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Traumatisierte Flüchtlingskinder: eine Herausforderung für Lehrer

Immer mehr deutsche Schulen nehmen Kinder und Jugendliche auf, die — allein oder mit ihrer Familie — aus ihren Heimatländern vor Krieg, Gewalt und Verfolgung fliehen mussten. Viele der jungen Flüchtlinge sind traumatisiert. Sie brauchen besondere Sicherheit und Unterstützung durch Pädagogen, die für die Problematik sensibilisiert sind.

Hilfsangebote: Traumatisierte Flüchtlingskinder: eine Herausforderung für Lehrer Auch wenn diese Jugendlichen vordergründig fröhlich wirken, können sie doch versteckt unter schweren Traumata leiden © Kzenon - Fotolia.com

Mehr als 170.000 Flüchtlingskinder unter 16 Jahren kamen 2014 nach Deutschland — 58 Prozent mehr als im Vorjahr, berichtete der SPIEGEL am 05.05.2015. Danuta Sacher, die Vorstandsvorsitzende des Kinderhilfswerks Terre des Hommes, wies in einer Pressemitteilung zum Weltflüchtlingstag am 20.06.2015 darauf hin, dass viele der jungen Flüchtlinge „aufgrund von Gewalterfahrungen in ihrer Heimat und auf der Flucht schwere psychische Traumata erlitten“ hätten. Sie seien auf „schnelle und qualifizierte Hilfe angewiesen“, doch leider stünden „zu wenig Einrichtungen und Fachkräfte für die psychotherapeutische Behandlung zur Verfügung“.

Offenbar bleiben Traumatisierungen bei Flüchtlingskindern oft gänzlich unbemerkt, denn Experten von Flüchtlingsorganisationen forderten auf einer Tagung in Hannover Schulungen für Mitarbeiter in Erstaufnahmeeinrichtungen, Erzieher und Lehrer, damit diese überhaupt in der Lage sind, Traumatisierungen zu erkennen (vgl. dazu: „Hilfsangebote für traumatisierte Flüchtlingskinder fehlen“, aerzteblatt.de, 19.06.2015).

Fast die Hälfte der jungen Flüchtlinge ist traumatisiert

Die Wahrscheinlichkeit, dass Flüchtlinge traumatisiert sind, setzen Fachleute bei mindestens 40 Prozent an: Dieter Koch, Psychologe und Geschäftsführer von Xenion geht „von einer Prävalenz von 40—50 Prozent für traumabedingte Erkrankungen bei neu ankommenden Asylbewerbern“ aus. (Vgl. dazu auf der Website paritaet-berlin.de den Beitrag „Viele Flüchtlinge erleben hier ein zweites Trauma“) Und von sogar „40 bis 70 Prozent“ spricht Diplom-Sozialpädagogin und Trauma-Fachberaterin Yvette Karro, die in Schleswig-Holstein zusammen mit vier Kollegen Lehrer für den Umgang mit betroffenen Flüchtlingskindern vorbereitet. (Pinneberger Tagblatt, „Hilfe für traumatisierte Kinder“, 3.06.2015)

Anzeichen für eine Traumatisierung

Die Reaktionen auf eine traumatische Erfahrung sind individuell sehr unterschiedlich: Bei manchen Kindern und Jugendlichen zeigen sich bereits unmittelbar nach dem Ereignis vereinzelte Symptome, andere reagieren erst bis zu mehrere Wochen und sogar Jahre später darauf.
In der Regel äußern sich die Symptome auf vier verschiedenen Ebenen: Auf der

  1. Gefühlsebene (Traurigkeit, Schuld, Angst, Hilflosigkeit, Wut, gedrückte Stimmung …),
  2. Gedankenebene (Verwirrung, Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisstörungen, filmartige Rückblenden, Kontrollverlust …),
  3. Körperebene (Schwindel, Herzklopfen, Übelkeit, Engegefühle, Übersensibilität, Atemlosigkeit, Energiemangel, Müdigkeit, Zittern, Kopfschmerzen, Appetitverlust …)
  4. und auf der Verhaltensebene (sozialer Rückzug, Weinen, Desorientierung, Hektik, Stottern, Aggressivität, Klammern, Schreckhaftigkeit, Teilnahmslosigkeit …). (ebd., S. 2 f.)

