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Interkulturelle Kommunikation

Pannen in der Kommunikation mit türkischen Schülern vermeiden

Manche Lehrkräfte fühlen sich im Umgang mit türkischen Jugendlichen verunsichert oder hilflos. Umgekehrt erleben besonders türkische Schüler aus religiös-traditionell geprägten Familien in der Schule Erwachsene, deren Verhalten sie nicht einordnen können. Das führt zu potenziellen Missverständnissen und Konflikten, denen Lehrer am besten mit interkultureller Kompetenz vorbeugen.

Interkulturelle Kommunikation: Pannen in der Kommunikation mit türkischen Schülern vermeiden Kulturell bedingt kann es in der Kommunikation mit türkischen Schülern zu Missverständnissen kommen © farbkombinat - Fotolia.com

Prof. Dr. Ali Ucar lehrt an der TU Berlin Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt interkulturelle Erziehung. Auf der Website Lehrer-info.net berichtet er von einem Erlebnis aus seiner Zeit als Schulpsychologe in Berlin: Eine Lehrerin stellte dem schulpsychologischen Dienst einen Jungen aus einem türkisch sprechenden Elternhaus vor. Sie begründete das damit, dass der Junge passiv und zurückhaltend sei und sich „ohne Aufforderung“ kaum am Unterricht beteiligte. „Wenn ich mit ihm rede, schaut er mir kaum in die Augen. Seine Blicke gehen meistens nach unten. Er verhält sich so, als ob er von seinen Eltern geprügelt wird“, erzählt sie und hält den Jungen daher auch noch für unsicher und ängstlich. Ihre Diagnose: „Er ist lern- und verhaltensauffällig.“

Ali Ucar untersucht den Jungen und kommt zu einem völlig anderen Ergebnis: Er verhalte sich „eigentlich normgerecht“ entsprechend seiner religiös-bäuerlich geprägten traditionellen Familie. Dort bedeute „das Verhalten ‚nicht in die Augen von Erwachsenen — insbesondere in die Augen von Frauen — zu schauen‘, eine Dimension von RESPEKT.“

Missverständlicher Blickkontakt

Dass deutsche Lehrerinnen und manchmal auch Lehrer das Wegsehen eines türkischen Schülers fehlinterpretieren, führt in der Schulpraxis nicht nur zu falschen Etikettierungen der Schüler, sondern auch zu Konflikten, wie in einem ganz ähnlichen Fall, den die Autoren der Broschüre „Achtsamkeit und Anerkennung. Materialien zur Förderung des Sozialverhaltens in den Klassen 5 – 9“ schildern: „Schau‘ mich an, wenn ich mit dir rede“, sagt da die Lehrerin zu einem Siebtklässler. Doch diese Äußerung wirkt offenbar eher kontraproduktiv, denn der Junge wendet sich daraufhin brüsk ab und verlässt den Raum mit einem pampigen: „Lassen Sie mich doch bloß in Ruhe.“ (ebd., S. 70) — Der türkische Schüler wollte mit seinem Verhalten vermeiden, seine Lehrerin zu provozieren, hat damit aber genau den gegenteiligen Effekt erzielt. Deshalb fühlt er sich nun ungerecht behandelt.

Doch wie lassen sich solche Pannen in der interkulturellen Kommunikation vermeiden? Zunächst ist es wichtig, „kulturspezifische Deutungsmuster türkischer Jugendlicher im Umgang mit Lehrerinnen und Lehrern“ zu erkennen und ihnen gelassen zu begegnen. Dann sollte man den Schülern „den Unterschied zwischen der türkischen und der deutschen Umgangsweise mit Blickkontakten erläutern (…) [und] ihnen darlegen, dass beide Gewohnheiten je nach Situation angemessen sein können“. (Achtsamkeit und Anerkennung, S. 72) Auch sollte man den Schülern unbedingt vermitteln, „dass Respekt nicht gleichzusetzen ist mit Unterordnung, sondern bedeutet, sachlich und höflich miteinander umzugehen“. (ebd.)

Interkulturell angemessene Kommunikation üben

Das gilt ganz besonders für die nonverbalen Botschaften, die wir oft unbewusst senden. Deshalb sollte man die türkischen Schüler zum Beispiel den ungewohnten Blickkontakt üben lassen, etwa mithilfe eines Rollenspiels. Dazu könnten die Schüler einen Jugendlichen darstellen, der sich mit einer Lehrkraft wegen einer „Verfehlung auseinandersetzen, Kritik entgegennehmen und sein Verhalten begründen“ muss. (ebd.)

Geübt werden sollte auch eine Situation, die ganz sicher auf die Jugendlichen zukommen wird: Ein persönliches Bewerbungsgespräch mit einem deutschen Personalleiter oder Chef. Wer seinem Gegenüber dabei nicht in die Augen sieht, hat wahrscheinlich von vornherein verloren. Denn die Vermeidung von Blickkontakt steht auf der Liste der „Don’ts im Vorstellungsgespräch“ ganz oben.

Nachgiebigkeit wirkt kontraproduktiv

Klare Grenzen setzen — auch das ist eine zentrale Empfehlung im Umgang mit türkischen Jugendlichen. Der Grund: Türkische Jugendliche „sind von Haus aus einen eher rigiden Erziehungsstil gewöhnt“, während an deutschen Schulen eine liberalere Linie vertreten wird. Zwar könnten viele Schüler diesen „Balanceakt (…) recht gut bewältigen“, doch vor allem Jungen falle das bisweilen schwer. Besonders dann, wenn „Fehlverhalten nicht unmittelbar und spürbar bestraft“ wird, testen manche Jugendliche die Grenzen provokativ aus. Als Lehrkraft sollte man deshalb unverzüglich reagieren und dabei eine „klare und deutliche Sprache verwenden“, raten die Autoren der Handreichung „Achtsamkeit und Anerkennung“. Bewertende Aussagen wie „Zu Hause verhältst du dich auch nicht so!“ oder „Macht man das auch in der Türkei?“ sind dabei jedoch zu vermeiden. Selbstverständlich ist grundsätzlich auf einen wertschätzenden Ton und auf Gleichbehandlung aller Schüler zu achten, und nicht nur, „weil eine ungleiche Behandlung als Ausländerfeindlichkeit ausgelegt werden kann“. (ebd.)

Lehrerinnen müssen sich durchsetzen

In traditionellen türkischen Familien lernen Jungen, „den weiblichen Bezugspersonen zu widersprechen und deren Aufforderungen nicht nachzukommen“, was bisweilen auch auf den Umgang mit Lehrerinnen übertragen wird. Weibliche Lehrkräfte sollten diesen Kindern und Jugendlichen dann „mit Kompetenz und Autorität“ entgegentreten und zum Beispiel bei einem Machosatz wie „Bei uns zu Hause haben die Männer das Sagen, nicht die Frauen“ entgegnen: „Wir sind aber in der Schule und hier habe ich das Sagen.“ (ebd.)

Martina Niekrawietz

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