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Schulmodell

Von der UN-Konvention zum „Inclusion Native“

Inklusion ist keine uns angeborene Eigenschaften, sondern wir müssen sie erlernen. Im Laufe des Lebens erlernte Einstellungen sind aber nicht einfach so veränderbar. Ein Modellversuch der Comenius-Schule und der FU Berlin zeigt, wie es gehen kann.

Schulmodell: Von der UN-Konvention zum „Inclusion Native“ Albert Einstein wird nachgesagt, dass er vermutlich Autist war © Grey82/Shutterstock

Zu meiner Schulzeit gab es keine Inklusion, weder in der Kita, noch in der Schule, noch in der Freizeit. Menschen mit Beeinträchtigungen waren nicht Teil meines Lebensumfeldes. Man hätte fast meinen können, sie gäbe es gar nicht, wenn man nicht hin und wieder einmal verstohlen einem Fahrgast mit Beeinträchtigung in der Straßenbahn hinterhergeschaut hätte. Das war‘s, an Inklusion war so nicht einmal zu denken.

Die meisten von uns, nicht alle natürlich, sind also ohne Inklusion aufgewachsen und „plötzlich“ 2006 unterschreibt Deutschland den Vertrag der UN-Behindertenrechtskonvention, dass jeder Mensch das Recht hat, dabei zu sein. Unsere Reaktionen darauf sind eng mit unserer individuellen Lebensgeschichte verknüpft, denn unsere Erfahrungen zum Thema basieren auf Annahmen über die Ursachen und Folgen einer Beeinträchtigung oder auf familiären und gesellschaftlichen Normen. Die entscheidenden Faktoren, die dabei unsere Einstellungen beeinflussen, sind:

  1. die Art und Sichtbarkeit der Beeinträchtigung,
  2. der Kontakt zu Mensch mit Beeinträchtigungen,
  3. die demografischen Merkmale des Einstellungsträgers — Alter, Geschlecht und Herkunft.

Einstellungen ändern sich im direkten Kontakt mit Menschen mit Behinderung

Diese Einstellungen haben wir erlernt, ebenso wie unsere sozialen Reaktionen darauf (Lühn, Annika.: Wahrnehmung von Andersartigkeit — Zur Rolle von Medien bei der Einstellung und Sensibilisierung gegenüber Menschen mit Behinderung (Bachelorarbeit, Technische Universität Dortmund), Dortmund 2015 [76 Seiten]). Einstellungen sind aber nicht beliebig austauschbar oder veränderbar. Was also tun?

Die Comenius-Schule Berlin ist eine Schwerpunktschule mit den Förderbereichen „Autismus“ und „Lernen“. Sie setzt sich zusammen aus den Inklusionsgrundschulklassen mit jeweils 15 unbeeinträchtigten und 5 beeinträchtigten Schülern, den Kleinklassen im Bereich „Autismus“ und „Lernen“ und der Klinikschule.

Im Schuljahr 2016/17 entstand ein Kontakt zum NatLab, ein Mitmach- und Experimentierlabor der FU Berlin, da einer unserer autistischen Schüler dort sein Betriebspraktikum absolvieren durfte. Die Leiterin des NatLab, Frau Prof. Skiebe-Corette, tauschte sich mit dem betreuenden Studenten über dessen Erfahrung aus und stellte fest, dass dieser seine Ängste und Befangenheiten zu dieser Art der Beeinträchtigung ablegen konnte und sich seine Einstellung gegenüber dem Thema Inklusion grundlegend änderte. Schnell war die Idee geboren, auch anderen Lehramtsstudenten auf dem Weg zum inklusiven Unterricht diese Erfahrung zu ermöglichen.

