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Identitätsbildung

Kreativer Musikunterricht: Sprachförderung für Migrantenkinder

In der „6a“ der Lassalle-Realschule Köln lernen Kinder mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam einen kreativen Umgang mit der deutschen Sprache – im Musikunterricht. Die Musikpädagogin Marjiana Vuko will so die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung der Schüler fördern.

Identitätsbildung: Kreativer Musikunterricht: Sprachförderung für Migrantenkinder Gute Laune, kreative Ideen: Marjiana Vuko übt mit den Schülern der Klasse "6a" die Melodie des Teamsongs ein © Angelika Calmez

In der rechten Hand einen Trommelschlegel, den Zeigefinger der linken vor den Lippen, steht Marjiana Vuko vor der Klasse 6a. Seit Minuten wird in den u-förmigen Sitzreihen mit Jacken geraschelt, mit Stühlen gerückt, gekichert. Lautstarke Kommentare fliegen zwischen dreißig Kindern hin- und her. Ein fester Schlag auf die Conga neben dem Lehrertisch lässt den Lärmpegel deutlich abebben. "Pschschscht", macht Frau Vuko, eine zierliche Person mit langem braunem Haar.
Es ist ein ganz normaler Mittwochvormittag an der Realschule Lassallestraße in Köln-Mülheim. Der gläserne Eingangsbereich ist freundlich mit Plakaten ausgestaltet. Auf einem steht: "Berufe: Eins, zwei, drei - alle Wege sind frei. Hartz IV: Sechs, fünf, vier - geschlossen ist die Tür". Mülheim gilt als ein Bezirk, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und sozialer Bedürftigkeit. Die meisten Schüler in der Realschule Lassallestraße bekommen Förderunterricht in Deutsch. Auf den Ausgleich eventueller Schreibschwächen kommt es in der heutigen Musikstunde bei Frau Vuko allerdings überhaupt nicht an - obwohl es um Sprache geht.
"Jetzt sind eure Ideen gefragt", erhebt Frau Vuko freundlich ihre Stimme, "keine Angst vor Fehlern!" Zum Einstieg stellt sie Fragen, die Kinder heben zur Antwort ihren Arm. "Wer mag Mathe?", ruft sie. Einige Jungen- und Mädchenarme schießen nach oben. "Wer kann stricken?" Kichern. Dann werden assoziative Wortketten gebildet: Blubb - Tisch - Bauer - Schubkarre... Schließlich die letzte Aufgabe: "Reim' dich oder ich schlag' dich. Das ist ja eigentlich negativ gemeint. Bei uns ist das positiv", ermuntert die gut gelaunte Pädagogin ihre Klasse. "Benutzt die deutschen Wörter wie Spielsachen!" Sie wirft Wörter in den Raum, die Kinder werfen ihre Einfälle zurück wie ein lustiges Echo: Liebe - Diebe, Cello - Marshmellow.

Den Teamgeist stärken

"Mittels solcher Übungen werden sich die Kinder darüber klar, dass sie etwas über sich erzählen können", erklärt Marijana Vuko. Gerade arbeiten die Schüler in Kleingruppen und die 38-Jährige findet ein paar Minuten Zeit, um über ihren Unterricht zu sprechen. "Gruppenarbeit stärkt den Teamgeist", sagt sie. Heute texten die Kinder einen "Teamsong" für ihre Klasse. Dafür haben sich die Gruppen im Raum und auf dem Gang verteilt. Jede Gruppe macht einen Songvorschlag. "Scouts" werden hin- und hergeschickt, um herauszufinden, wer in der Klasse zu welcher Textzeile passt. Ein Junge in violettem T-Shirt nähert sich einem Grüppchen am Tisch. "Nikita, sind Zahlen dein Revier?" Nikita schüttelt den Kopf. – "Schade!" Dann kommt der Junge zur Lehrerin: "Kann ich statt `Bass´‚ das Wort `Trommeln´ nehmen?" "Du kannst alles nehmen", sagt Frau Vuko.

Kreative Textarbeit als Vorbereitung auf Bühnenauftritte gehört für die Pädagogin unbedingt dazu. Damit will sie die Kinder aus der Konsumhaltung locken, ihnen die Angst vor Fehlern nehmen. "Wenn die Ideen nur so sprudeln, hab' ich das Gefühl, sie sind angeknipst", freut sie sich. Dabei blättert sie in ihrer Liedermappe, lauter von Schülern getextete Songs. "Die schönsten Momente sind die, wenn die Kinder auf der Bühne wirklich über sich hinauswachsen."

Genussvoll die eigene Individualität ausdrücken

Die Pädagogin und Musikerin ist selbst zweisprachig aufgewachsen, hat ein kroatisch-deutsches Bandprojekt. "Beim Texten eignen sich die Kinder Sprache an und machen sie zu ihrer Sprache", erklärt sie mit Nachdruck in der Stimme, der Musikunterricht trage viel zur Sprach- und Persönlichkeitsentwicklung bei.

Weiterführende Informationen:

Marijana Vuko ist Lieder-macherin und Vertretungs-lehrerin für Musik. Daneben veranstaltet sie Lieder-Workshops für Lehrer und Erzieher sowie theater-pädaogische Sprachförderung für Migrantenkinder. Ihr von Schülern getexteter Song "Quatschgeburtstag" war eines unter 15 Gewinnerliedern des WDR-Kinderliederwettbewerbs 2010.

Mehr zu Marjiana Vuko gibt es auf den Websites der Liedermacherin: www.band-janus.de und www.janandi.de

"Im Deutschunterricht wird die die Sprache seziert, in Verben, Substantive, etc. Dabei braucht es doch gerade den genussvollen Umgang mit Sprache, um eigene Ideen, Visionen, Individualität auszudrücken!" Wie viele Musikpädagogen in ganz Deutschland fürchtet auch Marijana Vuko um den Stellenwert ihres Faches. "Obwohl man in Musik so viel machen kann, steht das Fach ganz hinten auf der Prioritätenliste", empört sie sich, schon auf dem Weg, um den Schülern der nächsten Kleingruppe über die Schultern zu schauen.

Einige Jungs liegen bäuchlings auf der Bühne, zu der sich der Musikraum hin öffnet. "Wir machen hier unten Freestyle!", ruft einer in schwarzer Trainingsjacke. Ein paar Minuten später ist es mucksmäuschenstill im Raum. Die Jungs stehen vorn am Bühnenrand und rappen ihr Ergebnis vor:

"Wir sind die 6a
Und haben immer Fun
Trotzdem ist Sascha* mit den Störungstexten dran."

Was auch immer die "Störungstexte" bedeuten, momentan lösen sie in der Klasse nichts als Gelächter aus. "Selbst zu texten macht Spaß", sagt ein Mädchen aus der letzten Reihe, und lächelt. Frau Vuko sammelt die Texte ein. "Aus den Vorschlägen schreibe ich euch einen Song", ruft sie. Bevor es klingelt, will die Klasse noch einmal singen: "Köln ist nicht perfekt, Köln ist einfach korrekt." Keiner braucht ein Textblatt. Als alle draußen sind und auch Frau Vuko ihre Gitarre weggelegt hat, bleibt nur noch ein Junge im Raum. Emanuele heißt er. "Wenn wir eigene Texte machen, finde ich gut, dass ich mit meinen Freunden Musik machen kann", sagt er schüchtern. Nur ein bisschen mehr Zeit für die Gruppenarbeit wünscht er sich, um noch bessere Einfälle zu finden.

* Name von der Redaktion geändert

 

Angelika Calmez


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