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Politik im Netz

Meinungsvielfalt statt Filterblase!

Wenn Jugendliche sich politisch ausschließlich im Netz informieren, wächst die Gefahr, dass sie sich in eine einseitige Meinungs-Filterblase manövrieren und ideologisch infiltrieren lassen. — Nur wer die Mechanismen durchschaut, kann dem entgegenwirken.

Politik im Netz: Meinungsvielfalt statt Filterblase! Wer sich nur im eigenen Dunstkreis bewegt, bekommt im Netz die Vielfalt von Meinungen gar nicht mit © Sir Oliver - Fotolia.com

„Aktuell ist wichtiger als überprüft“ — so übertitelt Medienpädagogin Christa Gebel ihren ZEIT-Artikel über den Umgang der 12- bis 19-Jährigen mit Online-Nachrichten. Gemeinsam mit der Politologin Dr. Ulrike Wagner hat sie untersucht, wie und wo sich Jugendliche im Internet politisch informieren (hier das Abstract zur Studie). Online-Nachrichtenangebote und soziale Netzwerke gewännen mit zunehmendem Alter an Bedeutung, so die Medienpädagogin: „Fast zwei Drittel der 16- bis 18-Jährigen informieren sich dort.“ Dass politische Inhalte geprüft sind und „von Leuten stammen, die sich damit auskennen“, werde zwar für Jugendliche mit zunehmendem Alter immer wichtiger, insgesamt liege die Priorität jedoch mehr bei der aktuellen, dafür aber dann „schnellen, unter Umständen ungeprüften Information“ (ebd.). Korrespondierend damit zeigt die JIM-Studie 2016 (S. 41), dass YouTube, Twitter und Facebook über alle Altersgruppen hinweg weitaus häufiger genutzt werden als Nachrichtenportale von Zeitungen und TV-Sendern. Wobei hier nicht weiter aufgeschlüsselt wurde, welche Zeitungen und Sender als Informationsquelle dienen und somit über die journalistische Qualität und die Tendenz der politischen Informationen keine Aussage getroffen werden kann. 

Meinungen von Online-Freunden sind relevanter 

Für die Hälfte der befragten Jugendlichen war es eher bedeutsam, wie „die Leute, mit denen sie im (Online-)Kontakt stehen, über ein Thema denken“, so Gebel in der ZEIT (Link s. o.), und nur ein knappes Drittel hält das, „was Journalisten meinen oder recherchiert haben“, für relevant. Die Widersprüchlichkeit von Informationen nähmen Jugendliche oft gar nicht wahr. „In der Filterblase fällt es gar nicht auf, dass es noch andere Nachrichten gibt“, so Christa Gebel. Und auch in der Schule seien „einseitig ausgerichtete Filterblasen (...) kein Standardthema“, bedauert die Autorin. Zudem reflektierten Jugendliche bisher nicht darüber, „wenn sie reflexhaft emotional aufgeladene Meldungen via WhatsApp, Twitter oder Facebook teilen“.

Gefangen in der eigenen Weltsicht

In einem Zwei-Minuten-Video der ARD-Reihe „#kurzerklärt“ erläutert WDR-Korrespondentin Charlotte Gnändiger, „wie Filterblasen die Demokratie gefährden“: „Keiner hört gern, was ihm nicht gefällt. Und dank der neuen Medien müssen wir das auch gar nicht mehr. Unsere Social-Media-Timeline wird zur persönlichen Filterblase: Was stört, bleibt draußen.“ — Der kurze Film eignet sich sehr gut für den Unterricht: Er zeigt, wie Algorithmen arbeiten (emotionale Geschichten werden bei Facebook reinen Nachrichten vorgezogen, Inhalte werden nach Attraktivität für uns vorsortiert: oben, was wir schon einmal gelikt oder geteilt haben, und „Ungeliebtes rutscht durch“). „Die ständige Wiederholung unserer eigenen Weltsicht lässt uns glauben, alle anderen müssten genauso denken wie wir“ (ebd.), obwohl das nicht so ist. Eine Diskussion über konträre Meinungen findet nicht statt, weil konträre Meinungen nicht mehr zur Kenntnis genommen werden.

Der Filterblasen-Effekt beschränkt sich nicht auf soziale Medien wie Facebook, Twitter und Google+: Auch die personalisierte Suche bei Google und YouTube zeigt uns nur die Ergebnisse, die uns vermeintlich interessieren. 

