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Verhaltensauffällige Schüler

Wer schwierig ist, fliegt raus!

Gute Schulleistungen und trotzdem ausgeschult? Das erleben immer mehr verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche in der allgemeinen Schule, trotz oder gerade wegen der Inklusion. Dabei geht es auch anders, wie das Beispiel Berlin zeigt.

Verhaltensauffällige Schüler: Wer schwierig ist, fliegt raus! Manche Schüler sind gezwungen, zu Hause zu sitzen. In die Schule dürfen sie nicht © Photographee.eu - Fotolia.com

Ein kleiner neunjähriger Junge sitzt mit seinem Vater am Tisch und spielt Karten. An einem ganz normalen Schultag. Schon seit vier Monaten bleibt David (Name geändert) zu Hause. Die Lehrer in der Grundschule wollen den intelligenten aber auch hyperaktiven Jungen nicht mehr unterrichten, weil er den Unterricht stört. „Ich möchte in die Schule gehen und ich finde das blöd, dass ich nicht in die Schule gehen darf“, sagt David in der Report-Mainz-Reportage „Zu gestört für die Schule“, und er ist kein Einzelfall.

Immer wieder werden Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf als „unbeschulbar“ vom Unterricht in der Regelschule ausgeschlossen. Und dann wird’s problematisch, denn: „Früher gab’s Förderschulen. Heute nicht mehr überall“, schreibt die Agentur für Bildungsjournalismus. Deshalb bleibe für verhaltensauffällige Schüler oft nur noch „die denkbar ungünstigste Lösung“ (ebd.): Sie werden von der Schulpflicht entbunden.

Für viele der betroffenen Schüler ist das eine Katastrophe: Trotz guter Schulleistungen und manchmal sogar trotz Hochbegabung werden sie ausgeschult, was für die meisten von ihnen einem —  zumindest temporären — Ausschluss von Bildung gleichkommt.

Lehrer zwischen den Fronten

Gemeinsamer Unterricht mit nur einer Lehrkraft in viel zu großen Lerngruppen, dazu der enorme Druck durch Noten, Schulleistungsuntersuchungen und in der Grundschule die frühe Aufteilung auf verschiedene Schularten, all das ist an sich für Lehrer schon nicht leicht zu stemmen. In dieser Situation bleibt meist kaum Kapazität, um verhaltensauffällige Schüler angemessen zu fördern, ohne die anderen Schüler zu vernachlässigen. — Für Lehrer ist das ein Dilemma, das ohne zusätzliche strukturelle Ressourcen nicht zu lösen ist.

Oft durchlaufen die später als „unbeschulbar“ ausjurierten Schüler erst das ganze Spektrum von Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen, bevor sich dann herausstellt, dass dem problematischen Verhalten ein ADHS-Trauma, eine Autismus-Spektrum-Störung oder Ähnliches zugrunde liegt. Eine nervenaufreibende Zeit für alle Beteiligten: für Lehrer, Eltern, Mitschüler und nicht zuletzt für die verhaltensschwierigen Schüler selbst.

Obwohl immer mehr Kinder und Jugendliche wegen psychischer Auffälligkeiten in Behandlung sind, „findet nur ein Bruchteil der Betroffenen überhaupt den Weg zum Fachmann“, schreibt Martin Spiewak in seinem Artikel „Die Not ist riesengroß“ in der ZEIT. Hier wäre es im Sinne einer angemessenen Förderung der Schüler zunächst wichtig, diagnostische Maßnahmen anzustoßen.

Eltern ratlos

Eltern-Statements zeigen, dass nicht nur der Umgang mit Unterrichtsstörungen, sondern auch die Elternarbeit im Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten viel Konfliktpotenzial birgt: „Er ist ein intelligenter Junge, lebhaft, mit Temperament. Aber er hat niemandem irgendwie wehgetan“, sagt der Vater von David im Interview mit Report Mainz (Link s. o.). Und der Vater von Mads (Vgl. „Ein Kind sieht rot“, Artikel von Gabriele Keller in der taz) meint, die Lehrer machten es sich zu leicht, „zu unserer Zeit wurde durchgegriffen. Da hat man auch schon mal eine Ohrfeige bekommen.“ — Manche Eltern verhaltensauffälliger Schüler wollen nicht wahrhaben, dass ihr Kind krank ist oder besondere Unterstützung braucht und wieder andere delegieren ihre Erziehungsverantwortung an die Schule. Hinzu kommen womöglich noch die Einwände der Eltern der „normalen“ Schüler in der Klasse, die Nachteile für ihre Kinder befürchten.

