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Digitales Lernen

Flipped Classroom: Mathe lernen mal andersherum

Unterricht einmal anders herum: Bei der Flipped-Classroom-Methode erarbeiten sich Schüler Wissen selbstständig zu Hause. In der Schule wird es vertieft. Für Lehrer eine neue Rolle als Wissensmoderator, für Schüler die Chance, individuell zu lernen.

Digitales Lernen: Flipped Classroom: Mathe lernen mal andersherum Unterrichtsinhalte zu Hause selbstständig vorbereiten zu können, um sie dann im Unterricht zu vertiefen, motiviert Schüler © motortion - stock.adobe.com

Normalerweise erklärt der Mathelehrer den Stoff mit Beispielaufgaben. Als Hausaufgabe wiederholen die Schüler das Gelernte und lösen eigenständig Aufgaben. Bei der Flipped-Classroom-Methode ist das umgekehrt: Erst befassen sich die Schüler eigenständig mit dem neuen Stoff, dann greift der Unterricht das Thema auf.

Wie das konkret aussieht, schildert Sebastian Schmidt, Lehrer an der Inge-Aicher-Scholl Realschule im bayerischen Neu-Ulm, in einem Video: „Der Lehrer vermittelt das, was er den Schülern fachlich beibringen soll, zum Beispiel über ein Lernvideo. Dabei bleibt im besten Fall der Schüler nicht nur bloßer Betrachter, sondern er wird (...) selbst aktiv“, erläutert Schmidt in dem Video auf der oben verlinkten Website. Das klingt gut, hört sich jedoch „leichter als gedacht“ an, wie Sebastian Schmid bei verschiedenen Projektversuchen feststellen musste. In seinem Lehrerblog „flippedemathe.de“ berichtet er von den „Höhen und Tiefen“, die er dabei erlebte.

Der folgende Beitrag bringt seine Erkenntnisse auf den Punkt: Sie sehen, wie Sie Ihre Schüler aktivieren und motivieren und wie Sie die Methode in Ihrem Mathematikunterricht gewinnbringend einsetzen.

Auch die Schüler müssen umdenken

Neuen fachlichen Input per Lernvideo am Nachmittag eigenständig erarbeiten? Das stieß bei den Schülern von Sebastian Schmidt anfangs auf wenig Gegenliebe: „So kann man nicht unterrichten“, protestierten sie und: „Sie müssen uns das im Unterricht beibringen.“ Nach „vielen Gesprächen“ einigten sich Klasse und Lehrer „auf einen Deal“ (ebd.): Die Hausaufgabe sollte nie länger als 20 Minuten dauern und „es wird nie mehr eine reine Übungshausaufgabe geben“. Der Lehrer versprach außerdem, mit der Klasse nach zwei Monaten noch einmal zu diskutieren und – falls die Kids nicht von dem Konzept überzeugt sein sollten — „zum traditionellen Unterricht“ zurückzukehren.

Nach diesen acht Wochen hatten seine Schüler verstanden, dass sie vom Flipped Classroom nur profitieren konnten: Im Unterricht gab es plötzlich Spielraum „für gegenseitige Hilfe“ und der Lehrer konnte „individuell auf die Schüler eingehen“. Die Schüler können die Videos ansehen, wann sie wollen und bei Bedarf auch wiederholt. So arbeiten sie in ihrem eigenen Tempo. Die Lehrkraft muss nicht immer und immer wieder dasselbe erklären. — Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Kein Schüler wollte mehr zum althergebrachten Mathematikunterricht zurück und auch von den Eltern der ersten Projektklasse kam keine Kritik an dieser neuen Vorgehensweise.

Mit  speziellen Lernvideos die Schüler aktivieren

Ein oft berichtetes Problem beim Lernen im Flipped Classroom: Manche Schüler bereiten den Stoff nicht bzw. nicht gründlich genug vor: „Anhand meiner YouTube-Statistik konnte ich ziemlich schnell erkennen, dass meine Videos zwar von allen angesehen wurden (Klickzahl), aber die durchschnittliche Wiedergabezeit weit unter der tatsächlichen Länge des Videos lag“, schreibt Sebastian Schmidt in seinem Blog (Link s. o.). Viele Kandidaten hatten sich das Video noch nicht einmal zu Ende angesehen. Das spiegelte sich auch in den Prüfungsergebnissen wider, denn nur „ein paar Wenige“ hatten sich verbessert, während die meisten anderen „einfach auf ihrem Leistungsstand“ blieben.