Wissenschaftler und Journalisten seriöser Medien diskutieren die Risiken des Verlusts der Meinungsvielfalt durch Filterblase und Echokammer-Effekt (= nur Gleichgesinnten tauschen sich aus und bestärken sich gegenseitig) kontrovers: Bisher gebe es kaum wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, „wie stark sich die Filterblase konkret auf die Meinungsvielfalt auswirkt“, bilanziert zum Beispiel Christoph Behrens in dem Beitrag „Der Mythos von der Filterblase“ in der Süddeutschen Zeitung. Politik spiele in sozialen Netzwerken eher eine untergeordnete Rolle. Auch seien nicht die Algorithmen entscheidend, sondern „mit wem man vernetzt ist und was derjenige teilt“ (ebd.). 

Echokammern und Hasspropaganda 

„Besonders problematisch wird es, wenn Einstellungen von Hasspropaganda und Hetze bestimmt sind und diese durch den sogenannten ‚Echokammer-Effekt‘ auch noch verstärkt werden“, weil die User „gezielt nach journalistischen Inhalten suchen, die ihre Meinung bestätigen“, betonen die Autoren der Unterrichts-Broschüre „Fakt oder Fake“ aus der Reihe „klicksafe to go“. 

Noch einmal verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass die Bereitschaft, sich öffentlich zu seiner Meinung zu bekennen, sinkt, wenn die eigenen Ansichten der vorherrschenden Meinung zuwiderlaufen (vgl. dazu die von der Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann geprägte Theorie der „Schweigespirale“). 

Wer Hetz- und Hasstiraden widerspricht, wird auf manipulierenden Seiten „oft gesperrt oder verbal attackiert“, so die Beobachtung der Autoren des klicksafe-Faltblatts „Achtung Hinterhalt!“. Es erläutert, mit welchen Mitteln Rechtsextreme im Netz auf Seelenfang gehen. Immer mit dabei sind auch gleich Vorschläge, wie sich die Schüler wirksam durch „aktive Antidiskriminierung“ dagegen wehren können, zum Beispiel durch Widersprechen oder durch Melden von Hassseiten.

Unterricht gegen Filterblase und (rechts-)populistische Meinungsbildung

In der oben verlinkten klicksafe-Broschüre „Fakt oder Fake“ findet sich zum Thema „Filterblase und Echokammer — Meinungsbildung im Zeitalter des Algorithmus“ ein Unterrichtskonzept für den Ethik, Politik- oder Geschichtsunterricht für Schüler ab 16 Jahren (S. 12). Ausgangspunkt für die Stunde ist der Erfahrungsbericht des Journalisten, Florian Klenk, der in einem Post auf der Website der rechtspopulistischen FPÖ mit dem Tod bedroht worden ist: „Boris wollte mich verbrennen“. Anhand des Unterrichtstextes, der weitgehend auf Zitate rechtspopulistischer Hasstiraden des Original-Beitrags verzichtet, bearbeiten die Schüler in Einzel- und Partnerarbeit Fragen zu Boris‘ Facebook-Profil, recherchieren online die Definitionen von „Filterblase“ und „Echokammer“ und überlegen, wie Boris aus der Filterblase aussteigen könnte.

Die für die Unterrichtseinheit angesetzte 45-Minuten-Stunde erscheint angesichts des anspruchsvollen Textes und mit Blick auf die Vielschichtigkeit des Themas zu kurz gegriffen. Allein die zentrale Frage, „Was kann wer tun, damit Leute wie Boris auch andere Meinungen hören?“, füllt ohne weiteres zwei Stunden. Der Fokus sollte vielmehr auf den Aktivitäten der Schüler liegen: „Was kannst du tun, um der Filterblase zu entkommen?“ 

Die Schüler benötigen hier technische und medienpädagogische Unterstützung, um z. B. die personalisierte Suche bei Google und YouTube abschalten zu können, um Tracker zu umgehen (vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „Medienunterricht: Raus aus der Filterblase“), um Nachrichten auf Fakten zu checken (vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „Fake-News? Nein danke!“) oder um mit wirksamen Mitteln gegen Hass und rechte Propaganda im Netz vorzugehen (vgl. dazu die vielen mit wenig Aufwand zu realisierenden Vorschläge auf der Website no-hate-speech.de).

Die Schüler für die Problematik von Filterblase und Echokammer zu sensibilisieren ist in jedem Fall nur ein kleiner Baustein in einem Unterrichtsprojekt, das sich durch die gesamte Schulzeit und durch sämtliche Fächer ziehen sollte. Dabei geht es darum, die Schüler für Meinungsvielfalt und Demokratie zu begeistern und sie dazu zu bewegen, sich aktiv für Menschenrechte im digitalen Zeitalter einzusetzen.

Martina Niekrawietz

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