Letztlich liegen die Ursachen für die meisten dieser Konflikte aber in fehlenden strukturellen Ressourcen für eine konsequente Inklusion, die auch Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf einschließt.

Verhaltensauffällige Kinder inkludieren: Voraussetzungen

In Berlin erfolgt die sonderpädagogische Förderung im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung überwiegend innerhalb der allgemeinen Schulen. Doch ist das der richtige Weg? Das untersuchte Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz im Rahmen einer mehrjährigen Erhebung im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung. In seinem 2005 veröffentlichten Forschungsbericht zeigt er, dass die Förderung verhaltensschwieriger Schülerinnen und Schüler an Regelschulen gelingt, wenn sie „durch systemisch angelegte pädagogische und bildungspolitische Maßnahmen“ begleitet wird, schreibt Dr. Brigitte Schumann in ihrem Artikel „Inklusion ja — aber nicht für alle“.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Kernaussagen:

  • Ein „entwicklungsförderlicher Unterricht“ sollte Verhaltensschwierigkeiten als „Beziehungs- und Kommunikationsstörungen“ begreifen,
  • ein „schülerorientiertes, differenziertes Lernen mit klaren Aufgabenstellungen und in strukturierten Abläufen“ ermöglichen,
  • Freundschaften und Peerbeziehungen miteinbeziehen
  • und Lernen in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen ermöglichen.
  • Eine Doppelbesetzung und die Verstärkung von aufgabenbezogenem Verhalten verringert Unterrichtsstörungen.
  • Klassenstärken von maximal 20 (Primarbereich) beziehungsweise 25 Schülern (Sekundarbereich) beeinflussen das Klassenklima positiv.
  • Für Schüler in Krisensituationen sollte ein sozialpädagogisches Angebot „zur kurzfristigen Entspannung durch eine Trennung vom Klassenunterricht“ zur Verfügung stehen.

Besonders wichtig ist die Vernetzung der Schulen „mit allen Hilfereinrichtungen und Diensten (…), die die Situation der verhaltensauffälligen Kinder unter Einbeziehung des familiären Umfeldes verbessern helfen“, hebt Schumann hervor. Diese sollten „die Schulen in ihrer inklusiven Schulentwicklung mit konzeptionellem Know-how begleiten, Lehrerinnen und Lehrer fortbilden und beraten, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern bei der Konfliktbewältigung mit einer ganzheitlichen Hilfeplanung unterstützen und konkrete Hilfen bei notwendiger Krisen- und Gewaltintervention anbieten und umsetzen.“ Immer sollten die Kinder und Jugendlichen „Schülerinnen und Schüler ihrer Schule bleiben“, selbst „bei extremen Problemen, die eine temporäre Therapie und Betreuung außerhalb der Schule“ erfordern.

Für eine „Kindorientierung, die auch in Krisen nicht endet“, und dafür, dass die „Haltefähigkeit einer Institution“ zum Qualitätskriterium wird, plädiert auch Prof. Dr. Jörg M. Fegert. Wenngleich der ärztliche Direktor am Universitätsklinikum in Ulm mit seiner Kritik auf die Timeout-Praxis in der Schweiz zielt, so sind doch die Parallelen zu Ausschulungsfällen in deutschen Schulen offensichtlich. In jedem Fall ist verhaltensschwierigen Schülern zu wünschen, dass sie in eine in diesem Sinne „gute Einrichtung“ geraten, „die im Stande ist, auch die schwierigsten Kinder mitzutragen und zu fördern“ (ebd.).

Martina Niekrawietz

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