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Religion

Wenn der Glaube zu Konflikten führt

Wenn Lehrplan und Religionsfreiheit miteinander kollidieren, ist Ärger programmiert. Eskalierende Konflikte, die womöglich im Gerichtssaal enden, erschüttern das Vertrauen in die Institution Schule und sind für alle Beteiligten belastend. Wer frühzeitig das Gespräch sucht, erspart sich eine Menge Ärger.

Religion: Wenn der Glaube zu Konflikten führt Wenn Schüler durch die Anforderungen in der Schule in Glaubenskonflikte gerate, hilft Miteinander-reden © auremar - Fotolia.com

Lehrerinnen wie Luise Stukenbröker (Name geändert) sind zugleich auch interkulturelle Vermittler. Die 42-Jährige unterrichtet an einer Hamburger Stadtteilschule, knapp die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in ihrer siebten Klasse hat einen Migrationshintergrund, viele von ihnen sind Muslime. „Kulturell oder religiös bedingte Konflikte sind zwar eher selten“, sagt Stukenbröker, die unter anderem Biologie unterrichtet, „aber hin und wieder gibt es durchaus Probleme. Besonders der Sexualkundeunterricht liegt einigen Eltern schwer im Magen.“

Kein rein muslimisches Problem, auch Baptisten oder strenggläubige Katholiken geraten hier regelmäßig in Konflikt mit ihrer Weltanschauung. Rechtlich ist die Situation relativ eindeutig. So hatte das Hamburger Verwaltungsgericht 2004 in einem vielbeachteten Urteil (Aktenzeichen: 15 VG 5827/2003) zwei muslimischen Mädchen untersagt, entsprechenden Schulstunden fernzubleiben. Die Richter lehnten es ab, dass den Kindern wichtige Unterrichtsinhalte „unter Berufung auf religiöse Dogmen“ vorenthalten werden sollten, andere Gerichte folgten dieser Auffassung.

Links zum Thema:

Der runde Tisch Marburg hat eine umfangreiche Info-Broschüre für Lehrer, Eltern und Schüler erarbeitet. Hier werden Tipps gegeben, wie man mit sensiblen Themen wie Klassenfahrt, Sexualkunde sowie Sport- und Schwimmunterricht umgeht.
Das Institut für interkulturelle Kompetenz und Didaktik nähert sich dem Austausch zwischen Kulturen von der wissenschaftlichen Seite. Auf der Website finden sich zahlreiche Erklärungen und lesenswerte Artikel.
Einen interessanter Artikel zum Thema Religionsfreiheit und ihre Grenzen finden Sie auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung.
Jede Menge Informationen zum Thema Interkulturalität gibt es auf der Website Interkulturelle Kompetenz Online, einer Homepage der Thüringischer Landeszentrale für politische Bildung.

Konflikte haben mitunter bizarre Folgen

Widerstand gegen diese Haltung gibt es immer wieder, mit zum Teil bizarren Folgen: Weil ein Elternpaar, beide Mitglieder der Sekte „Organische Christus-Generation“ ihrer Tochter erlaubt hatten, den Sexualkundeunterricht zu schwänzen, wurden sie zu 100 Euro Bußgeld verurteilt. Sie weigerten sich zu zahlen. Die Behörde konterte mit Erzwingungshaft, Vater Eugen Martens musste für einen Tag ins Gefängnis.

Dass Gerichte nicht immer zu praxistauglichen Lösungen kommen, steht auf einem anderen Blatt. So lehnte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Freistellung eines muslimischen Mädchens vom Schwimmunterricht ab und wies darauf hin, es könne ja einen Burkini tragen, einen Ganzkörperschwimmanzug mit integriertem Kopftuch und so die islamische Kleiderordnung erfüllen (Aktenzeichen: BVerwG 6 C 25.12).  Rechtlich mag das ein probater Kompromiss sein. Doch wer möchte in der Haut eines Kindes stecken, das in einem schlafanzugähnlichen Zweiteiler zur Lachnummer wird?

Jede Menge Informationen zum Thema Interkulturalität gibt es auf der Website Interkulturelle Kompetenz Online, einer Homepage der Thüringischer Landeszentrale für politische Bildung. ((http://www.ikkompetenz.thueringen.de/))

Katastrophale Auswirkungen aufs Schulklima

Aufs Schulklima dürfte es ohnehin katastrophale Auswirkungen haben, wenn vor Gericht über Religionsfreiheit, Lehr- und Erziehungsaufträge gestritten wird. Wer frühzeitig das Gespräch sucht und sich bemüht, Konflikte einvernehmlich beizulegen, ist im Vorteil. Eva-Maria El-Shabassy ist pensionierte Lehrerin und Beauftrage für Pädagogik und Religionsunterricht beim Zentralrat der Muslime in Deutschland. Sie empfiehlt, rechtzeitig Kontakt herzustellen. Auf unsere Frage, wie man Konflikten entgegenwirkt, antwortet sie: „Aus meiner Sicht ist das Allerwichtigste, dass Lehrer, Eltern und Schüler miteinander im Gespräch sind – und das nicht erst, wenn es Probleme gibt.  Eltern aus bildungsfernen Milieus fällt es oft schwer, den ersten Schritt zu tun, und bei Migranten kommt dann vielleicht noch die Sprachbarriere hinzu. In diesem Fall sollten die Lehrer auf die Eltern zugehen.
Aus meiner langen Erfahrung als Lehrerin kann ich sagen, dass es mit Eltern, die sich mit ihren Sorgen und Vorbehalten ernst genommen fühlen und die das Gefühl haben, dass dem Lehrer etwas an ihrem Kind liegt, immer eine einvernehmliche Lösung gibt – die unter Umständen etwas anders aussehen kann, als der Lehrer sich das vielleicht zunächst vorgestellt hatte. Wenn man auf Augenhöhe nach Lösungen sucht, gibt es keine Einbahnstraße!“

Zugeständnisse sind nicht immer möglich

Nichtsdestotrotz gibt es Situationen, in denen es schlicht nicht möglich ist, Zugeständnisse zu machen. Sebastian Schneider (Name geändert) unterrichtet im Oldenburger Münsterland, in seiner Gegend gibt es eine große Pfingstlergemeinde, viele der Kinder gehen auf seine Schule. Im Interview sagt er: „Einige Pfingstler lehnen es ab, das Internet zu nutzen, weil sie es für schädlich halten. Denen wäre es natürlich am liebsten, wenn ihre Kinder auch in der Schule nicht online gehen würden, aber das können wir nicht machen. Wenn es deswegen zu Diskussionen kommt, erkläre ich den Eltern, warum es wichtig ist, dass wir entsprechende Kompetenzen vermitteln. Ich rede dabei vor allem von späteren beruflichen Chancen. Auch mache ich ihnen klar, dass jugendgefährdende Websites bei uns ohnehin gesperrt sind. Notfalls verweise ich jedoch auf die Rechtslage.“

Miteinander-Reden hilft. Wichtig ist es jedoch auch, sich auf die andere Kultur einzulassen, sie kennenzulernen und in Erfahrung zu bringen, was ihren Angehörigen wichtig ist. So können konfliktträchtige Situationen von vornherein vermieden werden. Wer zum Beispiel über den Fastenmonat Ramadan Bescheid weiß, wird eine Klassenfahrt kaum so planen, dass sie in diese Zeit fällt.

Stefan Hirsch

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