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Hybridunterricht

Methodische Impulse für Ihren Hybridunterricht

Nach den ersten Erfahrungen im digitalen Unterrichten richtet sich der Fokus im Blended Learning verstärkt auf pädagogische und methodische Fragen. Lehren muss neu gedacht werden, orientiert sich viel stärker an den Lernenden und die Komplexität der Aufgaben ist zu beachten.

Hybridunterricht: Methodische Impulse für Ihren Hybridunterricht Im Videocall können Lehrkräfte individuell auf die Schüler/-innen eingehen © insta_photos - stock.adobe.com

Niemand kann vorhersagen, wie sich die regionalen Infektionszahlen in den nächsten Monaten entwickeln werden. Daher sind Schulschließungen und Hybridunterricht im Jahr 2021 jederzeit möglich. 

Nach den ersten Erfahrungen mit einem konsequent digitalen Unterricht richtet sich der Fokus nun zunehmend auf pädagogische und methodische Fragen: Wie lernen Schüler/-innen erfolgreich beim Homeschooling? Wie sollten Lehrkräfte dabei ihre Lernprozesse begleiten? Wie können wir alternierende Phasen von Distanz- und Präsenzunterricht sinnvoll gestalten? Wie unsere Schüler/-innen erfolgreich motivieren, fördern und fordern? Und wie Leistungen angemessen beurteilen? Durchdachte Antworten auf viele solcher wesentlichen Fragen wagen die Praxis-Materialien und Konzepte, die Ihnen der folgende Beitrag vorstellt.

New Learning – das Hagener Manifest

Gemeinsam mit derzeit (Stand Januar 2021) 900 Unterzeichner/-innen hat die Fernuni Hagen das sogenannte „Hagener Manifest“ postuliert. „Die pädagogische Verantwortung liegt vor allem darin, den Lernprozess so zu gestalten, dass er für den Lernenden funktioniert“, sagt Ada Pellert, Initiatorin des Manifests und Rektorin der Fernuni Hagen, im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Um das zu bewerkstelligen, müsse man Lernen ganz neu denken: Es sollte „partizipativer, vernetzter und inklusiver werden“ und an die „Lebensrealität“ der Kinder und Jugendlichen andocken. Nach wie vor gehe manches „nur in Präsenz“, doch müsse man diese „kostbare Zeit (...) freiräumen“, vor allem von „dem vielen lexikalischen Wissen, von dem man die Schule entrümpeln sollte (ebd.).“ 

Mit seinen 12 Thesen umreißt das Hagener Manifest „ein grundlegend neues Verständnis vom Lernen“, so heißt es auf der oben verlinkten Website der Fernuni Hagen: Das Konzept des „New Learning“ stellt die Lernenden in den Mittelpunkt und definiert „die Rollen von Lernenden und Lehrenden neu“. Lehrkräfte werden zu persönlichen Lernbegleiter/-innen, die „adaptive Lernumgebungen schaffen“ und digitale und präsente Lernphasen adäquat und reflektiert auf die Lernenden abstimmen. New Learning „ermöglicht flexibles und selbstbestimmtes Lernen“, „misst Lernerfolg an individuellen Zielen“ und „fördert Chancengleichheit“ (ebd.). Doch wie lassen sich die doch recht allgemein gehaltenen Forderungen des Hagener Manifests konkret in der Unterrichtspraxis umsetzen? Im Folgenden dazu einige Anregungen.

Blended Learning: Verknüpfung von Online- und Präsenzlernen

Wie können Sie Online- und Präsenzphasen sinnvoll verknüpfen? Diese grundlegende Frage beantwortet Gymnasiallehrer Hauke Pölert in einem herausragenden Beitrag auf seinem Blog „unterrichten.digital“. Anhand eines exemplarischen Praxis-Modells zeigt er, wie die didaktische Planung des Hybridunterrichts – am besten im Team mit Kollegen oder Fachgruppen – aussehen kann: 

  • Präsenzphase 1: Einstieg in ein neues Thema mit anschließendem Austausch
  • Onlinephase 1: Schüler/-innen erarbeiten den Stoff individuell oder kooperativ, danach geht es ans Üben und Anwenden. 
  • Präsenzphase 2: Gelegenheit für Fragen, Austausch, Diskussion und Lernen am Modell
  • Onlinephase 2: Festigung und Vertiefung der Inhalte
  • Präsenzphase 3: Präsentation, Feedback, Reflexion

Dieser grobe Rahmen für die Phasierung von Hybridunterricht lässt sich dann für Lerngruppen, Themenbereiche oder Fächer anpassen und verfeinern, wie Hauke Pölert am Beispiel „Einführung grammatikalischer Phänomene“ im Fremdsprachenunterricht vorexerziert. Immer lautet dabei die wichtigste Frage: „Was kann aus dem Präsenzunterricht in den Distanzunterricht ausgelagert werden und wie kann das erfolgen“, erläutert Netzlehrer Bob Blume in seinem begleitenden unterrichtspraktischen Video zu Hauke Pölerts Artikel. 

Doch was, wenn – wie etwa im harten Lockdown – überhaupt keine Präsenzphasen möglich sind? Auch für dieses Szenario können sich Lehrkräfte bereits im Vorfeld wappnen. Dafür ist zu definieren, wann was mit welchem Tool bzw. Medium erfolgt. Die Einführung und den Austausch verlegt man z. B. in eine Videokonferenz mit Chat und für die Erarbeitung und Anwendungsphase werden Lernvideos, Office Online Padlet oder Kahoot (Quiz) genutzt. 

