusion in einem Bundesland, es muss immer „gleichzeitig auch die Exklusionsquote mitbetrachtet“ werden.

Berlin will 800 neue Förderschulplätze schaffen

In Berlin wird die Exklusionsquote bald wieder kräftig ansteigen: Der Berliner Senat kündigte im Januar 2020 an, 800 zusätzliche Plätze in Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung schaffen zu wollen. Der Bedarf sei „ganz einfach gewachsen“, so die Begründung von Schulsenatorin Sandra Scheeres. So sei in den letzten Jahren die Zahl der Kinder mit geistigen Behinderungen „enorm angestiegen“, von knapp 2000 im Jahr 2012 auf gut 2400 im Jahr 2019. Und im Gespräch mit dem Berliner Tagesspiegel betont sie, dass sich viele Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung Schulplätze an Förderzentren wünschten.

Eltern beklagen zu Recht fehlende Ressourcen

Gut zehn Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention mag sich da so mancher ungläubig die Augen reiben: Doch in der Praxis leiden die Regelschulen leider oft an mangelnden Ressourcen. Das gilt besonders für Sekundarschulen: Dort fehle es zum Beispiel an Räumlichkeiten und „massiv an Sonderpädagogen“, erzählt eine Mutter von einem Jungen mit Down-Syndrom im eingangs verlinkten Podcast in Campus & Karriere. Dabei besucht ihr Sohn sogar eine Oberschule mit Inklusionsschwerpunkt, die besser mit Sonderpädagogen ausgestattet ist als andere Regelschulen. Doch gerade diese Schulen nähmen dann mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf, als sie bewältigen könnten.

Prof. Hans Wocken versteht die Eltern, die für ihr behindertes Kind eine Förderschule gegenüber dem gemeinsamen Unterricht vorziehen: Tatsächlich gebe es an Förderschulen „mehr Personal, kleine Gruppen, spezielle Therapieangebote“, denn Regelschulen erhielten nicht die gleichen Ressourcen wie Sonderschulen, sagt er im Gespräch mit Florentine Anders vom Deutschen Schulportal (Link s. o.). „Mehr Geld muss auf jeden Fall in die Inklusion fließen“, so seine Überzeugung.

Eine aktuelle Studie der Aktion Mensch und der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ beleuchtet die Einstellung zu schulischer Inklusion in unserer Gesellschaft. Dabei zeigte sich, dass nur 61 Prozent der Eltern ohne Inklusionserfahrung einen gemeinsamen Unterricht in der Schule befürworten. Bei den Eltern mit Inklusionserfahrung hingegen liegt die Zustimmung mit 78 Prozent deutlich höher. Im Klartext: Viele Eltern mit und ohne Kinder, die besonderen Förderbedarf haben, machen positive Erfahrungen mit dem inklusiven Unterricht. — Das ist nicht nur ein schönes Kompliment für die engagierten Lehrkräfte, die den gemeinsamen Unterricht trotz aller Hürden möglich machen, sondern es beweist auch, dass es sich unbedingt lohnt, sich auf das Wagnis „Inklusion“ einzulassen, auch wenn noch ein langer Weg vor uns liegt.

Martina Niekrawietz

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