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Interkulturelle Bildung

Unterrichtsprojekte zum Thema „Fremd sein ist normal!“

Fremdenfeindlichkeit wird in Deutschland wieder salonfähig. Interkulturelle Unterrichtsprojekte steuern dem entgegen: Sie regen die Schüler zur aktiven Auseinandersetzung mit Differenzen zwischen Fremdem und Vertrautem an und fördern Offenheit und Toleranz.

Interkulturelle Bildung: Unterrichtsprojekte zum Thema „Fremd sein ist normal!“ Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturkreisen entwickeln durch interkulturelle Unterrichtsprojekte Verständnis füreinander © iStockphoto.com/monkeybusinessimages

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ — diesen Satz schrieb Karl Valentin 1940 in seinem Dialog „Die Fremden“. Die Botschaft der kurzen Szene des Münchner Komikers lautet: Grundsätzlich kann jeder ein Fremder sein, je nachdem wo er sich befindet. Fremd sein ist damit kein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal, sondern rein situativ bedingt: Wer zum Beispiel lange in der Fremde lebt, hört auf, sich fremd zu fühlen oder den anderen fremd zu sein. — Fremd sein ist also relativ und eine Frage des Standpunktes.

Zwischen den Polen „Eigenes“ und „Fremdes“ operiert auch interkulturelle Bildung und Erziehung: Sie „vermittelt und trainiert Fremdverstehen. (…) Es ist die wichtigste Bedingung für erfolgreiche Interaktion zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen“, so die Autoren der Handreichung „Interkulturelle Bildung und Erziehung“ der Berliner Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport (S. 17 ff.).

Mit den folgenden Unterrichtsmaterialien und Anregungen fördern Lehrkräfte die wesentlichen Voraussetzungen der Schüler, die sie zu einer aktiven und produktiven Auseinandersetzung mit Differenzen zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ befähigen: Perspektivwechsel, Empathie, Offenheit und Toleranz für das Andere sowie Reflexion der eigenen kulturellen Identität.

Interkulturelle Bildung und Erziehung als „Querschnittsaufgabe“

Bereits im Jahr 1996 entwickelte die Kultusministerkonferenz (KMK) Grundsätze für die „Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 25.10.1996 i. d. F. vom 05.12.2013), die im Dezember 2013 an aktuelle Anforderungen angepasst wurden. Die KMK postuliert darin Grundsätze für eine „systematische interkulturelle Entwicklung von Schulen“ (S. 3). Diese „Querschnittsaufgabe“ sei sowohl „im Unterricht aller Fächer“ umzusetzen, als auch im Rahmen außerunterrichtlicher Aktivitäten.

Anders als die ausschließlich auf Assimilation junger Migranten und Migrantinnen ausgerichtete „Ausländerpädagogik“ der frühen 1970er-Jahre nimmt die interkulturelle Erziehung „Vielfalt zugleich als Normalität und als Potenzial für alle wahr“ (KMK S. 3). Alle — auch die deutschen — Schüler der Klasse erwerben interkulturelle Kompetenzen, um sich in einer globalisierten Welt, in einer pluralistischen Gesellschaft, in einer inklusiven Schule mit Differenzen aller Art produktiv auseinandersetzen zu können. Ein Ansatz, der sich völlig konträr zu einer Assimilationspädagogik verhält, die von der Vorstellung einer Art „Leitkultur“ ausgeht.

Eigene Fremdheitserfahrungen schaffen Empathie

Eigene Fremdheitserfahrungen ermöglichen den Schülern einen Perspektivwechsel und sensibilisieren für interkulturelle Begegnungen. Diesbezüglich im Folgenden einige Möglichkeiten für den Unterricht:

  • „Wann hast du dich schon einmal als Außenseiter gefühlt?“ Diese Impulsfrage könnte ein Unterrichtsgespräch einleiten, zu dem alle Schüler etwas beitragen können. Ältere Kinder und Jugendliche könnten nach ihren Auslandserfahrungen bei Urlaubsreisen, Schüleraustausch, Sprachreisen etc. befragt werden, türkische Schüler berichten vielleicht von längeren Ferienaufenthalten in der Türkei, junge Flüchtlinge von ihren Erlebnissen bei der Ankunft in Deutschland usw.
  • Eine „externe Person“ hält eine Unterrichtsstunde in einer fremden Sprache: Nach dieser Erfahrung verstehen die Schüler besser, wie es Neuankömmlingen mit geringen Deutschkenntnissen im Unterricht geht. Hier die Erfahrungen einer Bayerischen Hauptschulklasse mit einer Migrationsberaterin, die eine mehrstündige Unterrichtseinheit zum Thema Fremdheitserfahrung mit einer Stunde Unterricht in ungarischer Sprache begann. Auch im Fremdsprachenunterricht können die Schüler mit dieser Erfahrung konfrontiert werden, zum Beispiel wenn der Englischlehrer eine Stunde in anspruchsvollem Business-Englisch hält oder plötzlich während des Unterrichts ins Französische fällt.
  • Außergewöhnliche Vorschläge zum Thema Fremdheitserfahrung macht Stefan Seitz in seinem Beitrag „Interkulturalität und Wertebildung. Die Vermittlung einer Werteerziehung im Kontext von Interkulturalität — eine zentrale Aufgabe von Schule im 21. Jahrhundert“ (In: „Divers — kontrovers? Ideen für den interkulturellen Schulalltag“, München 2014, S. 39): „Deutsche Schülerinnen verkleiden sich (lange Gewänder, Gesichtsschleier etc.) und schlüpfen in die Rolle muslimischer Frauen und Mädchen“. Die „Reaktionen im Kaufhaus, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in einer Fußgängerzone etc.“ werden gesammelt, dokumentiert und anschließend in der Klasse diskutiert. Ebenfalls spannend: der Schülertausch, bei dem deutsche Kinder ein Wochenende in Familien mit Migrationshintergrund verbringen und umgekehrt. Vorher sollte diese — unbedingt freiwillige — Aktion natürlich bei einem Klassenelternabend diskutiert werden.

Interkulturelle Unterrichtsprojekte in verschiedenen Fächern

Eine Konfrontation mit „Befremdlichem“ bietet vielfältige Möglichkeiten für die interkulturelle Erziehung in unterschiedlichen Fächern: Experimentelle Musik etwa frustriert vermutlich die Hörgewohnheiten der meisten Schüler. Beschäftigen sich Kinder und Jugendliche aber näher damit, zum Beispiel, indem sie selbst mit Instrumenten experimentieren oder mit atonalen Klängen improvisieren, wird ihnen das Fremde vertraut, und sie machen daraus womöglich etwas Neues, Eigenes oder bekommen neue Impulse für ihr eigenes Hör-Repertoire. — Genau das ist einer der zentralen Effekte, auf die interkulturelle Pädagogik abzielt.

Weiterführende Hinweise:

Direkt übernehmbare Materialien für den interkulturellen Unterricht in verschiedenen Fächern finden sich auf der Website des deutschen Bildungsservers.

Anregungen für einen handlungsorientierten interkulturellen Unterricht in der Grundschule und in der Sekundarstufe I bietet das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung. Hier finden sich jeweils auch Themen für den sonderpädagogischen Förderbereich.

Die Website „zwischentöne“ der Robert-Bosch-Stiftung versammelt zahlreiche Unterrichtsmodule mit „Materialien für die Vielfalt im Klassenzimmer“.

Im Musik- oder Fremdsprachenunterricht leicht umzusetzen ist das „Lernen eines fremdländischen Liedes, dessen Text die Schüler dann — gemäß Lehrerdiktat — ins Heft notieren. Wichtig danach: eine „gemeinsame Aussprache über die hierbei gemachten Erfahrungen“, empfiehlt Stefan Seitz in seinem o. g. Artikel (S. 39). Hier finden sich auch noch zahlreiche weitere Anregungen für einen handlungsorientierten interkulturellen Unterricht in unterschiedlichen Fächern: In Religion könnten die Schüler beispielsweise einen interreligiösen Meditationsraum gestalten, in Musik eine multikulturelle Hitparade initiieren, in Hauswirtschaft ein Kochbuch mit internationalen Rezepten zusammenstellen, in Geografie könnten Schüler verschiedener Nationalitäten (oder ihre Eltern) ihre Heimatländer vorstellen („Religion, Kultur, Feste/Feiern/Bräuche etc.“) und ein gemeinsames Projekt des Politik- und Kunstunterrichts könnte das Folgende sein: Die „Schüler fotografieren ausländerfeindliche Graffiti im Schulsprengel und dokumentieren sie in einer Ausstellung“. Anregungen für verschiedene Projekte zur Förderung des Gemeinschaftsgefühls finden sich auf der Website des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB): Schüler der neunten Klasse veranstalten für die Jüngeren (5.–8. Klasse) ein Mathefest mit Lernstationen. — „Mathematik dient dabei als universelle Sprache, die alle vereint“ (ebd.).

