Fach/Thema/Bereich wählen
Aufsichtspflicht

Betreuung und Haftung auf Klassenfahrten

Klassenfahrten sind juristisch gesehen „Unterricht an einem anderen Ort“. Das bedeutet: Was im gewöhnlichen Schulalltag gilt, muss auch unterwegs beachtet werden. Damit besteht die schulische Aufsichtspflicht - rund um die Uhr. Doch wie ist das in der Praxis möglich?

Aufsichtspflicht: Betreuung und Haftung auf Klassenfahrten Auf Klassenfahrten gilt die schulische Aufsichtspflicht © Edler von Rabenstein - Fotolia.com

Cuxhaven, Jugendherberge. Die Sommernacht ist warm, die Stimmung ausgelassen, das Bier schmeckt. Drei Neuntklässler schleichen sich zum Strand. Mal was erleben, ein bisschen Abenteuer. Beim „Strandkorb-Rodeo“ – einer setzt sich auf den Korb, die anderen rütteln, bis er fällt – stürzt Torben heftiger als geplant. Der nächtliche Ausflug endet in der Notaufnahme: Der 15-Jährige zieht sich eine komplizierte Handgelenkfraktur zu. Klassenlehrer Andreas Brandert konnte den Jungen nur noch in die Klinik fahren.
Ist der erste Schreck verflogen, werden in solchen Situationen schnell Schuldfragen gestellt. Hätte der Lehrer besser aufpassen müssen? Wäre der Unfall vermeidbar gewesen, wenn häufiger kontrolliert worden wäre? Wer zahlt die Behandlungskosten? Grundsätzlich gilt: Die schulische Aufsichtspflicht gibt es auch auf Klassenfahrten. Wie im normalen Schulbetrieb müssen Kinder und Jugendliche deshalb – so verlangt es der Gesetzgeber  –  aktiv, präventiv und kontinuierlich betreut werden.

Schüler sollen Verantwortung übernehmen

In der Praxis stößt das aber schnell an Grenzen: Alle Schüler tagelang und rund um die Uhr zu beaufsichtigen, ist schlicht nicht möglich. „Die Aufsichtspflicht besteht selbstverständlich“, erläutert Ilse Schaad, Leiterin des Vorstandsbereichs Angestellten- und Beamtenpolitik beim GEW-Hauptvorstand. „Aber Kinder sollen auch zur Übernahme von Verantwortung für sich selbst und andere erzogen werden. Das heißt dann auch, dass dem Alter und der Entwicklung eines Kindes entsprechend nicht 24 Stunden beaufsichtigt werden muss, sondern den Kindern und Jugendlichen auch Freiräume für selbstbestimmtes Handeln gelassen werden können und dürfen.“ Arbeits- und Verwaltungsgerichte hätten dies immer wieder bestätigt.

Mehr zum Thema:

Informationen vor allem zu Haftungsfragen auf Klassenfahrten bietet die Website Paragraf – Schulrecht für Schleswig-Holstein.

Wie viel Betreuung wirklich notwendig ist, muss man als Verantwortlicher letztlich also selbst abschätzen. Denn nur Weniges ist verbindlich geregelt, auch der Bundesgerichtshof legt sich hier nicht fest: „Das Maß der gebotenen Aufsicht richtet sich nach Alter, Eigenart und Charakter des Kindes, sowie danach, was dem Aufsichtspflichtigen in der konkreten Situation zugemutet werden kann“, heißt es in einer Urteilsbegründung aus dem Jahr 1984 (BGH in NJW 1984, S.2574). Konkret bedeutet das: Auf nicht verhaltensauffällige und normal entwickelte Teenager braucht man nicht auch noch in der Nacht aufzupassen. Bei Jugendlichen hingegen, die bereits zuvor Schwierigkeiten gemacht haben, sind stichprobenartige Kontrollen sinnvoll.

Einschätzung des Lehrers ist gefordert

Das Thema Aufsichtspflicht sollte idealerweise schon bei den Planungen zu einer Wanderung, zur Exkursion oder zur Klassenfahrt eine Rolle spielen. Als Lehrer sollte man sich vorher überlegen, ob die Schüler für das jeweilige Vorhaben die nötige Reife besitzen. Ein ganztägiger Ausflug in die Amsterdamer Innenstadt beispielsweise ist nicht mit jeder Klasse möglich. Und selbst wenn ein Schüler wegen groben Regelverstoßes vorzeitig nach Hause geschickt wird, ist das Ermessen des Lehrers gefragt: Denn grundsätzlich dürfen Minderjährige zwar alleine mit der Bahn fahren, doch das sollte man nur erlauben, wenn man sich auch absolut sicher sein kann, dass der Schüler damit nicht überfordert ist. Im Zweifel sollte man ihn lieber von seinen Eltern abholen oder eine Begleitperson mitfahren lassen.

Haftung nur bei grober Fahrlässigkeit

Kommt es wegen einer Aufsichtspflichtverletzung zu einem Schaden, gilt auch auf Klassenfahrten: Die gesetzliche Unfallversicherung zahlt. In Regress genommen werden kann nur, wer grob fahrlässig handelt, sich also extrem unvorsichtig verhält. Anders sieht es aus, wenn die Schüler selbst Schuld haben, denn dann ist es Aufgabe ihrer eigenen Versicherung, für einen etwaigen Ausgleich zu sorgen. Bei Torben und den anderen „Rodeoreitern“ wäre dies der Fall: Ihr nächtlicher Strandspaziergang war kein schulischer Ausflug, sondern eine verbotene Privataktion. Der Lehrer hatte zuvor darauf hingewiesen, dass die Jugendherberge nicht alleine verlassen werden darf. Grund für die Annahme, dass sich einige nicht an diese Regel halten würden, hatte er nicht. Eine Aufsichtspflichtverletzung kann ihm in diesem Fall nicht vorgeworfen werden.

Stefan Hirsch

Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Schule
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×