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Binnendifferenzierung

So gelingt Inklusion im Biologieunterricht

Gerade im naturwissenschaftlichen Unterricht stoßen Lehrer häufig an ihre Grenzen, wenn es um Inklusion geht. Wie kann naturwissenschaftliches Vorgehen im Fach Biologie binnendifferenziert vermittelt werden? Stationenlernen ist eine gute Methode, Schüler inklusiv zu unterrichten.

Binnendifferenzierung: So gelingt Inklusion im Biologieunterricht Gerade in einer Stationenarbeit, bei der der Lernprozess von jedem Schüler selbst gesteuert wird, haben die Schüler genügend Zeit zu beobachten © Christian Schwier - Fotolia.com

Viele Kollegen sind heute vor die Situation gestellt, Schüler inklusiv unterrichten zu müssen, ohne auf die Unterstützung eines ausgebildeten Förderschullehrers zurückgreifen zu können. Nicht wenige fühlen sich überfordert oder stellen sich häufig die Frage, ob sie dem Lernanspruch dieser Schüler gerecht werden können: Nehme ich jeden mit? Kommen die anderen nicht zu kurz? Reduziere ich vielleicht dann für alle zu viel? Ist der Stoff so für mein Inklusionskind zu schwer? Solche Äußerungen hört man immer häufiger in Lehrerzimmern.

Eine einfache Art der Differenzierung bieten Stationenarbeiten. Hier können die Schüler nicht nur individuell in ihrem Tempo arbeiten, auch der Lernstoff kann dem jeweiligen Leistungsstand der Schüler angepasst werden. Der Nachteil für den Lehrer: Es ist sehr zeitaufwendig, eine Stationenarbeit zu konzipieren und vorzubereiten. Zum Glück bieten Fachverlage inzwischen Stationenarbeiten für alle Altersstufen, Fächer und Lernsituationen an, mit einer Fülle an binnendifferenzierten Materialien.

Stationenarbeit im Biologieunterricht von Vorteil

Und dennoch: Die Stationenarbeit ist eine Arbeitsform, die im naturwissenschaftlichen Unterricht wenig genutzt wird. Doch gerade im Fach Biologie — im Gegensatz zu den Fächern Chemie und Physik —, in dem die Schüler viele Experimente ohne Anweisung des Lehrers eigenständig durchführen dürfen, bietet diese Methode viele Vorteile  Voraussetzung ist, dass das benötigte Material bereitgestellt wird und eine genaue Versuchsanleitung bereitliegt.

Die Aufgabenstellungen sollten so formuliert sein, dass auch leistungsschwächere Schüler in der Lage sind, diese sinnerfassend zu lesen, um die Experimente richtig durchführen zu können. Für Inklusionsschüler ist es unerlässlich, die Materialien der Anleitung entsprechend vorzubereiten. Die Anleitung muss in kurzen präzisen Sätzen als Schritt-für-Schritt-Anleitung gestaltet sein. Am besten eignet sich hier eine Checkliste. Gut ist es ebenfalls, wenn der Versuchsaufbau bildlich dargestellt ist.

Gerade in einer Stationenarbeit, bei der der Lernprozess von jedem Schüler selbst gesteuert wird, haben die Schüler genügend Zeit zu vermuten oder zu beobachten. Sie werden nicht durch ein oft gut gemeintes Unterrichtsgespräch in die richtige Richtung gelenkt, sie steuern ihren Lernprozess selbst. So lernen die Schüler die wissenschaftliche Vorgehensweise, nämlich das Beobachten eines Phänomens, das Aufstellen einer Hypothese und die Falsifikation oder Verifizierung durch das Experiment. 

Ihnen bleibt dabei Zeit für das Hinterfragen von Sachverhalten oder Phänomenen. Im Fach Biologie sähe das zum Beispiel so aus: In den menschlichen Körper können wir im Biologieunterricht nicht hineinschauen. Jedoch kann man zum Aufbau der menschlichen Gelenke Experimente durchführen. Verschiedene Materialien werden zur Verfügung gestellt, die Knochen, Knorpel und Gelenkschmiere darstellen. Die Schüler werden bei ihren Experimenten darauf kommen, dass ein Gelenk nicht nur aus Knochen und Knorpel bestehen kann, da der Knorpel in ihrem Modell bei jeder Bewegung abgerieben wird. Häufig ist zu beobachten, dass Schüler beginnen, ihre Gelenke langsam zu bewegen und „in sich hineinzuhorchen“, um den Aufbau zu verstehen.

Raum für ungewöhnliche Fragestellungen

Es gibt immer wieder Schüler, die sich im Unterrichtsgespräch nicht trauen, ihre Vermutungen zu äußern, da diese falsch sein könnten. Das trifft in besonderem Maße auf Inklusionsschüler zu. Bei der Frage, warum Bienen auf Glasscheiben laufen können und nicht abrutschen, kommt es hier zu interessanten Überlegungen. Beispielsweise könnten Bienen Honig als Klebstoff benutzten oder aber sie hätten Saugnäpfe an den Füßen. Diese Ideen fordern somit geradezu dazu auf, dem Sachverhalt auf den Grund zu gehen und Bienen zu mikroskopieren.

Genau dies braucht der naturwissenschaftliche Unterricht. Wo wäre die Wissenschaft heute, wenn alle Forscher und Entdecker nur bereits bekanntes und anerkanntes Wissen genutzt hätten. Die Schüler sollten daher ermutigt werden, auch ungewöhnliche Fragen zu stellen bzw. Sachverhalte zu hinterfragen.

