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Ramadan

Fastende Schüler — was tun?

Wenn Schüler vier Wochen lang tagsüber nicht essen und trinken, dann ist das eine hohe körperliche Belastung, die sich auch auf die Schule auswirkt. Deshalb sollten sich Lehrer und Schule dazu positionieren.

Ramadan: Fastende Schüler — was tun? Fastende Schüler warten auf den Abend, wenn die erste Dattel gegessen werden darf © Afrika Studio - stock.adobe.com

WDR-Reporterin Janina testet es im Selbstversuch: Einen Tag lang fastet die junge Frau nach den Regeln gläubiger Muslime im Ramadan. In einem aufschlussreichen 5-Minuten-Video dokumentiert sie ihren freiwilligen Fastentag. Der Bürotag mit den normal essenden und vor allem trinkenden Kollegen wird zum Spießrutenlauf: Alle haben eine Wasserflasche auf dem Schreibtisch, Janinas Mund ist trocken. Wassermelone, Schokolade naschen, Kaffee trinken, mittags essen gehen — fällt für Janina aus. 11:00 Uhr: Noch geht es ganz gut, aber Janina muss die ganze Zeit an Wasser denken. Der Verzicht fällt schwer und die Kräfte lassen nach. 15:45: Der Magen knurrt, sie ist müde, hat Durst und will schlafen.

19:00 Uhr: Janina hat sich nach der Arbeit hingelegt und drei Stunden geschlafen. Sie hat starke Kopfschmerzen, die sich auch nicht legen, als sie abends um 21:48 Uhr bei Sonnenuntergang mit einem syrischen Ehepaar ihr Fasten bricht.

Und wie geht es Feras, der gerade einen Deutschkurs besucht? „Ich merke manchmal, die Lehrerin redet, redet und redet, und es kommt nicht in meinen Kopf“, sagt der junge Mann. Auch Janina hat dieses Problem heute kennengelernt.

Wenn schon gesunde Erwachsene gesundheitliche Beschwerden und Konzentrations-Schwierigkeiten haben, wie mag es dann erst Kindern und Jugendlichen gehen, die im Ramadan fasten?

Kinder- und Jugendärzte: Fasten für Schüler ungesund

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken zu dürfen, das halten Mediziner für „ungesund und schädlich“, was besonders für „den Verzicht auf Flüssigkeit“ gilt. „Wir sehen während des Ramadan immer wieder sehr blasse und unkonzentrierte Kinder. Manche kommen gleich aus der Schule zu uns, sie werden uns vorgestellt, weil sie ‚zusammengeklappt‘ sind, weil sie starke Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen haben“, sagt Dr. Thomas Fischbach, der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), auf der BVKJ-Website.
Das Fasten über den ganzen Tag gefährde nicht nur die Gesundheit, sondern auch die schulischen Leistungen. Hinzu käme, dass die Kinder „ihren normalen Schlaf nicht bekommen“: Nach Sonnenuntergang werde ausgiebig gekocht und gegessen, und „morgens sind die Kinder todmüde“ (ebd.). Eine „höchst ungesunde Zeit“ sei der Ramadan für chronisch kranke Kinder, zum Beispiel Diabetiker oder Schüler mit angeborenem Herzfehler.

Die Ärzte appellieren ausdrücklich an die muslimischen Eltern, dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche ausreichend trinken, insbesondere beim Sport oder Spielen im Freien. Der Ramadan könne jedoch dazu genutzt werden, um von zuckerhaltigen Getränken „auf gesundes Wasser“ umzustellen.

Klare Haltung im Kollegium finden

Grundsätzlich dürfen Lehrer in die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit der Schüler nicht eingreifen. Doch wie sollen sich Lehrkräfte verhalten, wenn sie bemerken,

  • dass bereits Grundschüler fasten?
  • dass Schüler gesundheitlich angeschlagen oder müde sind?
  • dass die schulische Leistungsfähigkeit sichtbar nachlässt und wichtige Prüfungen oder Schulabschlüsse leiden?
  • dass Schüler am Sportunterricht oder an Klassenfahrten nicht teilnehmen können?
  • dass muslimische Schüler, die nicht fasten, gemobbt werden?

Solche Fragen sollten — grundsätzlich und im Vorfeld der Fastenzeit — im Kollegium besprochen werden. Wichtig ist, dass Schulleitung und Lehrkräfte einzelne Szenarien durchsprechen, mögliche Vorgehensweisen erörtern und eine klare Linie finden: Wenn möglich, sollten dabei auch Schulbehörde und Eltern muslimischen Glaubens ins Boot geholt werden.

Auf schulbehördlicher Ebene initiierte im Jahr 2017 die heutige Familienministerin Franziska Giffey eine solche Absprache zwischen Neuköllner Vereinen, Schulvertretern und Moscheen, als sie noch Bürgermeisterin des Berliner Bezirks war. Daraus entstanden ist eine Handreichung „für Schüler, Lehrer, Eltern und Moscheen“: „Ramadan und Schule. Neuköllner Empfehlung“, die als Gesprächsgrundlage für einen runden Tisch dienen kann.