Für das Kunstprojekt „Zusammen sind wir bunt“ fertigt jeder Schüler ein Selbstportrait an, das anschließend in einem riesigen, Aula-Wand-füllenden Kunstwerk seinen Platz bekommt. Die Botschaft: Vielfalt ist etwas Wertvollesund jeder Schüler bringt sich mit seiner Individualität in die Schulgemeinschaft ein. Auch der Welt-Baum entsteht im Kunstunterricht; eine große Installation, an deren „Ästen und Stämmen“ Mitbringsel aus aller Welt hängen (ebd.).

Interkulturelle Begegnungen mit Simulationen üben

In der Geschichte „Cowboy und Indianer“ begegnen sich zwei Angehörige verschiedener Kulturen und kommunizieren mit Zeichensprache. Weil beide verschiedene Sprachen sprechen, misslingt die Verständigung vollkommen. — Dieses Beispiel wird in der interkulturellen Pädagogik oft herangezogen, um die Notwendigkeit interkultureller Kompetenz zu verdeutlichen.

Mit den Simulationen auf der Website der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen erleben die Schüler interkulturelle Missverständnisse hautnah. Bei den verschiedenen Übungen treffen Angehörige zweier „Kulturen“ in einer Alltagssituation (Abholen vom Flughafen, Verhandlungen bei einem gemeinsamen Projekt o. Ä.) aufeinander. Interkulturelle Missverständnisse sind dabei programmiert, denn zuvor werden die Teilnehmer über die Gepflogenheiten „ihres jeweiligen Landes“ informiert: Bei der ersten Gruppe ist es beispielsweise üblich, Besuchern ständig in die Augen zu sehen und sich in der Öffentlichkeit immer mit der rechten Hand auf der Schulter des Nachbarn zu bewegen. Die Teilnehmer von Gruppe zwei vermeiden Blickkontakt und legen Wert auf einen Abstand von einem Meter zueinander … In solchen Situationen entstehen zwangsläufig Konflikte.

Auf das Rollenspiel folgt die Reflexion im Unterricht (Gruppenarbeit oder Unterrichtsgespräch): Wie ist es den Schülern ergangen? Was hätten sie sich von den Vertretern der jeweils anderen Kultur gewünscht? Wie können interkulturelle Missverständnisse im Kontakt aufgelöst werden? Wie hätten peinliche Situationen vermieden werden können? In Gruppenarbeit oder im Verlauf eines Unterrichtsgesprächs entwickeln die Schüler Lösungen für eine pannenfreie interkulturelle Kommunikation (Tafelbild). Anschließend wiederholen sie das Rollenspiel, wobei sie die neuen Strategien direkt anwenden (Vertiefung des Gelernten).

Die Schüler werden in dieser Unterrichtseinheit für kulturelle Differenzen sensibilisiert: Beide Kulturen stehen mit ihren jeweiligen Besonderheiten gleichberechtigt nebeneinander und kulturelle Unterschiede werden wertfrei wahrgenommen (Ambiguitätstoleranz).

Mit der Bereitschaft, sich in den anderen hineinzuversetzen, und mit Offenheit und Interesse für die jeweils andere Kultur gelingt der Blick über den Tellerrand, der für eine konfliktfreie Verständigung trotz Differenzen erforderlich ist. Im „echten“ Zusammenleben klappt das besonders gut bei zwanglosen außerunterrichtlichen Begegnungen, zum Beispiel im Rahmen eines multikulturellen Schulfests mit landestypischen Speisen oder bei einem interkulturellen Spielenachmittag mit Spielen aus aller Welt. 

Martina Niekrawietz

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