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Berufliche Teilhabe

Webportal für Gehörlose: Infos zur Berufswahl und Ausbildung

Für Schüler mit schwerer Hörbehinderung gestaltet sich die Jobsuche besonders schwierig. Doch das Webportal VIBELLE bietet alles für eine gründliche Vorbereitung im Unterricht: Informationen zu Berufsbildern, ein Bewerbungscoaching und vor allem barrierefreie E-Learning-Materialien zu berufsrelevantem Basiswissen — alles auch in Gebärdensprache.

Berufliche Teilhabe: Webportal für Gehörlose: Infos zur Berufswahl und Ausbildung Für Gehörlose sind Webportale mit Gebärdensprache eine große Bereicherung © Scriblr - Fotolia.com

Auf der Website vibelle.de werden Besucher mit einem freundlichen Winken begrüßt: In der Mitte der ballonartigen, halbkreisförmig angeordneten Menübuttons erklärt ein sympathischer Mann in Deutscher Gebärdensprache (DGS) Inhalte und Struktur der Seite, die bereits seit 2007 im Netz zu finden ist.

Das Akronym „VIBELLE“ steht dabei für „Visuelles zu Beruf, Leben und Lernen“, denn das oberste Ziel der Website ist es, Gehörlose bei der Integration in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Konzipiert wurde der Internetauftritt von gehörlosen und hörenden Mitarbeitern des Lehrstuhls für Deutsche Philologie an der RWTH Aachen, die offensichtlich die Zeit und die Mittel hatten, um ein herausragendes Webangebot zu gestalten: Von 2003 bis 2012 wurde das Projekt „Aachener Internet Lernsoftware zur Berufsqualifizierung Gehörloser“ mit Geldern des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gefördert. Ergebnis: Über 2000 Inhalts- und Übungsseiten mit mehr als 10.000 Gebärdensprache-Videos umfasst die Seite, deren Informationen bilingual aufbereitet sind: für Gehörlose in Gebärdensprache und für Hörende in Schriftsprache. Vibelle.de ist deshalb für inklusive Lerngruppen besonders gut geeignet.

E-Learning: Crashkurs in Mathe, Englisch, Deutsch, BWL

Zu Beginn des Projektes hatte das Vibelle-Team ca. 700 hörgeschädigte Probanden auf ihre Berufseignung getestet. Dabei zeigte sich „im Vergleich zu Hörenden (…) ein ähnliches Leistungspotential für Fähigkeitsmerkmale (z. B. sprachfreie Intelligenz)“. In den erlernten Fähigkeiten in den Hauptfächern offenbarten sich jedoch „deutliche Leistungsnachteile“: So lag etwa der durchschnittliche Leistungsstand in Mathematik „im Mittel auf dem Niveau hörender Schüler der Klasse[n] vier bis sechs“. (Vgl. dazu die Projektbeschreibung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung)

Link zum Thema:

Eine ausführlich kommentierte Linkliste mit weiteren und topaktuellen Berufsinformationen für hör- und sprachbehinderte Jugendliche bietet das Bildungsportal REHADAT.

VIBELLE vermittelt deshalb die erforderlichen berufsrelevanten Grundkenntnisse in „den Hauptfächern“ als E-Learning-Einheiten mit Erläuterungen und Übungen in Gebärden- und Schriftsprache. In Mathematik etwa widmen sich insgesamt fünf Kurse den Grundrechenarten, Brüchen, Maßeinheiten, Prozent- und Zinsrechnung und Gleichungen. Auf die Erklärungen in einfacher Sprache und in großer, gut lesbarer Schrift mit farbigen Hervorhebungen folgen Aufgaben zur Übung des jeweiligen Stoffes, den sich die Schüler auch autodidaktisch erarbeiten können. In allen Fächern liegt der Fokus auf für die Jobsuche praktisch verwertbaren Wissens: bei „Deutsch lesen“ z. B. lernen die Schüler unter dem Stichwort „Anzeigen“ Abkürzungen kennen und anwenden, was sowohl beim Lesen als auch beim Verfassen von Stellenanzeigen hilfreich ist.

Berufsorientierung und Bewerbung leicht gemacht

Dass auch Jugendliche mit schwerer Hörbehinderung aus einer Vielzahl von Berufen wählen können zeigt der Bereich „Beruf und Bewerbung“: Dieser zentrale Menüpunkt informiert über Ausbildungsangebote speziell für Gehörlose, stellt unterschiedliche Berufe und Beratungsangebote vor, informiert über Verdienstmöglichkeiten und portraitiert Gehörlose in diversen Berufen. Ausführlich demonstriert ein Bewerbungstutorial, wie Struktur und Inhalt von Lebenslauf und Anschreiben aussehen sollten. Und wer eine eigene Firma gründen möchte, wendet sich am besten an „DeafExist“, das Existenzgründerkolleg für Menschen mit Hörbehinderung an der RWTH Aachen.

Rechte kennen und wahren

Die eigenen Rechte kennen und wahrnehmen — auch das gehört zu einem gelungenen Einstieg ins Berufsleben. Der Menüpunkt „Deine Rechte“ erläutert deshalb systematisch, was bei Verträgen aller Art zu beachten ist. Eine übersichtliche Microsite informiert kurz und bündig über alle wichtigen Aspekte des Arbeitsvertrags inklusive einer Checkliste „Bezahlung, Urlaub, Fristen, Nebenjobs“ und Informationen über Sonderregelungen für Menschen mit Behinderung.

Besonders wichtig und als eigener Menüpunkt vertreten ist die „Förderung Gehörloser“. Hier erfahren die Betroffenen, welche Möglichkeiten der Arbeitsassistenz bestehen, wie und wofür Teledesign gut ist, wo es beantragt werden kann und wie die Rechtsberatung in Deutscher Gebärdensprache, das sogenannte Bürgertelefon, genutzt werden kann.

Wege zur beruflichen Teilhabe

Wie schwierig sich für Gehörlose die Jobsuche gestaltet, schildert Thomas Mitterhuber auf der Website „MyHandicap“. Doch seine „Erfolgsgeschichte“ macht auch Mut und zeigt, dass ein offensiver Umgang mit der eigenen Behinderung bei der Jobsuche die Chancen auf einen Arbeitsplatz erhöht. „In meinem Anschreiben wies ich auf meine Gehörlosigkeit hin. Allerdings erst am Ende des Anschreibens, um den Fokus der Bewerbung nicht darauf zu legen“, berichtet der gehörlose Redakteur. Vor allem aber nahm er möglichen Bedenken seines potenziellen Arbeitgebers vorausschauend den Wind aus den Segeln: „Ich schlug Lösungen vor: Gebärdensprachdolmetscher für die wöchentlichen Meetings sowie schriftliche Kommunikation bei Verständnisschwierigkeiten.“ Dass die Kommunikation auf diese Weise reibungslos funktioniert, bewies Mitterhuber direkt beim Bewerbungsgespräch, zu dem ihn ein Gebärdendolmetscher begleitete: „Zwei Wochen später bekam ich die Jobzusage“, berichtet er.

Martina Niekawietz

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