Diese und weitere Verhaltensauffälligkeiten deuten entweder auf ein Trauma oder auf eine Traumafolgestörung hin.

Einige der typischen Trauma-Symptome sind vermutlich für die Lehrer der Kinder oder Jugendlichen gar nicht ersichtlich, da sie sich eher im häuslichen Bereich zeigen (z. B. Bettnässen, wiederkehrende Träume oder Angst vor Dunkelheit). Hilfreich wäre es daher, sich mit den Eltern, Pflegefamilien beziehungsweise Institutionen auszutauschen und gegebenenfalls gemeinsam eine weitergehende psychologische Betreuung anzustoßen.

Traumabedingte Verhaltensauffälligkeiten als Überlebensstrategie

Wichtig im pädagogischen Kontext ist ein bestimmtes Grundverständnis der Traumatisierung als „schwere seelische Verletzung und eine existenzbedrohende Erfahrung, die das Vertrauen eines Kindes in sich selbst und andere Menschen tiefgreifend erschüttert“. Die daraus resultierenden Verhaltensauffälligkeiten sollte man als „Überlebensstrategie“ begreifen, „um das eigene alltägliche Leben zu meistern“. — Für die Betroffenen ein hoher Energieaufwand, den pädagogische Fachkräfte „als großartige Leistung (…) würdigen“ sollten, wie die Autoren des Leitfadens „Erste Hilfe im Umgang mit traumatisierten Mädchen und Jungen“ (Link s. o., S. 2) empfehlen.

Traumafolgen verstehen, wahrnehmen und richtig einordnen

Die Konfrontation mit einem traumatisierten Schüler in der Klasse ist für die meisten Lehrer nicht alltäglich und auch spezifische Schulungen zum Umgang mit betroffenen Kindern oder Jugendlichen laufen bisher nur schleppend an. In dieser schwierigen Situation unterstützen die Autoren der Broschüre „Erste Hilfe im Umgang mit traumatisierten Mädchen und Jungen“ die Lehrkraft mit dem nötigen Basiswissen, um Traumatisierungen zu erkennen und die Symptome richtig einzuordnen (S 7 ff.):

Weiterführende Hinweise:

Die Studie „Zwischen Angst und Hoffnung — Kindersoldaten als Flüchtlinge in Deutschland“ von Dima Zito schildert Schicksale von Kindersoldaten, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Erschütternd: Auch einige betroffene Kinder und Jugendlichen erzählen ihre Geschichte.

Bildungsklick.de informiert über Fortbildungen für Lehrkräfte zum Umgang mit Flüchtlingskindern in Schleswig-Holstein.

Beschrieben wird zunächst, wie sich ein akuter Schockzustand äußert. Daran schließt sich eine ausführliche Schilderung der Symptomatik für eine posttraumatische Belastungsstörung an:

  • Übererregung/ Hypervigilanz/ Hyperarousal: „Das Kind (…) ist ständig auf der Hut.“
  • Wiedererleben/Intrusionen: Unwillkürlich kehren belastende Erinnerungen zurück.
  • Vermeidungsverhalten und veränderte Bewusstseinszustände (Dissoziative Zustände): z. B. Abwesenheit, Ausschalten von Gefühlen, Erinnerungen oder Schmerzempfinden usw.

Es folgt eine Liste häufiger sekundärer Trauma-Symptome (= neue Symptome, die entstehen, wenn die Kernsymptome durch Traumatisierung nicht aufgelöst werden), wie sie Dr. Marie-Christine Belluc, Oberärztin an der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik in Rastatt, zusammengestellt hat.

Tritt bei den betroffenen Schülern nach zwei Monaten keine Besserung ein, sollte ein (Schul-)Psychologe oder Trauma-Berater hinzugezogen werden, um chronische Langzeitfolgen zu vermeiden (vgl. dazu das Informationsblatt der Erziehungsdirektion des Schweizer Kantons Bern: „Traumatisierte Kinder und Jugendliche — Was kann die Schule tun?“, S. 3).