Doch wie regt man die Schüler dazu an, sich mithilfe des Videos gründlich vorzubereiten? Lehrer Schmidt löste das Problem, indem er zunächst jedem Lernvideo ein kleines Quiz als obligatorische Lernzielkontrolle zufügte. Nur wenn dieses Quiz gelöst wurde, galt die Hausaufgabe als vollständig erledigt. Und nach mehreren Versäumnissen mussten die Schüler „nachsitzen“. Um ein solches Quiz einzubauen, nutzt Sebastian Schmidt übrigens die digitale Lernplattform Mebis, deren kostenfreie Nutzung sich allerdings auf Bayern beschränkt. Alternativ dazu gibt es dafür auch verschiedene kostenfreie Quiz-Apps und -Tools.

Eine weitere Möglichkeit sind die sogenannten Impulsvideos: „Darin enthalten sind Aufgaben, die sie [Anm.: die Schüler] so noch nicht lösen können, aber durch Probieren und vielleicht auch Erschließen richtig bearbeiten können“, schreibt Sebastian Schmidt in seinem Beitrag im Handbuch „Flipped Classroom — Zeit für deinen Unterricht“ (S. 169). Hier ein Beispiel für ein solches Impulsvideo, das die Schüler zum entdeckenden Lernen animiert. Diese Knobel-Videos verwendet Lehrer Sebastian Schmidt mittlerweile übrigens „am liebsten“, wie er am 5.06.2019 im Interview mit Judith Luig von ZEIT ONLINE sagt. Erklärvideos runden „dann eher die Stunde zur Nachbereitung ab“ (ebd.).

Interaktive Übungen als Ergänzung zum Video

Wie und womit sich die Schüler auf die Stunde vorbereiten, hängt von vielen Faktoren ab: „Weniger experimentierfreudige oder gar matheängstliche Klassen brauchen (...) eher einen soliden Input“ (Handbuch Flipped Classroom, Link s. o., S. 170), da reicht die Beschäftigung mit einem der maximal sechsminütigen Erklärvideos nicht aus. In diesem Fall gestaltet Sebastian Schmidt dann das Lernvideo mithilfe eines Add-Ins in der Lernplattform (bei Mebis „H5P“ Software) interaktiv: Da genügt dann das „reine Ansehen“ nicht, die Schüler müssen „einzelne Schritte (...) immer wieder erst selbst bearbeiten (...), bevor das Video weiterläuft.“ (ebd.)

In anderen Fällen bekommen die Schüler den Auftrag, mithilfe eines Video-Tutorials schon einmal den Hefteintrag zum neuen Stoff vorzubereiten. Die sonst quasi tote Zeit im Unterricht, in der die Schüler den Anschrieb von Tafel, Whiteboard & Co. in ihr Heft übertragen, kann dann zusätzlich fürs Üben oder Vertiefen genutzt werden. Selbstständigere Klassen – bei Lehrer Schmidt „oft nach mehreren Monaten Flipped Classroom“ — bereiten sich eigenverantwortlich ohne Lehrer-Input vor, zum Beispiel mit dem Schulbuch oder mit selbst gewählten Erklärvideos aus dem Netz.

Wissen im Schülergespräch erarbeiten

In der Unterrichtsstunde nach der eigenständigen Vorbereitung durch die Schüler kommt dann „das eigentlich Wichtige“ (vgl. Handbuch Flipped Classroom, S. 171 ff.): „Die Schülerinnen und Schüler kommen zusammen, um Wissen zu erarbeiten, zu festigen oder zu vertiefen.“ – Wie diese Aussage schon impliziert, spielen dabei die Lernenden die Hauptrolle, Sebastian Schmidt verzichtet auf „minutiös geplante Arbeitsschritte“, wie sie ein dirigistisches Lehrer-Schüler-Gespräch, ein Lehrervortrag oder das Abarbeiten von Arbeitsblättern mit sich bringt.

