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Spaß mit Risiko

Pokémon Go: eine Gefahr für Ihre Schüler?

Das Handyspiel Pokémon Go lockt Millionen Schüler weltweit zum „Monsterjagen“ ins Freie. Ganz ohne Risiko ist das nicht. Medienpädagogen geben Tipps zum Umgang mit dem Trendspiel.

Spaß mit Risiko: Pokémon Go: eine Gefahr für Ihre Schüler? Das sehen die Spieler: Ein Pokémon mitten auf dem Gehweg (Screenshot) © Lehrerbüro

„Die Superlative sparen wir uns. Downloadzahlen, Kursgewinne, Umsatzprognosen. Alles der Wahnsinn. Die Smartphone-App Pokémon Go bringt mehr Menschen auf die Straße als alle Protestparteien der Welt zusammen“, schreibt Philipp Reinartz am 14. Juli 2016 in der ZEIT. Mit dem Titel seines Beitrags sagt der Autor auch gleich treffend, worum es bei Pokémon Go geht: Die Spieler jagen, sammeln und kämpfen, und das nicht passiv zu Hause vor dem Bildschirm, sondern mit dem Smartphone in der Hand bei einer Art „Schnitzeljagd“ in der realen Welt.

Die Spieler werden per GPS-Verbindung geortet und sehen auf dem Handy-Display — wie bei einem Navigationssystem — ihre jeweilige Umgebung. Über die Rückkamera des Smartphones werden die Taschenmonster und andere virtuelle Spielelemente in die regionale Karte eingeblendet, sodass Realität und Spiel verschmelzen („Augmented Reality“). Wie das konkret aussieht, zeigt das — wegen einiger deftiger Ausdrücke für den Unterricht nicht geeignete — Anfänger-Tutorial des Gamers „Super Buddy“ auf YouTube (ab Minute 0:36).

Während digitale Spiele Kinder und Jugendliche sonst oft isolieren, „fordert und fördert“ Pokémon Go den Kontakt mit anderen Spielern: Man trifft sich an festgelegten Orten (z. B. Arenen in einer bestimmten Straße) und jeder Spieler gehört zu einem von drei Teams, die bei den Wettbewerben gegeneinander antreten.

Teamwork, gemeinsame Aktivitäten und Bewegung an der frischen Luft — das sind die positiven Aspekte der neuen Handy-App. Trotzdem bringt das Spielen mit Pokémon Go auch Risiken mit sich, die im (Medien-)Unterricht oder auch im Rahmen eines Elternabends angesprochen werden sollten.

„Krasse Geschichten“ zu Pokémon Go

Pokémon Go ist spannend und absorbiert die Aufmerksamkeit des Spielers: Da berichtet die Süddeutsche Zeitung von einem 32-Jährigen, der in der Münchner Fußgängerzone morgens um 6:20 Uhr Pokémons jagt, in der einen Hand das Handy, in der anderen einen Joint. Dabei war er „derart ins Spiel Pokémon Go vertieft, dass er die Polizisten neben sich nicht bemerkte“, schreibt das Blatt.

Andere Geschichten sind weniger vergnüglich: „An ungünstigen Stellen parkende Autofahrer sowie Fußgänger, die auf der Jagd nach Pokémon unachtsam auf die Straße laufen, haben bereits mehrfach für Verkehrsbehinderungen und Unfälle gesorgt“, erfährt man auf handysektor.de.

Daniel Heinz betrachtet auf der Website Spieleratgeber-NRW Pokémon Go „unter der pädagogischen Lupe“. Der Medienpädagoge rät hinsichtlich des Unfallrisikos zu Gelassenheit: Es sei nicht davon auszugehen, „dass nun eine ganze Horde Spieler wie die Lemminge durch die Straßen irrt und vor Laternen läuft“. Heranwachsende sollten vielmehr „allgemein für Gefahren bei der Smartphonenutzung im Straßenverkehr sensibilisiert werden.“ 

Trotzdem ist bei Pokémon Go ein warnendes Wort unbedingt angebracht: Schließlich sind die Taschenmonster überall anzutreffen, in der Nähe von Bahngleisen, auf Straßen, in Krankenhäusern und — nebenbei bemerkt — sogar in den vom sogenannten Islamischen Staat kontrollierten Gebieten, wie Robert Hofmann in der taz berichtet.

Handysektor.de (Link s. o.) erzählt noch weitere „krasse Geschichten zum Nintendo-Hit“, die sich sehr gut als Grundlage für eine Stunde über die Gefahren des Spiels eignen: So wurden in den USA mehrere Jugendliche „in eine abgelegene Gegend gelockt und dort ausgeraubt“. Die Autoren der Website empfehlen deshalb „unbedingt“, „aus Sicherheitsgründen immer gemeinsam auf die Jagd zu gehen“.

