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Bildungsbedarf

Antisemitismus und Nahostkonflikt: Das sollten Sie wissen

Zum Thema des historischen Antisemitismus gibt es eine Fülle von Bildungsangeboten für Jugendliche und Lehrkräfte. Dringender Nachholbedarf besteht dagegen beim Thema Nahostkonflikt. Denn dieser ist zur neuen Folie für antisemitische Vorurteile geworden.

Bildungsbedarf: Antisemitismus und Nahostkonflikt: Das sollten Sie wissen Wird Schülern das Thema "Nahostkonflikt" früh vermittelt, lassen sich Vorurteile vermeiden © Christian Schwier - Fotolia.com

Über den Nahostkonflikt wissen viele Menschen nur wenig. Gleichzeitig scheint die Verurteilung Israels als Konfliktpartei den Mainstream zu bilden. Dr. Wolfgang Geiger, Gymnasiallehrer und Mitarbeiter der gemeinsamen pädagogischen Abteilung des Fritz-Bauer-Instituts und Jüdischen Museums in Frankfurt, bringt diesen Widerspruch mit der Last der deutschen Vergangenheit in Verbindung: „Die Opfer/Täter-Problematik prägt auch unser Verhältnis zum Thema Israel, dessen Schwierigkeit durch vorschnelle und überzogene Reaktionen nur überspielt werden soll“, schreibt Geiger in der Zeitschrift „Begegnungen“.
Wird normalerweise die Gegenwart aus der historischen Entwicklung erklärt, beobachtet der Studienrat beim Thema Israel den umgekehrten Fall: „Im Rückblick erscheint die ganze Vorgeschichte der Gründung Israels nichts als eine linear in das Ergebnis mündende Abfolge kausaler Verkettungen und diese wiederum als das Resultat zielgerichteter Planung: nämlich des Projekts der Gründung des Herzlschen „Judenstaates“. Entspricht das Ergebnis nicht augenscheinlich völlig der Zielsetzung des Zionismus?“, fragt Geiger provokant. Im Anschluss erläutert er, dass der Nahostkonflikt durch die jüdische Besiedelung Palästinas keinesfalls vorprogrammiert gewesen sei. Er sei aus einer vielschichtigen Gemengelage, an der auch Europa und die arabische Welt Verantwortung tragen, entstanden.

Kritik an Israel bedient sich antisemitischer Stereotype

Aus den Lehrplänen und Schulbüchern in den meisten Bundesländern sei der „alte Nahostkonflikt“ dem Thema „Islamismus“ gewichen, kritisiert Geiger. Dies hat sich laut Nachfrage beim Autor inzwischen zwar wieder geändert, aber der Informationsbedarf zum Thema Nahost scheint keinesfalls gedeckt. Vor allem angesichts der Bedeutung des sich radikalisierenden Konflikts als Hintergrund für Antisemitismus: Laut Antisemitismusstudie der Bundesregierung ist Israelkritik ohne antisemitische Bezüge durchaus nachweisbar. Aber weit häufiger bedient sich scheinbar objektive Kritik antisemitischer Stereotype.

Weiterführende Links:

Der Artikel von Wolfgang Geiger zum Thema „Zwischen Scham und Vorurteil: Das Thema Israel im Schulunterricht - und nicht nur da“ (aus: „Begegnungen – Zeitschrift für Kirche und Judentum“, Nr. 3/2005) ist hier einsehbar.

Hier findet sich ein weiterer Artikel von Wolfgang Geiger zum Thema "Privilegien, Verfolgung, Vertreibung ...: Der Anti-Antisemitismus und die Macht der Vorurteile – Erfahrungen eines Lehrers.“

Der Antisemitismusbericht der Bundesregierung ist online abrufbar.

Eine Analyse von Vorurteilen in verschiedenen Gruppen von Jugendlichen und Handlungsempfehlungen für Pädagoginnen und Pädagogen hat die Amadeu-Antonio-Stiftung veröffentlicht.

Auf der Website www.historia-interculturalis.de empfiehlt Wolfgang Geiger interessante Links zum Thema Israel und Palästina.

Forscher am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und  Gewaltforschung der Universität Bielefeld erheben regelmäßig Daten zum Antisemitismus in Deutschland und werten sie aus. Für 2008 und 2010 ergibt sich eine „deutliche Ausprägung“ für folgende Zusammenhänge, zitiert in der Antisemitismusstudie: „Wer die israelische und die nationalsozialistische Politik gleichsetzt, wer Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führen sieht und Verständnis dafür äußert, dass Juden allgemein wegen der israelischen Politik in Haftung genommen werden, der neigt gleichzeitig dazu, an einen zu großen jüdischen Einfluss zu glauben, Juden Mitschuld an ihren Verfolgungen zu geben und dem Statement zuzustimmen, dass sie Vorteile aus dem Holocaust zögen.“

Antisemitismus ist kein muslimisches Problem

Verbreitet ist Antisemitismus nicht nur in der Form von Erinnerungsabwehr („sekundärer Antisemitismus“). Auch antizionistische Haltungen und Verschwörungstheorien spielen eine Rolle unter Jugendlichen. Muslimische Jugendliche mit Bezügen zum arabischen Raum können über Familienmitglieder oder Medien radikalen, antisemitischen Sichtweisen ausgesetzt sein, wie sie sich etwa in Vernichtungsphantasien gegenüber Israel ausdrücken. Präventionskonzepte speziell für muslimisch sozialisierte Jugendliche in Deutschland entwickelt unter anderem die „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“. Schulen und Lehrkräfte finden dort nicht nur Informationen und Unterrichtsmaterialien, sondern auch Unterstützung bei der Suche nach passenden Lehrer-Fortbildungen.

Im Antisemitismusbericht der Bundesregierung wird allerdings vor der Konstruktion eines muslimischen Antisemitismus gewarnt. Einen „monokausalen“ Zusammenhang zwischen Herkunft und Antisemitismus sehen die Autoren nicht. Ihre erschreckende Erkenntnis: Antisemitismus ist in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft verankert. Das Phänomen könne demnach nur gesamtgesellschaftlich betrachten werden: Bei muslimischen Jugendlichen können nicht zuletzt eigene Diskriminierungserfahrungen zu einer Öffnung gegenüber radikalen Positionen beitragen. Antisemitische Straftaten von Islamisten seien marginal gegenüber jenen, die von Rechtsextremisten verübt würden.

Über einen sinnvollen Umgang mit antisemitischen Stereotypen informiert die Amadeu-Antonio-Stiftung. Präventionsarbeit kann aber auch bedeuten, die vereinfachenden Täter-Opfer-Bilder in den Köpfen mit historischen Realitäten zu ersetzen. In vielen Schulbüchern werde die europäisch-jüdische Geschichte vor allem anhand antisemitischer Vorurteile erzählt, kritisiert Romanist und Historiker Wolfgang Geiger in einem weiteren Artikel. Dabei seien Juden keinesfalls kontinuierlich in der Opferrolle gewesen, sondern vor allem gleichberechtigte Bürger.

Angelika Calmez


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