Fach/Thema/Bereich wählen
Sprachstandserhebungen

Deutsch als Zweitsprache: Wenden Sie die richtigen Tests an

Wie weit sind die Schüler sprachlich wirklich? Sprachtests im Lauf der Grundschule und der Sekundarstufe I helfen, Lese- und Rechtschreibschwächen zu erkennen. Für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, gelten jedoch oft andere Kritierien. Sprachdidaktiker Stefan Jeuk erklärt, worauf es bei ihnen ankommt.

Sprachstandserhebungen: Deutsch als Zweitsprache: Wenden Sie die richtigen Tests an Sprachtests, die familiäre Situation und eine langristige Lernbeobachtung sind wichtige Kriterien für die Empfehlung in eine Förderklasse © Woodapple - Fotolia.com

Sprachstandserhebungen beziehen sich in der Regel auf Kompetenzvergleiche innerhalb einer bestimmten Altersgruppe. „Bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache scheiden Altersvergleiche allerdings aus“, sagt Stefan Jeuk, Leiter des Sprachdidaktischen Zentrums der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Denn: Diese Kinder sind jeweils in unterschiedlichem Alter zum ersten Mal mit der deutschen Sprache in Kontakt gekommen. Daher verläuft die Aneignung des Deutschen in sehr verschiedenen Zeitverläufen. Oft sind innerhalb einer Schulklasse Kinder, die schon seit Jahren Deutsch lernen und solche, die gerade erst damit anfangen. Die Lerndauer kann sehr unterschiedlich sein. Nicht zuletzt wirken die verschiedenen Erstsprachen unterschiedlich auf das Sprechen ein. So neigen dem Pädagogen zufolge türkischsprachige Kinder in der frühen Deutschlernphase dazu, den Artikel ganz auszulassen, italienischsprachige hingegen gebrauchen eher das falsche Genus.
Einen Zusammenhang zwischen Schwächen in Deutsch und solchen in der Erstsprache sieht Jeuk nicht. Selbst für herkunftssprachliche Fachkräfte sei es schwierig, herauszufinden, ob ein Kind in seiner Erstsprache Entwicklungsverzögerungen zeige: „Natürlich können zum Beispiel italienische Kinder, die Lesen und Schreiben auf Deutsch gelernt haben, schlechter italienisch als Kinder, die in Italien aufgewachsen sind. Es ist völlig normal, dass diese Kinder besser deutsch lesen als italienisch. Schließlich haben sie ja eine deutsche Schule besucht und keine italienische.“, betont der Wissenschaftler.

Literatur zum Thema:

Jeuk, Stefan: Beobachtung des Zweitspracherwerbs im Anfangsunterricht - Schwerpunkt Grammatik. In: Grundschule Deutsch 14, 2/07, S. 38-39 (ausführliche Fassung und Beobachtungsbogen auf CD-Rom).

Kriterienbezogene Tests notwendig

Sprachliche Kompetenzen müssen bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache kriterienbezogen getestet werden. Aber bisher ist das in Baden-Württemberg entwickelte „LiSe-DaZ“ (Linguistische Sprachstandserhebung - Deutsch als Zweitsprache) das einzige normierte Verfahren. Zudem ist das Verfahren kompliziert: Nur testpsychologisch ausgebildete Fachleute können die Schüler damit testen. Stefan Jeuk empfiehlt informelle Sprachtests, die auf die jeweiligen individuellen Voraussetzungen Rücksicht nehmen. Sie sollten die Kompetenzen einbeziehen, die ein Kind benötigt, um dem Unterricht zu folgen. Optimal sei ein „integriertes Vorgehen“, also Tests, die auf die im Unterricht verwendeten Lehrwerke abgestimmt sind.

Ein Testergebnis allein sollte aber niemals ausschlaggebend sein für die Empfehlung in eine Förderklasse. Die familiäre Situation und eine langristige Lernbeobachtung des Kindes sind ebenso wichtige Kriterien.„Gängige Tests wollen objektiv sein und schließen Alltagssituationen aus. Aber gerade in der Alltagssprache zeigt sich der Förderbedarf“, sagt Jeuk. Er selbst hat ein Sprachstandsverfahren für mehrsprachige Kinder mitentwickelt, das in den Unterricht integrierbar ist (vgl. Literatur zum Thema).

Link zum Thema:

In seiner Publikation „Sprachstandsfeststellung bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache“ beschreibt Stefan Jeuk mehrere Sprachstandsfeststellungsverfahren. Zwei davon empfiehlt er als geeignet für DaZ-Kinder und während des Unterrichts anwendbar.

Diese Maßnahmen helfen bei einer differenzierteren Einschätzung

1. Manche Eltern stellen ihre Kinder mit Druck auf die Sprachstandserhebung ein. „Du musst das jetzt können!“ Kein Wunder, dass die Angst vor Fehlern Kinder verstummen lässt. Abhilfe könnte ein Flyer für die Eltern bieten, der nicht nur Sinn und Zweck des Tests erklärt, sondern auch, wie die Eltern ihre Kinder sinnvoll darauf vorbereiten können. 

2. Testverfahren anwenden, die auf Deutsch als Zweitsprache abzielen. Stefan Jeuk zählt einige Verfahren auf, die man in Regelklassen verwenden und immer wieder zur Überprüfung einsetzen kann (vgl. Link zum Thema)

3. Selbst Kenntnisse in „Deutsch als Zweitsprache“ erwerben.

4. Persönlichen Kontakt zu den Eltern pflegen, um den familiären Hintergrund kennenzulernen. 

5. Sprachstandserhebungen gemeinsam mit herkunftssprachlichen Fachkräften durchführen.

6. Bei Zweifeln am Sprachverhalten eines Kindes eine fachkundige Kollegin oder einen Kollegen am Unterricht teilhaben lassen.

7. Insbesondere zu stillen Kindern ein Vertrauensverhältnis schaffen, herausfinden, womit man ihr Interesse wecken kann und die sprachliche Entwicklung bewusst in verschiedenen Alltagssituationen beobachten.

8. Herkunftssprachliche Netzwerke pflegen und bei Zweifeln an der Sprachfähigkeit Expertise von außen einholen. In Frage kommen zum Beispiel kommunale „Integrationsbeiräte“, „Ausländerbeiräte“ „Integrationslotsen“ oder Elternvereine.

Angelika Calmez


Mehr zu Ratgeber Migration
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×