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Inklusion

Nachhaltige Professionalisierung der Lehrkräfte

Inklusion ist ein komplexer Schulentwicklungsprozess, der zweierlei benötigt: Zeit und nachhaltige Fortbildungen für alle Lehrkräfte und alle Professionen, die an der Schule arbeiten. Die Auswahl von berufsbegleitenden Qualifizierungsangeboten ist von entscheidender Bedeutung zu.

Inklusion: Nachhaltige Professionalisierung der Lehrkräfte Nur wenn Lehrer auf die neuen Aufgaben gut vorbereitet werden, kann Inklusion gelingen © iStockphoto.com/Franck Boston

„Auch wenn das noch nicht bei allen angekommen ist: Wir können uns nicht mehr aussuchen, ob wir Inklusion umsetzen — wir müssen es“, betont Prof. Andreas Hinz in einem Interview mit „Aktion Mensch“. Er lehrt an der Universität Halle-Wittenberg Rehabilitations- und Integrationspädagogik und ist einer der führenden Inklusionsexperten Deutschlands. Inklusion begreift er als Veränderungsprozess, der nur dann produktiv sein kann, „wenn man den Menschen Unterstützung an die Hand gibt und sie (…) einbezieht“. Wie Andreas Hinz definieren auch Bettina Amrhein und Benjamin Badstieber von der Universität Köln Inklusion als „tiefgreifenden, oft widersprüchlichen und langwierigen Prozess“, der nur mit Fortbildungsangeboten zu meistern ist, die Lehrkräfte kontinuierlich und anhaltend unterstützen. (Amrhein, Badstieber: Lehrerfortbildungen zu Inklusion — eine Trendanalyse, S. 8)

Im Jahr 2013 untersuchten sie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung 775 Fortbildungsangebote für Lehrkräfte zum Thema Inklusion. Ergebnis: Nur ein verschwindend geringer Teil der Angebote ist dazu geeignet, Pädagogen in Regelschulen für inklusiven Unterricht zu qualifizieren. Doch unter welchen Voraussetzungen gelingt eine nachhaltige Professionalisierung? Amrhein und Badstieber leiten aus ihrer Analyse zehn Empfehlungen ab, die Ihnen als Lehrkraft dabei helfen, sinnvolle Fortbildungs- und Schulentwicklungsmaßnahmen zu erkennen oder anzustoßen. (vgl. dazu: Trendanalyse, S. 20 ff., Link s. o.)

1. Inklusion bedeutet „volle Teilhabe aller Schüler am Unterricht“. Dieses international gängige, erweiterte Verständnis von Inklusion versteht Andreas Hinz als Chance: Beschränkt man den Inklusionsdiskurs auf den Aspekt der Behinderung, so wäre „das Inklusionspotenzial verschenkt“ und die Aufgabe ließe sich „leicht an Sonderpädagogen delegieren“. Das Thema sei „Heterogenität insgesamt“ und damit „automatisch ein Thema der Schulpädagogik“ (Interview mit „Aktion Mensch“, Link s. o.)

2. Inklusion sollte als langfristig angelegte Schulentwicklung begriffen werden, die sowohl den Unterricht als auch das Personal und die gesamte Schule betrifft. Bei der Gestaltung dieses Prozesses sind erprobte Konzepte wie zum Beispiel der „Index für Inklusion“ hilfreich.

3. Bei der Umsetzung von Inklusion übernehmen Schulleiter eine Schlüsselrolle. Zur Steuerung der komplexen und oft paradoxen Prozesse beim Umbau zur inklusiven Schule sind „Professionalisierungskonzepte speziell für Schulleitungen“ zu entwickeln.

4. Welche Rolle spielt die Sonderpädagogik im inklusiven System? Diese Frage ist zu klären, „getrennte Zuständigkeiten“ sollten „aufgebrochen werden“ und alle Professionen sollten gemeinsam Verantwortung übernehmen.

5. Qualifizierende Maßnahmen sollten die Akteure während des gesamten Umsetzungsprozesses hinweg unterstützen und untereinander vernetzen, „damit wichtige Synergieeffekte“ möglich sind.

6. Qualitätssicherung und Evaluationen sollten von Anfang an Teil des Schulentwicklungsprozesses sein, um „die Ressourcen für Fortbildungen effektiv und nachhaltig einzusetzen“.

7. Besonders wirksam im Hinblick auf eine zunehmende Professionalisierung durch Fortbildungen ist ein „Wechsel von Input-, Reflexions- und Erprobungsphasen“. Das bedeutet zum Beispiel bezogen auf unterrichtliches Handeln, dass Lehrkräfte nicht nur thematischen Input bekommen, sondern auch „Lerngelegenheiten“, um „verändertes unterrichtliches Handeln zu erproben und anschließend zu reflektieren“.

8. Vorhandene Angebote „im Fortbildungskanon der Länder“, besonders in den Bereichen Pädagogik, Didaktik und Diagnostik können nicht einfach unter neuem Schlagwort fortgeführt werden. Sie „müssen im Hinblick auf ihre Anschlussfähigkeit an die Schaffung eines inklusiven Schulsystems überprüft und weiterentwickelt werden“.

9. Erfolgreiche Inklusion braucht ein multiprofessionelles Team aller am Schulleben Beteiligten. Sinnvoll sei es daher, Fortbildungen „für alle Professionen, die an der Schule arbeiten“, zu öffnen. (S. 22) Wegen möglicher Spannungen durch das Zusammenwachsen verschiedener Berufsgruppen raten die Autoren dazu, „diese Prozesse auch in Form unterschiedlichster Beratungsformate zu begleiten“. (ebd.)

10. Weil Inklusion nicht mit dem Unterricht endet, sollten Fortbildungen auch „für Akteure der außerschulischen Bildung“ zugänglich sein. (ebd.) Amrhein und Badstieber empfehlen, die Kooperation zwischen Schulen und außerschulischen Partnern zu intensivieren.

Da die „Qualifizierungs- und Reformbedarfe höchst individuell und regional verschieden sind“ (S. 8) sollte eine Fortbildung von den tatsächlichen und spezifischen Erfordernissen an den jeweiligen Schulen ausgehen und bestehende Ressourcen berücksichtigen. Wichtig sei es dann, „Kulturen, Strukturen und Praktiken in Richtung inklusiver Werte“ weiterzuentwickeln. (ebd)

Martina Niekrawietz

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