Die 12 Hinweise der „Neuköllner Empfehlung“

„Wie können religiöse und schulische Pflichten während des Ramadans in Einklang gebracht werden?“ — Dieser grundlegenden Frage widmen sich die zwölf Hinweise, die auf der Website des Bezirksamts Neukölln zum Download stehen. Franziska Giffey betont (ebd.) allerdings auch, dass es sich dabei lediglich um einen „Minimalkonsens“ handelt. So wird zum Beispiel nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass auch Kinder fasten. Dazu heißt es:

„2. Das Alter, ab dem gefastet werden sollte, ist nicht eindeutig festgelegt. Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen unter Islamexperten, ab wann gefastet werden sollte.“

„5. Im Monat Ramadan ist der Alltag anders, so dass Kinder am Fasten und Fastenbrechen teilhaben möchten.“ Und etwas später:

„8. Im Grundschulalter beginnt — soweit das Kind dies wünscht — das Heranführen des Kindes an das Fasten. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Kinder und Jugendliche, die fasten wollen, sollten etwas zu essen und zu trinken mit in die Schule nehmen. Sie sollen das Fasten unterbrechen können, wenn gesundheitliche Probleme auftreten.“

Es gibt also beim Fasten keine Altersgrenze nach unten, und auch abgeschwächte Formen des Fastens, zum Beispiel generell mit der Erlaubnis zu trinken, sind nicht vorgesehen.

Immerhin jedoch finden sich auch Aussagen wie „Eine gesundheitliche Gefährdung des Kindes oder Jugendlichen ist nicht im Sinne des Islam“ oder „Lernen ist für Kinder und Jugendliche schwere Arbeit — wer arbeitet, für den oder die gibt es religiös begründete Ausnahmen“, oder auch den ausdrücklichen Hinweis „Fasten heißt (...) nicht, die Teilnahme am Sportunterricht zu verweigern“. (ebd.)

Fasten als Challenge wie im Videospiel

Mansur Seddiqzai, Gymnasiallehrer mit afghanischen Wurzeln, sieht in der „Neuköllner Empfehlung“ einen „Leitfaden“, der „in vielen migrantischen Vierteln“ übernommen werden könnte. (Vgl. dazu: „Fasten, immer weiter fasten“ in: ZEIT ONLINE, 12.Juni 2018). Die Hinweise der Handreichung geben seiner Erfahrung nach „Orientierung über eine mögliche Gesundheitsgefährdung und darüber, dass Gesundheit, Benehmen und Unterricht Vorrang vor dem Ramadan haben.“

Er beobachtet bei seinen Schülern sehr unterschiedliche Auffassungen bezüglich des Fastens im Ramadan: Manche setzen vor Klausuren das Fasten aus und fasten die verpassten Tage nach. Viele wollten „aber unbedingt die strikten Regeln durchstehen“. Wie in einem Videospiel gehe es ihnen „allein um den Schwierigkeitsgrad“, wobei „das härteste Level (...) das islamische“ sei. Mansur Seddiqzai, der auch islamischen Religionsunterricht erteilt, redet mit diesen Schülern darüber, „was Verzicht wirklich bedeuten kann“ und versucht ihnen „nahezubringen, dass schlechte Gewohnheiten oft schwerer abzuschütteln sind, als auf Essen und Trinken zu verzichten“ (ebd.). — Das Fasten im Religionsunterricht thematisieren und reflektieren — auch das kann dabei helfen, Konflikte zu entschärfen.

Dass schon Kinder fasten, komme eher selten vor, berichtet Mansur Seddiqzai. Um gesundheitlichen Schaden von ihren Kindern abzuwenden, erlaubten die meisten Eltern „wenn überhaupt, nur den halben Tag, einen Tag in der Woche oder am Wochenende zu fasten“. Und wenn Eltern ihre Kinder „doch durchfasten lassen“, empfiehlt der Pädagoge Lehrkräften „dringend das Gespräch zu suchen“.  

Grundschulen: Fastenverbote wenig sinnvoll

Auch viele Schüler von Barbara Jürgens-Streicher fasten. (Vgl. dazu auf der Website rbb24 die Zusammenfassung des Beitrags in der Sendung Radioeins vom 16.05.2018 „Wir wissen, dass das Fasten für Kinder nicht gesund ist“)

Die Konrektorin an der Kreuzberger Jens-Nydahl-Grundschule hält eine deutliche „Ablehnung des Fastens von Seiten der Schule“ für „kontraproduktiv“, denn Verbote würden ihrer Meinung nach nur zu Trotzreaktionen führen. Sie versuche an ihrer Schule, mit dem Fasten „soweit [sic!] wie möglich respektvoll umzugehen“, andererseits aber den Kindern zu vermitteln: „Es gibt bestimmte Regeln, die du trotzdem einhalten musst. Beispielsweise wenn wir einen Ausflug machen — dann geht es nicht, dass Du fastest. Dann können wir dich nicht mitnehmen.“ Zudem müssten Eltern ihre Kinder, denen es nicht gut gehe, aus der Schule abholen. Wenngleich die Schulleiterin fastenden Familien versucht entgegenzukommen, so will sie doch „eigene Positionen nicht aufgeben“. Wenn es dann mit den Eltern Konflikte gebe, könnten „türkisch- oder arabischstämmige Mitarbeiter (...) sehr gut vermitteln“.

Auf der Website des rbb24 steht übrigens auch ein Downloadlink zur informativen Broschüre „Islam und Schule — Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer an Berliner Schulen“. Hier heißt es (S. 8): „Minderjährige sollten vom Fasten abgehalten werden.“ Die Autoren raten jedoch, die Konfrontation zu vermeiden und einen Mittelweg zu gehen: Die Kinder ließen sich am besten überzeugen, „wenn ihre Absicht gewürdigt“ werde, dabei jedoch „eine abgeschwächte Form des Fastens“ empfohlen werde.

Martina Niekrawietz

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