Schülerorientiertes Lernen mit vielfältigen Methoden

Im Idealfall zielt die Feinplanung auf „schülerorientierte Lernwege“ (siehe Beitrag unterrichten.digital) ab und berücksichtigt beim Medien- und Methodenmix „die Voraussetzungen und Interessen der Lerngruppe“ (ebd.). Pölert rät zudem dazu, sich im Distanzunterricht nicht auf eine Methode zu beschränken. Bei der Erarbeitung neuen Stoffs mit Flipped Classroom, ist es vorteilhaft „diese Methode als eine von vielen im eigenen Methodenpool zu nutzen“. Das sorgt für Abwechslung bei Ihrer Lerngruppe und ermöglicht zudem eine differenzierte Planung gemäß den Lernvoraussetzungen Ihrer Schüler/-innen. Auch die didaktische Planung mit dem oben vorgestellten Phasenmodell muss keineswegs immer 1:1 übernommen werden, betont Pölert. Selbst wenn eine „ausdifferenzierte Planung (...) passend und für beide Seiten sehr lernförderlich“ ist, so ist sie doch auch mit einem „größeren Planungs- und Arbeitsaufwand“ (ebd.) verbunden.

Individualisierung im Hybridunterricht leicht gemacht

Individualisiertes Lernen ist eine zentrale Forderung des Hagener Manifests. Auch YouTube-Netzlehrer Bob Blume hat es unterzeichnet und gibt im Leitfaden zum Blended Learning für Lehrkräfte praktische Anregungen für die Umsetzung im Unterricht.

Weitgehend offene Aufgaben sind dabei ein Mittel der Wahl: Die Schüler/-innen bekommen ein Angebot mit fakultativen Aufträgen und einem „deutlich kleineren Arsenal an Dingen, die gemacht werden müssen“ (ebd., S. 122). Sind die Aufgaben motivierend gestaltet, machen die Schüler/-innen erfahrungsgemäß „viel mehr (...), als sie eigentlich müssten“, so die Erfahrung von Bob Blume. Wann die Kinder oder Jugendlichen die Aufgaben innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums machen, entscheiden sie selbst – Bob Blume spricht hier von einer „verbindlichen Flexibilität“, die den Schülern und Schülerinnen Struktur gibt. 

Besonders motivierend sind laut Blume übrigens „KAKAO-Aufgaben“: Die Schüler/-innen werden bei der Lösung kreativ, der Umfang ist angemessen, die Aufgabenstellung ist kurz, das Thema aktuell und die Bearbeitungsmöglichkeiten vielfältig, also offen. 

Doch welchen Zeitraum sollten Sie für die Bearbeitung der Aufgabe inklusive Lernfeedback veranschlagen? Hier empfiehlt Bob Blume, nach der sogenannten „4 + 1-Regel“ vorzugehen: Zu einem „ausgemachten, wiederkehrenden Zeitpunkt“ geben Sie Ihren Schüler/-innen die Aufgabe. Dann bekommen diese bis zum vierten Tag Zeit, um abzugeben. Die Lehrperson schaut die Lösungen an und gibt am nächsten Tag Feedback (+1). Die Rückmeldung erfolgt wahlweise in einer virtuellen Konferenz, schriftlich, als Audiofeedback oder als Video.

Alle Lösungen der Schüler/-innen kontrollieren – das kann ganz schön arbeitsintensiv sein und ist nicht zwingend erforderlich. Als Alternative rät Bob Blume zum Teilen von „positiven Beispielen“ einen Messenger, eine Cloud oder ein Padlet. Die Lehrkraft kommentiert dann z. B. mittels einer Audiodatei besonders gelungene Lösungen (ebd., S. 123). Apropos Audiobotschaften: Sie sind besonders „für die Kleinen auch so eine schöne Möglichkeit, sie mit der Stimme zu unterstützen, wertzuschätzen und den sozialen Kontakt aufrecht zu erhalten“, so Blume.

Komplexität der Aufgaben: Weniger ist manchmal mehr

Fraglich ist, wie komplex Informationen sein dürfen, ohne die Schüler/-innen zu überfordern. Hier lohnt es sich, auch wahrnehmungs- und lernpsychologische Erkenntnisse für digitale Unterrichtsphasen zu nutzen. Lernen Schüler/-innen besser mit einer aufwendigen Animation oder mit einer statischen Abbildung? Das prüfte der Psychologe Prof. Peter Gerjets vom Leibniz-Institut für Wissensmedien mit einem einfachen Experiment, das das Bildungsmagazin (W) wie Wissen vorstellt. Zwei Probandinnen sollten sich einprägen, mit welcher Flossenbewegung sich ein Fisch fortbewegt. Eine der Schülerinnen betrachtete dazu ein Foto des Fisches mit Pfeilen, die den Bewegungsablauf verdeutlichten. Die zweite sah eine Animation mit der Bewegung. Ergebnis: Beide Mädchen lernten gleich gut. „Es muss nicht immer aufwendig produziertes digitales Material sein“, erläutert Peter Gerjets im Video, „es reicht auch manchmal so eine schlichte, konzentrierte Zeichnung“.

Das gilt übrigens auch für die Informationssuche im Internet, bei der die Schüler/-innen über Hyperlinks „mehr Infos per Mausklick“ bekommen. Für das Gehirn bedeutet das Stress, wie Peter Gerjet mit Messungen der Gehirnströme und Augenkameras zeigte. Dabei fand er klare „Hinweise auf Arbeitsgedächtnis-Überlastung“. Und weil das Arbeitsgedächtnis zum Lernen benötigt wird, verschlechtern sich Lernergebnisse bei digitalen Informationen mit vielen Hyperlinks. „Allein dass sie da sind, führt zu einer Ablenkungswirkung“, so der Experte (ebd). – Fazit: Analoge Informationsquellen, wie z. B. ein Text in einem Fachbuch, dürfen im Distanzunterricht mit Fug und Recht weiterhin genutzt werden.

Martina Niekrawietz

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