Eine „Pädagogik des sicheren Ortes“

Traumatisierte Kinder und Jugendliche brauchen vor allem Sicherheit auf allen Ebenen. Deshalb spricht der Pädagoge Martin Kühn auch von Traumapädagogik als einer „Pädagogik des sicheren Ortes“. „Fünf sichere Orte“ gilt es dabei „zu gewähren oder zu erarbeiten“, erläuterte Martin Baierl bei seinem Vortrag auf dem Fachtag Traumapädagogik am 21.10.2014 in Hamm (S. 2):

  1. Einen äußeren sicheren Ort, „an dem keine Gefahren drohen“;
  2. einen personalen sicheren Ort mit Menschen, die beschützen und Gefahren abwehren;
  3. einen inneren sicheren Ort als Rückzugsort, an dem das Kind oder der Jugendliche vor äußeren Gefahren und „bedrängenden inneren Bildern“ verschont bleibt;
  4. Spiritualität als sicherer Ort bedeutet, „sich von spirituellen Mächten behütet und geborgen zu fühlen“;
  5. das Selbst als sicherer Ort gibt dem Kind oder Jugendlichen Selbstvertrauen und die Sicherheit, Gefahren und Herausforderungen selbst meistern zu können.

Die Schule als „sicherer Ort“

„Flüchtlingskinder dürfen erst zum Arzt, wenn sie schlimme Schmerzen haben“, schreibt Caterina Lobenstein in einem Artikel in der ZEIT („Deutschland tut weh“). Viele Flüchtlingskinder werden auch mit ihren schweren seelischen Verletzungen alleingelassen, wie das 3sat-Magazin „nano“ am 20.06.2014 berichtete. Für sie ist die Schule dann vielleicht sogar der einzige Ort, wo sie sich sicher und aufgehoben fühlen können.

Doch wie kann es im schulischen Alltag gelingen, traumatisierten Schülern einen sicheren Rahmen zu geben? Konkrete Ideen und Anregungen dafür finden sich in der Broschüre „Erste Hilfe im Umgang mit traumatisierten Mädchen und Jungen“ (S. 13 ff.): Wichtig ist zunächst ein klar strukturierter und übersichtlicher Unterrichtsraum, in dem der betroffene Schüler seinen eigenen Platz möglichst mit Blickkontakt zur Lehrkraft hat. Einen verlässlichen zeitlichen Rahmen geben feste Zeitstrukturen, zum Beispiel mit transparenten Tagesplänen und wiederkehrenden Ritualen. Ebenfalls eine wichtige Grundvoraussetzung für Sicherheit sind tragfähige Bindungen und eine freundliche, wertschätzende Atmosphäre. 

Auch im Unterricht gibt es viele Möglichkeiten, den Kindern die „fünf sicheren Orte“ zu erschließen: Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Lehrkraft zu: Sie sollte „dem Einzelnen und der Klasse Sicherheit, Unterstützung und Aufmerksamkeit“ geben und signalisieren: „Ich bin da, wenn ihr mich braucht“. („Trauma — Was tun in der Schule?“, S. 4). Damit die Schüler „das Selbst als sicheren Ort“ erleben können, sollten sie „im Alltag erfahren, dass ihr Handeln etwas Positives bewirken kann. Viele kleine Erfolgserlebnisse und Gelobt werden geben Mut zu handeln“ („Erste Hilfe im Umgang mit traumatisierten Mädchen und Jungen“, S. 14). Die Selbstakzeptanz wird gestärkt, indem man den Traumaopfern vermittelt, „dass ihr Verhalten eine Folge der traumtischen [sic!] Erfahrung ist und warum ihre Seele und ihr Körper so reagieren“ (ebd.).

Ein „Notfallkoffer“ für die Seele

Mit einem „ganz individuellen Notfallkoffer“ lernen die Kinder mit der Zeit, sich selbst zu regulieren (ebd., S. 15). Darin können zum Beispiel Dinge sein, „die schöne Erinnerungen wach rufen“ oder auch scharfe oder saure Lebensmittel oder Gegenstände mit besonderen Gerüchen, „die ins Hier und Jetzt zurückholen“.

Hilfreich ist auch ein „Symbol für einen eigenen imaginierten sicheren Ort“ (ebd.), den sich die Schüler mithilfe einer Entspannungsübung selbst ausdenken. Die Diplom-Psychologin Jenny Verwolt beschreibt in ihrem Skript zum Vortrag „Stabilisierungstechniken für traumatisierte Kinder“ eine solche mentale „Übung zum Wohlfühlort“ (S. 5), bei der bestimmt auch die Mitschüler gernmitmachen.

Martina Niekrawietz

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