Weitere Storys handeln von Gamern, die Privatgrund betreten, an sicherheitsrelevanten Orten fotografieren oder bei der Pokémonjagd auf eine Leiche stoßen. — Zusätzliche medienpädagogisch bedeutsame Aspekte könnten noch ergänzt werden. Zum Beispiel die Frage, an welchen Orten es pietätlos oder unangebracht ist, Pokémon zu sammeln (vgl. dazu etwa den Artikel „Empörung über ‚Pokémon-Go‘-Monsterjagd in Auschwitz“ in der Tageszeitung DIE WELT.

Sicherheitsrisiken bei illegalen Downloads

Rechtsanwalt Christian Solmecke warnt auf seiner Kanzlei-Website vor Malware, die auf dem Smartphone installiert wird, wenn das Spiel nicht legal aus dem App-Store sondern aus „unsicherer Quelle“ geladen wird. So seien beispielsweise Android-Versionen mit dem DroidPack-Trojaner aufgetaucht, meldete heise.de am 10.07.2016. Damit „wäre ein Angreifer in der Lage, persönliche Daten aus dem Smartphone auszulesen und sogar aus der Ferne zu kontrollieren“, erläutert Immo Junghärtchen, der Autor des Beitrages bei heise.de.

Seit dem 13.07.2016 kann die kostenfreie App in den deutschen Stores für Android und iOS offiziell heruntergeladen werden. Bei mobilen App-Stores sollte man vorsichtig sein: Am 18.07.2016 meldete die Website ZDNet zum Beispiel: „Sicherheitsforscher finden 215 gefälschte Pokémon-Go-Apps“. Doch auch ohne Spionage-Malware geben Pokémon-Go-Nutzer einiges an Daten preis.

Datenschutzrechtliche Bedenken

Der Download von Pokémon Go ohne Erweiterungen kostet kein Geld, aber Daten. So werden „zahlreiche Nutzungsdaten gesammelt und zu Analyse-, Personalisierungs- und Marketingmaßnahmen verwertet“, erläutert Daniel Heinz vom Spieleratgeber-NRW (Link s. o.), dazu gehörten auch Bewegungsprofile. „Zudem können laut AGBs personenbezogene Informationen aus Sicherheitsgründen nach eigenem Ermessen an staatliche Stellen wie Ermittlungsbehörden oder Privatpersonen weitergegeben werden“, so der Medienpädagoge. Ingo Dachwitz zitiert auf der Website netzpolitik.org den fragwürdigen Passus und rät: „Wer auf den Pokémon-Zug aufspringen möchte, sollte sich die Datenschutzbestimmung lieber einmal in Ruhe durchlesen und dann nochmal überlegen.“ Auch Rechtsanwalt Christian Solmecke (Link s. o.) meldet „erhebliche datenschutzrechtliche Bedenken“ an: „Schwammige Formulierungen machen es für den Nutzer äußerst schwierig nachvollziehen zu können, welche Daten im Einzelnen während der Nutzung gespeichert werden und wie die Daten verwendet werden“, kritisiert der Jurist.

Der [sic!] Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat Niantic, den kalifornischen Entwickler von Pokémon Go, am 20.07.2016 wegen 15 Klauseln aus den Nutzungs- und Datenschutzbestimmungen der App abgemahnt. „Gibt das Unternehmen keine Unterlassungserklärung ab, droht ein Klageverfahren“, schreibt der vzbv in seiner Pressemitteilung.

„Liest Pokémon Go die E-Mails eures Google-Kontos?“, fragen die Autoren der Website NJOY des Norddeutschen Rundfunks. Der Sicherheitsexperte Adam Reeve hatte zuvor gewarnt, dass die Pokémon-App sich einen Vollzugriff auf das Google-Konto sichern würde, „ohne zu fragen, leise im Hintergrund.“ Zur Sicherheit sollte man deswegen in den Google Einstellungen prüfen, ob dem so ist.

Im Unterricht empfiehlt es sich unbedingt, den Schülern bewusst zu machen, welche weitgehenden Berechtigungen sie erteilen, wenn sie den AGB zustimmen. Alexandra Mielke fasst das auf der Website gamona.de in ihrem Beitrag „Pokémon Go — Datenschutz und App-Berechtigungen: Was darf die App auf eurem Smartphone?“ zusammen.