Teil der Hausaufgabe bei der eigenständigen Vorbereitung ist es immer, dass die Schüler sich Notizen machen und erste Überlegungen oder auch Fragen schriftlich festhalten. Sebastian Schmidt lässt dann meist „zwei Freiwillige und zwei von mir bestimmte Schülerinnen oder Schüler ihre Ergebnisse vortragen“. Die anderen berichten darüber, „was sie anders verstanden, nicht verstanden oder genauso gemacht haben“. In der Regel entwickelt sich dabei „ein so gutes Gespräch, dass alle zur Erarbeitung notwendigen Schritte bereits von der Klasse benannt werden“. (ebd.) Diese Phase nimmt etwa zehn Minuten in Anspruch, danach besprechen die Schüler ihre Notizen in Kleingruppen und überprüfen gegenseitig ihre Ergebnisse. Lehrer Schmidt schaltet sich nur dann — dezent mit Impulsen — ein, „wenn niemand ein richtiges Ergebnis vorbringen konnte oder einzelne Verständnisschritte nicht benannt wurden“. (Ebd., S. 172)

Differenziertes Üben im Unterricht zur Vertiefung

Den Rest der Stunde verwenden die Schüler auf die Lösung von Aufgaben aus drei verschiedenen Pools mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, die die Lehrkraft aus dem Schulbuch zusammenstellt. Die Auswahl erfolgt durch die Schüler, die dabei lernen, „ihren Wissensstand selbst einzuschätzen“ (ebd.). Auch für die Kontrolle sind sie zuständig: Geometrische Fragestellungen überprüfen sie mit der App GeoGebra. Auf der Lernplattform Mebis stellt die Lehrkraft die Endergebnisse als PDF zum Ausdrucken zur Verfügung. Jede erledigte Aufgabe korrigieren die Schüler direkt im Anschluss mit grünem Stift, bevor sie die nächste in Angriff nehmen.

Auch Schülerlösungen können mithilfe einer digitalen Pinnwand, einem sogenannten „Padlet“, gebündelt, abgeglichen und kommentiert werden. Die Schüler laden hier ihre eigenen Lösungen in Mebis hoch, und falls der eine oder andere Kommentar allzu „harsch“ ausfallen sollte, steht im Matheunterricht auch schon einmal ein kleiner Exkurs zum Thema „Nettiquette“ auf der Tagesordnung.

Eine Methode mit vielen Vorteilen und einem Nachteil

Sebastian Schmidt beobachtet nun bereits seit einigen Jahren, dass seine Schüler mit dem Flipped Classroom „einfach viel mehr Spaß“ haben (ebd., S. 177). Ein wirklich schlagendes Argument für diese Methode. Er bemerkt außerdem, wie er als Moderator im Hintergrund „viel wirkungsvoller“ ist als „leitend in einer Unterrichtsstunde“ (ebd.). Seine Schüler übernehmen zudem nach der Einführung des Konzepts „Verantwortung für ihr Arbeiten“. Zwar „nicht alle sofort“, aber notenmäßig hat sich doch noch kein Schüler dauerhaft verschlechtert, so Schmidts Beobachtung, der sowohl die Notenentwicklung seiner Schüler nach Einführung der Flipped-Classroom-Methode empirisch prüft als auch Schülerbefragungen vornimmt (einige der überwiegend positiven Ergebnisse finden sich im Handbuch Flipped Classroom auf S. 177 ff.).

Insgesamt hat Sebastian Schmidt „das Gefühl, die Schülerinnen und Schüler besser auf das Leben nach der Schule vorzubereiten“. (Handbuch Flipped Classroom S. 179) Sie trainieren dabei auch gleichzeitig ihre digitalen Fähigkeiten, denn sie „können die Informationsquelle Internet gezielt nutzen, gehen reflektierter mit dem Medium Smartphone um und haben gelernt, Dinge selbst zu erstellen“, beobachtet Sebastian Schmidt.

Einziger Nachteil der Methode: Sie „erfordert ein hohes Maß an Vorbereitung von der Lehrkraft“ (Handbuch FC, S. 178): „Weit im Voraus“ müssten alle Unterrichtsmaterialien erstellt werden und verfügbar gemacht werden. Und auch wenn Mathematik mit der Flipped-Classroom-Methode für viele Schüler einfacher erscheint, steigt dadurch der Zeitaufwand für Einzelkämpfer unter den Lehrern.

Sebastian Schmidt empfiehlt daher, sich im Kollegium, wenn möglich, Verbündete zu suchen und die Arbeit zu teilen. Falls das nicht möglich ist, kann man sich auch mit anderen „Flippern“, wie sich die Verfechter des FC-Konzepts gern scherzhaft selbst bezeichnen, vernetzen und austauschen. Lehrer Sebastian Schmidt jedenfalls teilt sein Know-how und seine Materialien in seinem Blog freigiebig. Vom Tutorial für selbstgedrehte Impuls- und Lernvideos bis zu seiner nach Klassenstufen geordneten, äußerst umfangreichen Materialsammlung.

Martina Niekrawietz

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