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E-Skills

IT-Kompetenzen von Achtklässlern im internationalen Vergleich

Wie schneiden deutsche Achtklässler bezüglich computer- und informationsbezogener Kompetenzen ab? Nur mittelmäßig, wie aus der internationalen Vergleichsstudie ICILS hervorgeht, deren Ergebnisse im November 2014 vorgestellt wurden.

E-Skills: IT-Kompetenzen von Achtklässlern im internationalen Vergleich Das Arbeiten mit dem Computer beherrschen nicht alle Schüler so wie es wünschenswert wäre © Christian Schwier - Fotolia.com

Schlagzeilen machte das Ørestad-Gymnasium in Kopenhagen schon öfter, zum Beispiel wegen seiner einzigartigen Schularchitektur: Das Kurzvideo „One room – One school“ zeigt das Schulleben, das sich in einem einzigen gigantischen und transparenten Raum abspielt, wo jeder sehen kann, was der andere gerade tut. Es gibt keine Klassenzimmer und keine Tafeln und auch keine Bücher, Hefte oder Stifte sind auf den Arbeitsplätzen der Schüler zu sehen. Sie haben nichts als Laptops und Kopfhörer. 

Wie sich eine Mathematikstunde damit gestaltet, schildert SPIEGEL ONLINE so: Eine „digitale Dozentin“ erklärt den Stoff der Stunde in einem kurzen Lehrvideo, während der Mathematiklehrer den Beamer einschaltet. „Er möchte mit den Schülern noch eine Beispielaufgabe lösen, bevor sie selbstständig mit ihrer Mathematik-Software arbeiten.“ Bald will die Schule zu „100 Prozent digital“ sein, erläutert Redakteurin Lisa Srikiow in dem SPIEGEL-Beitrag, ab 2015 soll „die ganze Schule ohne Bücher und Papier arbeiten“.  

Digitaler Unterricht ist in Dänemark auch in anderen Schulen an der Tagesordnung: 85 Prozent der Kinder bringen ihre Laptops und Tablets mit. „Und da wird dann in jeder Stunde [da]mit gearbeitet“, sagt Prof. Dr. Wilfried Bos im Deutschlandfunk. Der Bildungsforscher ist Mitautor der ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study), deren Ergebnisse im November 2014 in Berlin vorgestellt wurden. Getestet wurden dafür Achtklässler in 21 Teilnehmerländern der vier Kontinente Amerika, Australien, Asien und Europa, „wobei sich überwiegend europäische Länder an ICILS 2013“ beteiligten. (Ebd., S. 9)

Was wurde bei ICILS 2013 untersucht?

Geprüft wurden die Kompetenzen in zwei Teilbereichen („strands“): (Ergebnisse, S. 10)

  1. Informationen sammeln und organisieren
  2. Informationen erzeugen und austauschen

In den computerbasierten Schülertests gab es drei Aufgabentypen: 

  • Nicht interaktive Testitems, für die lediglich Multiple-Choice-, Drag-and-Drop-Lösungen oder kurze Textantworten erforderlich waren,
  • Performanzaufgaben, bei denen Softwareanwendungen genutzt werden sollten (Öffnen des Browsers, Speichern einer Datei …)
  • und komplexe Autorenaufgaben in realen Softwareumgebungen. (Ergebnisse, S. 13) 

Bos nennt im Interview mit dem Deutschlandfunk ein Beispiel: Die Schüler bekamen die Aufgabe, einen Sportnachmittag für die gleichaltrigen Mitschüler zu organisieren. Dazu mussten sie zunächst im Internet recherchieren, welche Sportarten sich für Zwölfjährige eignen und dann – natürlich mit digitalen Mitteln – die gesammelten Informationen auf ein Plakat übertragen. „Es geht also nicht darum, dass wir getestet haben, irgendetwas anzuklicken (…), sondern kritisch zu hinterfragen, einzuordnen, selbstständig Informationen zu besorgen, die zu bewerten, die zu transferieren, von einer Tabelle in einer Grafik zum Beispiel“, erläutert Bos, das seien die Kompetenzen, die im 21. Jahrhundert immer wichtiger würden. (Link s. o.) 

Neben den IT-Kompetenzen der Schüler fokussierte ICILS außerdem auf die schulischen Rahmenbedingungen und auf die Schülermerkmale, mit denen sich Kompetenzunterschiede erklären lassen. Deutschland beteiligte sich mit einer „bundesweit repräsentativen Stichprobe“ von 2225 Schülern und 1386 Lehrpersonen der achten Jahrgangsstufe. (Ergebnisse, S. 11)

IT-Kompetenzen: Deutschland im Mittelfeld

Insgesamt gab es fünf Kompetenzstufen. Das Spektrum reichte dabei von Stufe I mit rudimentären rezeptiven Fertigkeiten und sehr einfachen Anwendungskompetenzen bis Stufe V mit sehr elaborierten Kenntnissen, „zu denen das sichere Bewerten und Organisieren selbstständig ermittelter Informationen sowie das Erzeugen von inhaltlich und formal anspruchsvollen Informationsprodukten gehört.“ (ebd., S. 16) 

Mit 45,3 Prozent erreichten die meisten deutschen Kinder und Jugendlichen Kompetenzstufe III. Damit sind sie in der Lage, „unter Anleitung Informationen zu ermitteln, Dokumente mit Hilfestellungen zu bearbeiten und einfache Informationsprodukte zu erstellen.“ (ebd.)