Studenten schon früh mit Inklusion vertraut machen

Im Dezember 2017 verlegte Frau Skiebe-Corette eine Vorlesung über neuronale Krankheiten kurzer Hand zu uns an die Comenius-Schule. Die Studenten lernten die Grundlagen der Autismusspektrumsstörung kennen und übten gedanklich den Umgang mit betroffenen Schülern anhand von Fallbeispielen. Im Januar 2018 besuchten wir dann mit zwei unserer Klassen mit Asperger-Autisten einen Tag das NatLab der FU. Die Lehramtsstudenten experimentierten gemeinsam mit unseren Autisten zum Thema Neurologie. Dabei waren vier unserer Betreuer ständig vor Ort und boten somit einen „geschützten“ Rahmen für die Studenten. Rasch stellte sich aber heraus, dass die Betreuer während der Zeit so gut wie gar nicht eingreifen mussten, da sich die Studenten sehr schnell auf ihre Praktikumspartner einstellten und lernten, auf deren individuelle Bedürfnisse einzugehen. Sie „probierten“ sich aus.

Im Anschluss gab es noch eine Auswerterunde mit den Studenten und ihren Erfahrungen. Ein Satz davon ist mir sehr in Erinnerung geblieben: „Das war das Sinnvollste was wir je in unserem Studium gemacht haben.“ Und was sagten die Schüler? „Können wir noch mal ins NatLab?“ Und C. hat beim Experimentieren sogar gelächelt.

Erfahrungen austauschen und Handlungsmöglichkeiten ausprobieren

Was war es denn nun, das die Studenten gebraucht haben, um sich auf den Weg zur Inklusion zu machen? Wir haben ihnen die Erfahrungen gegeben, die ihnen in ihrem Lebensumfeld bislang nicht zu Teil wurde. Wir haben sie darauf vorbereitet, in dem wir ihnen Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Asperger-Autisten aufgezeigt haben, die sie anwenden konnten. Wir haben ihnen die Sicherheit gegeben: Sollte etwas anders verlaufen als geplant, sind wir zur Stelle und helfen. Wir haben ihnen die Möglichkeit geboten, Inklusion, bzw. einen Teil davon, zu erlernen.

Was können Sie, lieber Leser, nun aus unseren Erfahrungen mitnehmen?

Sind Sie an einer Hochschule oder Universität dann machen Sie es uns einfach nach. Laden Sie Förderzentren in ihre Schülerlabore ein und lassen Sie die Schüler von ihren Lehramtsstudenten betreuen. Bereiten Sie die Lehramtsstudenten vorher auf die Besonderheiten im Umgang mit diesen speziellen Schülern vor und bitten Sie die Lehrer der Förderzentren, dies aktiv zu begleiten und als Berater zur Verfügung zu stehen.

Sind Sie an einem Förderzentrum, dann öffnen Sie sich gegenüber Ihrer Umgebung. Laden Sie Lehrer, Referendare, Lehramtsstudenten ein, Sie einen Tag bei Ihrer Arbeit zu begleiten. Geben Sie ihnen Tipps im Umgang mit Schülern mit Beeinträchtigungen. Was hat Ihnen geholfen? Welche Bereicherung erfahren Sie durch Ihre Arbeit? Machen Sie Mut, Ihre speziellen Kinder als ein Wunder zu begreifen, nicht als eine Belastung.

Sind Sie an einer Regelschule, dann nehmen Sie Kontakt zu einem Förderzentrum auf. Planen Sie ein Fortbildungskonzept bei dem das Förderzentrum evtl. unterstützen kann. Vielleicht kann sogar eine Kooperation daraus entstehen?

Wir sind nicht wie unsere Kinder als „digital natives“ aufgewachsen und doch haben wir gelernt, uns im Technologiezeitalter zurechtzufinden. Wenn wir uns bereit erklären, Inklusion zu lernen, aus Büchern, durch ausprobieren, durch Zuschauen, jeder nach seinem individuellen Lerntyp, dann können wir unseren Kindern die Chance geben als „inclusion natives“ aufzuwachsen, sodass für sie Inklusion zur Selbstverständlichkeit wird und nicht zu einer Vorschrift.

Cornelia Meyer

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