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Hotpants & Co.

„Aufreizende“ Kleidung an Schulen verbieten?

Wie viel Bauch und Beine dürfen Schülerinnen in der Schule zeigen? Ist eine Kleiderordnung für „aufreizend“ gekleidete Schülerinnen zulässig? Diese Fragen sind alljährlich in den heißen Monaten Gegenstand kontroverser Diskussionen. Auch ein Blick auf die Rechtslage schafft keine eindeutige Klärung.

Hotpants & Co.: „Aufreizende“ Kleidung an Schulen verbieten? Was in der Freizeit als Kleidung akzeptiert ist, kann in der Schule durchaus anecken © pio3 - Fotolia.com

Bauchfreie Tops, knapp sitzende Hotpants und allzu kurze Miniröcke in der Schule erhitzen immer wieder die Gemüter. Vor allem dann, wenn sie — wie zuletzt im Sommer 2015 in einer Werkrealschule in Horb am Neckar — von der Schulleiterin verboten werden. In einem Brief an die Eltern, veröffentlicht im „Schwarzwälder Boten“, monierte sie, dass die Mädchen sich häufig „sehr aufreizend“ kleideten, was nicht länger geduldet werde: „Wir werden dran gehen und gemeinsam mit Schülerinnen, Schülern, aber auch Eltern eine Kleiderordnung erstellen, die dann in die Hausordnung aufgenommen werden wird“, schreibt sie weiter. Bis dahin gelte die Regel „Wer zu aufreizend gekleidet ist (...), der bekommt von der Schule ein großes T-Shirt gestellt, das er/sie sich bis zum Schultagsende anziehen muss.“ Sie wolle damit nicht die Individualität der Schülerinnen unterdrücken, begründete die Schulleiterin, sondern durch die Maßnahme „ein kleines Stück zu einem gesunden Schulklima beitragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.“

Echo in den Medien

Das Vorgehen der Schulleiterin gab Anlass zu einer bundesweiten Debatte in den Medien: Margarete Stokowski fragt in der taz, was das denn für „Werte“ seien, „die da so dringend gelebt und gefördert werden sollen“ und schließt die Antwort darauf aus der Wortwahl der Schulleiterin: „Aufreizend“ werde nicht weiter erläutert, hieße aber: „Die knappen Klamotten könnten jemanden reizen, etwas zu tun. Hinzugucken. Hinzugreifen. Die Werte, die hier vertreten werden, heißen: Rape Culture und Victim Blaming.“

Der SPIEGEL Online berichtete über „zahlreiche User“, die sich in den sozialen Medien darüber aufregten, „dass Schülerinnen mit solchen Verboten zu Sexobjekten degradiert würden“. — Übrigens ein beliebtes Thema, das alljährlich im Sommer bemüht wird: Bereits 2003 titelte die Onlineausgabe des SPIEGEL: „Bremens Bildungssenator: ‚Bei den Sexbomben möchte ich nicht Junglehrer sein‘“.

Die Süddeutsche Zeitung nimmt den aktuellen Fall in Horb-Altheim zum Anlass, die Situation in Bayern zu beleuchten und schildert u. a., wie der — wenig restriktiv gehandhabte — Dresscode am Deutschaus-Gymnasium in Würzburg begründet und von den Schülern aufgenommen wurde. Wie in vielen anderen Zeitungen wird auch hier über „eine Kleiderdiskussion der etwas anderen — genauer: fragwürdigen — Art“ berichtet: Der Direktor des Wilhelm-Diess-Gymnasiums in Pocking, dessen Turnhalle als Notunterkunft für Flüchtlinge genutzt wird, warnte die Schülerinnen vor „Diskrepanzen“ mit den Asylbewerbern: „Durchsichtige Tops oder Blusen, kurze Shorts oder Miniröcke könnten zu Missverständnissen führen.“ — Leider kein Einzelfall: Auch der Leiter eines Brandenburger Gymnasiums ließ es in einer vergleichbaren Situation an politischer Korrektheit fehlen.

Verbot „aufreizender“ Kleidung rechtmäßig?

„Ob Mini-Rock oder Baggy-Pants: Gegen trendige Klamotten ist grundsätzlich nichts einzuwenden“, so der Autor eines Beitrags zu diesem Thema auf der Website der Rechtsschutzversicherung D.A.S.. Denn das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit gemäß Grundgesetz Art. 2 Abs. 1 und 2 gelte „selbstverständlich auch für Schüler“. Wie auch teilweise aus dem Gesetzestext hervorgeht, wird dieses Persönlichkeitsrecht der Schüler eingeschränkt, wenn es …

  • „die Rechte anderer verletzt und / oder
  • gegen die guten Sitten verstößt oder
  • die Erfüllung des Erziehungs- und Bildungsauftrages oder die schulische Ordnung“ stört. (Website der Rechtsschutzversicherung D.A.S., ebd.)

Allerdings: Wenn auch in manchen Schulen „das Tragen bauchfreier Tops inzwischen verboten“ wurde, sei doch gerichtlich „über die Zulässigkeit dieser Anweisung noch nicht entschieden“ worden. Grundsätzlich gelte aber: „Ein Verbot muss in jedem Fall verhältnismäßig sein, also in einem angemessenen Verhältnis zur verursachten Störung stehen.“ (ebd.)

Das Stuttgarter Kultusministerium sieht ebenfalls keine Grundlage für moralisch begründete Kleidervorschriften: „Die Schule ist nicht berechtigt, die eigene Moralvorstellung zum Gradmesser für eine korrekte Kleidung zu machen“, so zitiert die Website advocard.de eine Sprecherin der Behörde, bislang gebe es an öffentlichen Schulen keine Kleiderordnung. Dennoch dürfe die Schulleitung intervenieren, wenn „aufreizende Kleidung“ von Schülerinnen den Schulfrieden gefährden würde, weil Mitschüler dadurch abgelenkt würden. — Tatsächlich könne das Persönlichkeitsrecht „durch andere gesetzliche Vorgaben eingeschränkt werden“, so die Autoren der Website.

Meinungsumfrage: Knappe Kleidung verbieten?  

51 Prozent der Deutschen befürworten ein Verbot knapper Kleidung an Schulen. Zu diesem Ergebnis kam das Meinungsforschungsinstitut YouGov nach einer Onlinebefragung  von 1462 Personen. Vor allem die Frauen waren für das Verbot (58 Prozent), nur 33 Prozent von ihnen sprachen sich dagegen aus. Lediglich die jüngste Gruppe der Befragten, die 18- bis 24-Jährigen, waren mit 52 Prozent mehrheitlich dagegen.

Wie Lehrkräfte über das Verbot allzu knapper Hosen und Tops denken, geht aus der Befragung nicht hervor. Lehrerin Catrin Kurtz jedenfalls sieht’s nicht so eng: „Lasst die Kinder anziehen, was sie wollen, solange Eltern und Mitschüler das okay finden — und die wichtigsten Stellen bedeckt sind (Nippel!). Im Zweifelsfall merken die Schüler selbst, wenn ein Kleidungsstück zu knapp oder anderweitig unpassend war“, schreibt sie in der Süddeutschen Zeitung und beschließt ihren Beitrag im Lehrer-Blog, um sich ihre „Klamotten“ für den nächsten Schultag bereitzulegen: „Es soll ja warm werden, wie wäre es mit Hotpants und Top?“

Martina Niekrawietz

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