Immerhin 24 Prozent der deutschen Achtklässler können entsprechend Kompetenzstufe IV eigenständig Informationen ermitteln und organisieren sowie selbstständig Dokumente und Informationsprodukte erzeugen. (ebd.)

Die höchste Kompetenzstufe erreichen international nur 2,0 Prozent, in Deutschland sogar nur 1,5 Prozent. Führend sind hier die Republik Korea (5,5 Prozent), Kanada (4,6 Prozent) und Australien (4,1 Prozent). Schulschlusslichter sind Thailand und die Türkei mit jeweils 0,1 Prozent. (ebd.)

Insgesamt liegt Deutschland auf Rang 12 von 24. Die Spitzenposition nimmt Tschechien ein, es folgen Kanada und Australien, dann auf Platz 4 wieder ein europäisches Land: Dänemark. Weit abgeschlagen ganz am Ende der Skala liegen Thailand und die Türkei. 

Unterschiede zwischen einzelnen Schülergruppen

Gymnasiasten schnitten insgesamt wesentlich besser ab als die Schüler anderer Schulformen der Sekundarstufe 1. (Vgl. dazu Ergebnisse, S. 22 ff.) 44,7 Prozent erreichten Stufe IV und 3,4 Prozent Stufe V. (S. 24) 

Die soziale Herkunft spielt ebenfalls eine Rolle. Einer der Indikatoren dafür ist der Buchbestand im Haushalt. Denn mit „der Anzahl der vorhandenen Bücher wird das kulturelle, indirekt auch das ökonomische Kapital von Familien abgebildet.“ (S. 25) In allen Teilnehmerländern zeigten Achtklässler mit mehr als 100 Büchern zu Hause einen signifikanten Leistungsvorsprung. Interessant dabei: Im internationalen Vergleich sind in Deutschland „die sozialen Disparitäten deutlich ausgeprägter“. Das heißt, dass die herkunftsbedingten Leistungsunterschiede besonders deutlich sind. (S. 26)

Eine Leistungsdifferenz war auch zwischen Schülern mit Migrationshintergrund (beide Elternteile im Ausland geboren) und Schülern mit deutschen Vätern und Müttern feststellbar: 40,6 Prozent der Migrantenkinder kommen nicht über Kompetenzstufe II hinaus. (S. 27)

In den meisten Teilnehmerländern waren die Mädchen den Jungen überlegen: Rund ein Drittel (32,9 Prozent) der Jungs müssen den beiden unteren Kompetenzstufen zugeordnet werden, während es bei den Mädchen nur 25,3 Prozent sind. Und während Kompetenzstufe IV 27,8 Prozent der Mädchen erreicht, schaffen das nur 20,5 Prozent der Jungen.(S. 28 f.) 

IT-Kompetenzen: Voraussetzung für Bildung und beruflichen Erfolg

Fast 30 Prozent der deutschen Achtklässler kommen lediglich auf die untersten beiden Kompetenzstufen. Davon können 7,4 Prozent auf Stufe I nicht viel mehr als Links anklicken oder E-Mails öffnen. Niederschmetternde Prognose des wissenschaftlichen ICILS-Teams: „Diese Schülergruppe [Stufe I und II] wird es voraussichtlich schwer haben, erfolgreich am privaten, beruflichen sowie gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts teilzuhaben.“ (ebd., S. 20) In dieser Gruppe finden sich besonders häufig „Jungen aus Familien mit wenigen kulturellen und ökonomischen Ressourcen“. Insgesamt registrierten die Bildungsforscher „Bildungsbenachteiligungen“ vor allem für Jugendliche „aus unteren und mittleren sozialen Lagen sowie für Jugendliche mit Migrationshintergrund“. (ebd., S. 5)

Damit verdeutlicht ICILS einmal mehr: Auch bei den E-Skills, also den Fähigkeiten, den Computer als Arbeits- und Informationsmedium zu nutzen, liegen Kinder aus bildungszugewandten Familien vorn. Zudem nutzen „sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Schichten den Computer überwiegend als Unterhaltungsmedium“. (BM für Bildung und Forschung, qualifizierungdigital.de)

Es ist Aufgabe der Schule, allen Schülern die bildungsrelevante Dimension der Nutzung neuer Medien zu erschließen. Denn die dazu erforderlichen E-Skills erwirbt man sich durch Lernen, Denken, Reflektieren und Üben. Voraussetzung dafür sind genau die Fähigkeiten und Qualifikationen, die die Grundlage für Bildungserfolg bilden: zum Beispiel Lesekompetenz, logisches Denkvermögen, Kommunikationsfähigkeit und Problemlösungsstrategien.

Martina Niekrawietz

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