Beobachtet man Schüler, so stellt man fest, dass diese in einem Gespräch unter Gleichen Vermutungen äußern und Hypothesen aufstellen, die sie einem Lehrer gegenüber meist nicht äußern würden. Diese Chance kann der Lehrer beim Stationenlernen nutzen. Hier sollte er Lernbegleiter und nicht Wissensvermittler sein. Eine unterstützende Hilfe für leistungsschwächere Schüler könnte sein, dass der Lehrer Zeit hat, sich mit dem Schüler in einer Einzelsituation zu beschäftigen und Sachverhalte zu erklären. Ebenso können in einer Stationenarbeit gezielt Aufgabenstellungen und Methoden vom Lehrer ausgewählt werden, die der lernschwache Schüler ganz allein bewältigen kann. Möglich ist auch, die Stationen zu kennzeichnen, die vom Schüler allein, mit einem Mitschüler oder mit dem Lehrer bearbeitet werden müssen. So ist der Lernprozess für den Schüler immer klar. 

Schüler als Lernende, Forschende und Lehrende

In der Stationenarbeit sind die Schüler gleichzeitig Lernende, Forschende und Lehrende. Sie erarbeiten selbstständig neue Lerninhalte. Sie erforschen und hinterfragen naturwissenschaftliche Sachverhalte und sie kommen selbst in den Genuss, Lehrer zu sein, wenn sie Mitschülern helfen können. Selbst Inklusionsschüler sind hier womöglich als Experten gefragt, wenn sie Mitschülern beim Aufbau des Versuchs erklärend zur Seite stehen können. Die Schüler können sich an den Stationen als Experten eintragen, wenn sie diese bearbeitet und den Inhalt begriffen haben. Somit ist den Mitschülern klar, wen sie bei der jeweiligen Station ansprechen können.

Oft bilden sich im Laufe einer Stationenarbeit Lerngruppen, die sich optimal ergänzen. Schüler merken sehr genau, welcher Mitschüler besondere Fähigkeiten hat. Der eine versteht die Texte gut, der nächste ist geschickt im Aufbau der Experimente und ein dritter hat gute Ideen, was die Erklärung angeht. Schüler lernen so miteinander und voneinander. Dies bietet dem Lehrer die Möglichkeit, sich in die Gruppen einzuklinken, wenn Hilfe benötigt wird, aber auch die Lernenden zu beobachten.

Inklusionsschüler profitieren am meisten

Meine Erfahrungen im Unterricht haben mir gezeigt, dass Inklusionsschüler von diesen freien Arbeitsformen am meisten profitieren. Die Mitschüler haben vorbildlich mit den jeweiligen Schülern zusammengearbeitet und dabei deren Stärken genutzt. Jeder inklusiv unterrichtete Schüler hat eine Stärke, die in solchen Gruppenarbeiten zum Tragen kommen. Zum Beispiel kann ein Schüler besonders gut mit dem Mikroskop umgehen oder zeichnen. So können diese Aufgaben an ihn abgegeben werden. Ist der Umgang mit dem Computer gefragt, so können auch hier Stärken liegen, die von der Gruppe genutzt werden können. Der Schüler kann als „Schriftführer“ fungieren.

Auf die Lernumgebung kommt es an

Wichtig ist jedoch, dass die Lernumgebung so geschaffen ist, dass der inklusiv unterrichtete Schüler auch lernen kann. Hier müssen Lehrer schauen, auf welche besonderen Bedürfnisse Rücksicht genommen werden muss. Vielleicht benötigt der Schüler eine klare Struktur, sodass er überfordert ist, wenn er seine Arbeitsblätter — wie in einer Stationenarbeit vorgesehen — frei auswählen darf. Dann wählen sie eine Station für ihn aus, die er gut bewältigen kann. Ist die Aufgabe erledigt, geben sie ihm die nächste.

Wenn für ihren Schüler Unruhe im Klassenraum ein Problem ist, dann setzten sie ihn in eine ruhige Ecke, auch ruhig mit dem Gesicht zur Wand. Dies ist keine Ausgrenzung, sondern eine Hilfe für ihn. Möchte ihr Schüler nicht mit anderen zusammenarbeiten, auch wenn die Station das vorsieht,  lassen sie Einzelarbeit zu oder unterstützen ihn in Situationen, bei denen Gruppenarbeit nötig ist.

Variable Lernangebote — ein Plus für alle

Die Stationenarbeit bietet dem Lehrer die Möglichkeit, sich um Lernsituationen und um Schüler in einem Maße zu kümmern, zu dem man sonst im Frontalunterricht nicht kommt. Lehrer müssen die Angst davor verlieren, dass sie nicht allen Schülern gerecht werden können, wenn ein Schüler in der Klasse inklusiv unterrichtet wird.

Hier gilt es, besonders variable Lernangebote zu schaffen und methodisch vielfältig zu arbeiten. Je mehr Kanäle angesprochen werden, desto mehr Schüler erreicht man damit. Nicht nur Inklusionsschüler benötigen variable Lernzugänge, alle Schüler tun das. Wir haben nie eine homogene Lerngruppe vor uns. Die Zugänge sind auch bei Schülern in Regelklassen unterschiedlich: der eine muss dem Lernstoff nur zuhören, der nächste ihn aufschreiben und wieder ein anderer muss sich die Zusammenhänge erlesen.

Je vielfältiger man als Lehrer auch im naturwissenschaftlichen Unterricht arbeitet, desto größere Lernerfolge werden alle Schüler haben. Die Devise sollte lauten: methodische Vielfalt, offene Arbeitssituationen und individuelles Lernen zulassen. Das bietet die größte Möglichkeit als Lehrer nicht an den Herausforderungen zu verzweifeln, sondern sie für alle positiv zu verändern — und allen Schülern neue Lernchancen zu eröffnen.

Babett Kurzius-Beuster

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