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Gehörlose

Voraussetzungen für Inklusion hörbehinderter Schüler

Immer mehr Hörbehinderte besuchen die Regelschule und verbessern damit ihre Chancen auf Teilhabe an Bildung und Gesellschaft. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass kommunikative und soziale Barrieren beseitigt werden.

Gehörlose: Voraussetzungen für Inklusion hörbehinderter Schüler Hörbehinderte Kinder werden im Unterricht durch einen Gebärdendolmetscher unterstützt © Christian Schwier - Fotolia.com

Vom 6. bis 11. September 1880 tagten führende europäische Gehörlosenpädagogen in Mailand. Sie verbannten auf diesem Mailänder Kongress die Gebärdensprache für weit über 100 Jahre aus vielen Klassenzimmern: Taube Schüler sollten im Unterricht nur noch mit der Artikulationsmethode, also durch Lippenlesen und lautsprachliche Äußerungen, kommunizieren. Die Folge: Der Unterricht investierte nun viel mehr Zeit und Mühe in den „Erwerb der Sprechfestigkeit“, während „der Wissenszuwachs in den Sachfächern eingeschränkt wurde“. (Wikipedia, Link s. o.)

Durch die Mailänder Beschlüsse waren Gehörlose schon damals Bildungsverlierer. Und sie haben bis heute in unserem Bildungssystem meist schlechte Karten: Insbesondere in Regelschulen stoßen sie oft noch auf Widerstände und fehlende Strukturen, vor allem dann, wenn die betroffenen Schüler von einem (teuren!) Dolmetscher für Deutsche Gebärdensprache (DGS) begleitet werden sollten. (Vgl. dazu zum Beispiel ein Urteil des Bayerischen Landessozialgerichts von 2011, das entschied, dass das Sozialamt nicht verpflichtet sei, die Kosten für einen Gebärdendolmetscher zu übernehmen, um einem gehörlosen Mädchen den Besuch der Regelschule zu ermöglichen.)

Gehörlose Schüler an Regelschulen noch selten

Das Gehörlosenmagazin „Sehen statt hören“ berichtete in seiner Sendung vom 6.12.2014 über Milena, die 2013 an der Diesterweg-Grundschule im Sächsischen Pirna eingeschult wurde. „Ich war 10 Jahre an der Gehörlosenschule und bekam nichts mit“, erzählte ihre Mutter, die wie Milena von Geburt an gehörlos ist. Deshalb hätte sie bereits am Tag der Geburt beschlossen, dass ihre ebenfalls gehörlose Tochter einmal die Regelschule besuchen sollte.

Besuchen Gehörlose Regelschulen, wird für die meisten der Unterricht von Dolmetschern in Gebärdensprache übersetzt. Die Dolmetscher fungieren zugleich  auch als Assistenten für das Kind, wobei sie auch pädagogische Aufgaben übernehmen, wenn sie etwa Kontakte zu den Klassenkameraden herstellen oder dem Kind helfen, einen Rückstand aufzuholen. — Ein ganz neues Betätigungsfeld für Dolmetscher, für die es deshalb neuerdings spezielle Weiterbildungskurse für den Schulbereich gibt.

Barrierefreiheit für hörgeschädigte Schüler

Kommunikative Barrierefreiheit bedeutet in Klassen mit hörbehinderten Kindern zunächst, „alle Möglichkeiten des verbesserten akustischen und visuellen Zugangs“ zu nutzen, betont die Audiotherapeutin und Erziehungswissenschaftlerin Petra Blochius in ihrem informativen Beitrag „Hörbehinderte Kinder an Regelschulen: Was für den erfolgreichen Besuch einer Regelschule wichtig ist“. Dazu gehören Dolmetscher, visuelle Hilfen (Beamer, Arbeitsblätter …), eine gute Raumakustik und eine optimale medizinisch-technische Ausstattung (Hörgeräte, Cochlea-Implantate, Kommunikationsanlagen).

Im Unterricht sollte auf eine gute Beleuchtung der Klassenräume geachtet werden und auf eine Sitzordnung, bei der sich alle gut sehen können. Vorteilhaft sind außerdem kleine Klassen sowie eine geräuscharme Umgebung.

Kommunikationsregeln beachten

Wenn Hörende nicht gebärden können, sondern ausschließlich lautsprachlich kommunizieren, müssen Hörbehinderte das Gesprochene vom Mund des Gesprächspartners ablesen. Dieses „Lippenlesen“ ist extrem anstrengend und bringt oft Missverständnisse mit sich, denn im Schnitt lassen sich nur etwa 30 Prozent des Gesprochenen eindeutig erfassen, 70 Prozent müssen erraten werden.

Deshalb sollte man folgende Kommunikationsregeln einhalten: Langsam und deutlich sprechen, aber nicht lauter als normal, denn dabei verzerren sich die Gesichtszüge, was das Ablesen erschwert. Hilfreich sind kurze, klare Sätze auf Hochdeutsch und eine deutliche Mimik und Gestik mit natürlichen Gebärden. Wichtig sind natürlich auch gute Lichtverhältnisse und dass der Mund nicht verdeckt ist.

Um Gehörlose anzusprechen, kann man deren Aufmerksamkeit mit einer winkenden Bewegung im Blickfeld auf sich ziehen, sie leicht an Schulter oder Arm berühren oder ein Licht ein- und ausschalten. — Für Gehörlose gängige Signale, die sie nicht befremdlich finden.

Besonders in der Pubertät, wo die Peers immer wichtiger werden, geraten hörbehinderte Schüler allein unter Hörenden leicht ins soziale Abseits. Im Idealfall sollten deshalb mehrere hörbehinderte Schüler dieselbe Klasse besuchen. Das ermöglicht den betroffenen Schülern nicht nur den Austausch mit Gleichaltrigen, die ihre Probleme teilen, sondern minimiert auch gleich die Dolmetscherkosten.

Martina Niekrawietz

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