Suchtpotenzial inbegriffen und nichts für kleine Kinder

Pokémon Go frisst nicht nur in kürzester Zeit den Akku leer, sondern auch viel Zeit: Schon wenige Tage nach Erscheinen hat die App hinsichtlich der Nutzungszeit „WhatsApp“, „Instagram“, „Snapchat“ und „Messenger“ überholt: 43 Minuten am Tag verbringen die Spieler damit (gefolgt von „WhatsApp“ mit 30 Minuten), wie eine Grafik in DIE WELT vom 14.07.2016 zeigt. Das ist eine Menge Zeit, die Kinder und Jugendliche aber immerhin mit einem „Gegenprogramm“ zum vielen Sitzen am Schreibtisch, Computer oder vor dem Fernseher verbringen.

Die Medienpädagogen von handysektor.de widmen sich ausführlich dem Thema Mediensucht, auch speziell im Hinblick auf Pokémon Go. „Eines vorne weg: Nur weil du eine Zeitlang nach der App verrückt bist, heißt das noch lange nicht, dass du gleich süchtig bist“, heißt es da, bevor die Indikatoren für eine Suchterkrankung kurz umrissen werden: Wer sich „über längere Zeit immer mehr vom Spiel vereinnahmen lässt, soziale Kontakte vernachlässigt, anderen gegenüber die Dauer der Nutzung verleugnet oder bei längerer Nicht-Nutzung Entzugserscheinungen bekommt, der sollte schleunigst Gegenmaßnahmen treffen“, raten die Autoren der Website. Es folgen Ideen für spannende Aktivitäten von einem „Ausflug ins Freibad“ bis zu einem „Zoobesuch“ („Unsere Empfehlung zwischen süß und gruselig: Tapire, Erdmännchen oder Vogelspinne.“)

Weiterführende Hinweise:

Das Anfänger-Tutorial von „mydealz“ enthält gute spielrelevante und auch „pädagogisch wertvolle“ Tipps wie „Gebt erst mal kein Geld aus, ihr bekommt die Items auch ganz gut so“. — Prädikat „empfehlenswert für Schüler“.

Auch die Website SCHAU HIN! widmet dem Spiel einen informativen Artikel mit sinnvollen Empfehlungen für Eltern.

Daniel Heinz vom Spieleratgeber-NRW (Link s. o.) macht das vom Entwicklungsstand des Kindes abhängig: Junge PG-Nutzer sollten Kaufanreizen Stand halten können, die „eigene Spielzeit kritisch reflektieren“, sich im Kontakt mit Fremden vorsichtig verhalten, den „Wert von Daten erkennen“ und „sicher im Straßenverkehr agieren“. — Diese Fähigkeiten könnten bei Kindern unter 12 Jahren „noch nicht ausreichend vorhanden sein“, so der Autor.

Folgekosten: Pokémon Go weckt Begehrlichkeiten

Download und Nutzung des Spiels sind zwar kostenlos, aber einige Items können über den Ingame-Shop erworben werden: Wird zum Beispiel „ein seltenes Pokémon entdeckt und es sind gerade keine Pokébälle zum Fangen parat, kann schnell der Reiz entstehen, Geld ausgeben zu wollen“, erläutert Daniel Heinz auf der Website Spieleratgeber-NRW“ (Link s. o.). Eltern könnten allerdings „die Geräte so konfigurieren, dass keine Zahlungen getätigt werden können.“ Zudem könne man „sich alle Gegenstände auch erspielen“, so Heinz.

Natürlich will Nintendo mit der App Geld verdienen und weckt Begehrlichkeiten: So wird der Hersteller Niantic demnächst auch eine App für die Smartwatch auf den Markt bringen. Schon jetzt lockt „Pokémon GO Plus“ das junge Publikum: Für schlappe 50 Euro ist das kleine Gerät zu haben, mit dem man unterwegs Pokémon GO spielen kann, ohne auf das Handy gucken zu müssen. Es summt und leuchtet, wenn ein Pokémon in der Nähe ist.

Und man kooperiert bereits mit Werbepartnern, wie zum Beispiel in Japan mit McDonald’s: „Die Fastfood-Kette könnte in rund 3000 japanischen Filialen ‚Gyms‘ errichten, in denen Pokémon-Monster gegeneinander antreten oder trainieren“, schreibt das Branchenmagazin „Werben&Verkaufen“. Pokémon Go bringt Kinder und Jugendliche direkt an den Point of Sale von Burger, Pommes und Co. — eine ganz neue Dimension der Manipulation des Kaufverhaltens.

Martina Niekrawietz

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