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Datenschutz

Darf der Lehrer vor der Klasse Zensuren vorlesen?

Wenn Zensuren vor der Klasse vorgelesen werden, stößt das nicht bei allen Schülen auf Gegenliebe. Manche empfinden das als Bloßstellung. Die Rechtslage ist bundesweit uneinheitlich, was mancherorts erlaubt ist, kollidiert anderswo mit Datenschutzgesetzen.

Datenschutz: Darf der Lehrer vor der Klasse Zensuren vorlesen? So mancher Lehrer ist veunsichert: Was darf ich vor allen Schülern in der Klasse bekanntgeben und was nicht? © kantver - Fotolia.com

In ihrer Anfangszeit hat Jutta Schulte sich bei ihren Schülern mittels anonymen Fragebögen erkundigt, ob sie damit einverstanden sind, dass Zensuren im Klassenverband vorgelesen werden. Inzwischen verzichtet die Realschulehrerin auf die Befragung: „Das Ergebnis war jedesmal eindeutig: Meistens waren rund 80–90% dagegen, und wünschten sich, dass die Noten im Vier-Augen-Gespräch mitgeteilt werden. Den anderen war es vermutlich eher egal, als dass sie ein Vorlesen begrüßt hätten.“

Schulte lebt und arbeitet in Hannover. Niedersachsen gehört zu den wenigen Bundesländern, in denen es erlaubt ist, Zensuren vor Lerngruppen vorzulesen. Das Nichtbestehen eines Verbotes wird aus allgemeinen Rechtsnormen des Schulgesetzes abgeleitet. So teilt der Landeselternrat Niedersachsen mit: „Nach § 2 Niedersächsisches Schulgesetz ist es die Aufgabe der Schule, die Bereitschaft und Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern, für sich allein wie auch gemeinsam mit anderen zu lernen und Leistungen zu erzielen. (...) Somit hat die Schule nicht nur den Auftrag, Wissen zu vermitteln, sondern auch die Verpflichtung, pädagogisch auf die ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen einzuwirken und ihnen eine Einordnung der eigenen Leistung zu ermöglichen. Damit ist es durchaus zulässig, im Rahmen des Unterrichts die Noten aller Schüler vor einem Klassenverband bzw. einer Lerngruppe bekannt zu geben und mit Hilfe eines Notenspiegels die Eltern über die leistungsmäßige Einordnung ihrer Kinder zu informieren.“

Bedenken ernst nehmen

Jörg Müller vom niedersächsischen Landeselternrat sagt auf Nachfrage: „Die Entscheidung liegt bei der Schule. Solange nichts anderes vereinbart wurde, spricht nichts dagegen, die Noten aller Schüler vor der Klasse bekannt zu geben. Allerdings sollten Lehrer die Bedenken Einzelner ernst nehmen. Wenn es einem Schüler unangenehm ist, dass die anderen von seinen Zensuren erfahren, sollten entsprechende Konsequenzen gezogen werden.“

In den meisten anderen Bundesländern gelten dagegen Einschränkungen. So zum Beispiel in Bayern: Hier hält es der Landesdatenschutzbeauftrage für problematisch, Leistungsbeurteilungen vor dem Klassenverband bekannt zu geben. Lehrer werden dazu angehalten, diese im Vier-Augen-Gespräch mitzuteilen. 

Links zum Thema:

Weiterführende Texte zum Thema Informationssicherheit finden sich auf der Homepage des Bundesdatenschutzbeauftragten

Eine Übersicht über die Schulgesetze der Bundesländer gibt es auf der KMK-Homepage. 

Dass viele Schüler sich eine diskrete Bekanntgabe ihrer Leistungsbeurteilungen wünschen, liegt sicher auch daran, dass vermehrt Wert auf gute Noten gelegt wird. In einem lesenswerten Artikel schreibt die SZ über das „nationale Notentrauma“.

Soll aus pädagogischen Gründen die Zensurenverteilung offengelegt werden, wird empfohlen, einen Notenspiegel ohne Namensnennung zu erstellen. Diese Vorgaben sind bindend. Auch wenn die Mehrheit der Schüler und Eltern einverstanden wäre, bliebe es unzulässig, Noten laut vorzulesen. „Eine Einwilligung in die Übermittlung personenbezogener Daten kommt nur dann in Betracht, wenn die Übermittlung der Aufgabenerfüllung der Schule dient. Wie eben dargelegt, ist dies bei dem Verlesen der Noten — auch nach Auffassung des Kultusministeriums — aber in der Regel gerade nicht der Fall“, gibt der Datenschutzbeauftrage auf seiner Homepage bekannt.  

Lebenswirklichkeit erfordert Zugeständnisse

Nicht ganz so streng sind die Regeln in Thüringen. So sagte Kultusministeriumssprecher Gerd Schwinger auf eine Anfrage der Südthüringer Tageszeitung „Freies Wort“, dass Noten zumindest nicht gegen den Willen der Schüler bekannt gegeben werden dürfen. Er räumte aber gleichzeitig ein, dass die Lebenswirklichkeit an den Schulen Zugeständnisse erforderlich mache, beispielsweise seien mündliche Prüfungen an der Tafel nun mal öffentlich.

Es bestehen also enorme landesspezifische Unterschiede darüber, ob Schulnoten vor der Klasse verkündet werden dürfen oder nicht. In vielen Fällen finden sich auf den Internetseiten der zuständigen Kultusministerien und Landesdatenschutzbeauftragten verlässliche Informationen. 

Allerdings sollte bedacht werden, dass es Schüler und Eltern — auch unabhängig von geltenden Rechtsnormen — häufig als störend und ungerechtfertigt empfinden, wenn Zensuren jedem aus der Klasse bekannt werden. Nahvollziehbar, denn wer will schon, dass seine Fünf in Mathe an die große Glocke gehängt wird? Im Zweifelsfall tut man sicher den meisten Beteiligten einen Gefallen, die Noten in vertraulichem Rahmen mitzuteilen.

 

Stefan Hirsch

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